Luzerner Regierung will die Kitaplätze für behinderte Kinder verdoppeln

Kinder mit einer Behinderung haben nur beschränkt Zugang zu Kitas. Die Luzerner Regierung will die Lücke nun schliessen – auch finanziell.

Evelyne Fischer
Drucken
Teilen

Miro, 3, und Lea, bald 4, zählen zu den Kindern mit besonderen Bedürfnissen: Bei Miro, einem Bub aus einer Luzerner Landgemeinde, besteht der Verdacht auf Autismus; Lea, ein Mädchen aus der Agglo, besitzt die mentalen und motorischen Fähigkeiten einer 1,5-Jährigen. Die Beispiele sind anonymisiert und haben eines gemein: Zusammen mit Kindern ohne Behinderung besuchen die beiden eine Kita plus. Eine Tagesstätte, deren Personal von heilpädagogischem Fachkräften unterstützt wird. 18 Gemeinden kennen solche Institutionen, davon profitieren rund 30 Vorschulkinder.

Das Pilotprojekt Kita plus

Vorschulkinder mit besonderen Bedürfnissen konnten lange nur in heilpädagogischen Tagesspielgruppen betreut und gefördert werden. Da dies nicht ausreichte, wurde 2012 in der Stadt Luzern das Pilotprojekt Kita plus lanciert. Inzwischen kennen auch folgende Gemeinden das Angebot: Adligenswil, Ebikon, Emmen, Entlebuch, Geuensee, Hochdorf, Horw, Kriens, Malters, Mauensee, Meggen, Oberkirch, Ruswil, Schenkon, Sursee, Triengen und Zell.

Künftig sollen es doppelt so viele sein: Die Luzerner Regierung will eine Motion von Jim Wolanin als erheblich erklären, wie die am Dienstag publizierte Antwort zeigt. Der FDP-Kantonsrat und Sozialvorsteher von Neuenkirch verlangt eine entsprechende Finanzierungsregelung im Volksschulbildungsgesetz. Denn: Eltern von einem behinderten Kind werden aktuell für einen Kitaplatz stärker zur Kasse gebeten, als Eltern mit einem Kind ohne besondere Bedürfnisse.

Und: Eine frühzeitige Förderung erhöht die Chance, dass das betroffene Kind integrativ in einer Regelklasse unterrichtet werden kann. Besucht es elf Jahre eine Sonderschule, kostet das die öffentliche Hand rund eine Million Franken. Zum Vergleich: Ein Kind in der Volksschule verursacht Ausgaben von rund 200'000 Franken, mit integrativer Sonderschulung je nach Behinderung zwischen 400'000 und 600'000 Franken.

In der Kita plus treffen Kinder mit und ohne Behinderung aufeinander.

In der Kita plus treffen Kinder mit und ohne Behinderung aufeinander.

Symbolbild: Pius Amrein, 18. März 2020

Kita-plus-Plätze sollen von 30 auf 60 steigen

Wie die Regierung schreibt, ist das Angebot an Betreuung und Förderung für Kinder mit geistigen Behinderungen, Sprach- oder Verhaltensauffälligkeiten derzeit «klein». Das will sie ändern. Hochrechnungen zufolge bräuchte es im Kanton 60 bis maximal 75 Kita-plus-Plätze. Die Regierung will nun 30 zusätzliche Plätze schaffen.

Das dürfe nicht als Minimallösung gewertet werden, sagt Charles Vincent, Leiter der Dienststelle Volksschulbildung: «Die Beanspruchung eines Kita-Platzes ist freiwillig. Wir gehen davon aus, dass nicht alle Eltern von behinderten Kindern davon Gebrauch machen.» Da zwei Drittel der Bevölkerung in der Stadt und Agglo von Luzern leben und hier die Kitanutzung am höchsten ist, würden primär hier zusätzliche Plätze geschaffen. «Aber auch bei Krippen auf dem Land gibt es Nachholbedarf.»

«Es geht hier um Chancengleichheit»

Die jährlichen Mehrkosten, die sich Kanton und Gemeinden teilen sollen, beziffert die Regierung auf rund 400'000 Franken. Zur Einordnung: Ein Kita-plus-Platz verursacht durch den Einsatz von Früherziehrinnen und dem höheren Betreuungsaufwand Mehrkosten von rund 12'650 Franken jährlich. Eltern haben den regulären, allenfalls kommunal subventionierten Kitabeitrag zu leisten. Vincent: «Es geht hier um Chancengleichheit. Eltern mit einem behinderten Kind sollen nicht mit höheren Kitakosten bestraft werden.»

Noch ist offen, wann der Vorstoss ins Parlament kommen wird. Klar ist: Mit Unterzeichnern aus allen Fraktionen liegt eine Überweisung auf der Hand. Laut Vincent könnte das revidierte Gesetz per 2022 in Kraft treten.

«Absolut happy» über die Erheblicherklärung zeigt sich Jim Wolanin. Der Vorstoss habe ihm einiges abverlangt. Bis zur Motion im Wortlaut und einem dazugehörigen Factsheet sei ein halbes Jahr vergangen. «Danach brauchte es Überzeugungsarbeit bei Kantonsräten von links bis rechts», so Wolanin.

«Wenn es um eine zusätzliche staatliche Leistung geht, ist man vorsichtig.»

Doch Forschungsergebnisse würden zeigen: Das Angebot sei ein Gewinn für die Kinder, die Eltern und den Staat. «Dieses Argument stimmte selbst die grössten Skeptiker um.»

Kibesuisse begrüsst die gesetzliche Verankerung

Dass die Luzerner Regierung die Motion von Jim Wolanin (FDP, Neuenkirch) als erheblich erklären will, wird auch vom Verband Kinderbetreuung Schweiz – kurz Kibesuisse – begrüsst. «Denn der Vorstoss zielt nicht nur darauf ab, die heutigen Kita-plus-Strukturen gesetzlich zu verankern. Insbesondere sichert er auch die Mehrkosten finanziell ab, die in Kindertagesstätten bei der Betreuung von Kindern mit besonderen Bedürfnissen anfallen», sagt Simone Sprecher, Regionalleiterin Zentralschweiz.

Kibesuisse ist überzeugt: Eine «volle und wirksame Teilhabe an der Gesellschaft» lässt sich am besten realisieren, wenn sie von Geburt an beginnt. «Kitas sind der erste ausserfamiliäre Kontaktpunkt für Kinder. Hier lernen sie mit- und voneinander», sagt Sprecher. Wenn alle Kinder, ob mit oder ohne Beeinträchtigung, gemeinsam die gleichen Tagesstätten besuchen, werde Verschiedenheit für alle selbstverständlich. «Für Eltern bedeuten die inklusiven Strukturen zudem eine Entlastung.»

Das Luzerner Modell hat bereits Schule gemacht und wurde von den Kantonen Nidwalden, Uri, St. Gallen, Basel-Landschaft und der Stadt Bern übernommen. Weitere Kantone habe ihr Interesse angemeldet.

Mehr zum Thema