Luzerner Regierung will Pilzschontage abschaffen

Geht es nach dem Regierungsrat, können sich Pilzsammler freuen. Künftig soll das «Pilzlen» auch am 1. bis 7. Tag des Monats erlaubt sein.

Susanne Balli
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Ein schönes Exemplar eines Steinpilzes.

Ein schönes Exemplar eines Steinpilzes.

Bild: Boris Bürgisser, Kriens,
20. September 2018

Ein alter Zopf soll fallen. Während der ersten sieben Tage im Monat ist gemäss der geltenden Verordnung zum Schutz der Pilze das Pilzesammeln im Kanton Luzern verboten. Diese Schontage will der Luzerner Regierungsrat nun abschaffen. Er beantragt dem Kantonsrat, ein entsprechendes Postulat der Grünen Kantonsrätin Noëlle Bucher (Luzern) als teilweise erheblich zu erklären.

Der Regierungsrat begründet seinen Entscheid damit, dass die Pilzschontage nicht mehr aufgrund ihrer ursprünglichen Bestimmung aufrecht erhalten bleiben müssen. Er beruft sich auf die Erfahrung vieler Kantone ohne Schontage. Luzern gehört zu den fünf letzten Kantonen mit Pilzschontagen (siehe Kasten). Deren Aufhebung erfolge «im Sinne einer Liberalisierung zu Gunsten der Pilzsammlerinnen und Pilzsammler», wie aus der regierungsrätlichen Antwort hervorgeht. Zudem, «um Vorschriften, die aus heutiger Sicht zum Schutz der Pilze nicht mehr erforderlich sind, abzubauen».

Sieben Kantone führen noch Schontage oder Schonzeiten

Heute kennen laut der Schweizerischen Vereinigung amtlicher Pilzkontrollorgane (Vapko) nur noch die Kantone Luzern (jeweils vom 1. bis 7. Tag jeden Monats) und Obwalden (1. bis 7. jeden Monats und nachts) sowie Zürich, Graubünden und Glarus (jeweils vom 1. bis 10. jeden Monats) Pilzschontage.

Schonzeiten haben die Kantone Tessin und Freiburg festgelegt: Dort ist das Pilzesammeln jeweils von 20 bis 7 Uhr verboten. In 16 Kantonen gibt es Mengenbeschränkungen für das Sammeln von Pilzen. Im Kanton Luzern sind beispielsweise pro Tag und Person 2 Kilogramm Steinpilze und 500 Gramm Eierschwämme erlaubt. In vielen Kantonen sind zudem das organisierte Sammeln und die mutwillige Zerstörung von Pilzen verboten. Einige Gemeinden haben darüber hinaus eigene Bestimmungen. Für die ganze Schweiz gilt: In Natur- und Pflanzenschutzgebieten dürfen keine Pilze gesammelt werden. (sb)

Kanton führte zu den Schontagen bereits Befragungen durch

Der Regierungsrat will die entsprechende Bestimmung in der Verordnung zum Schutz der Pilze ohne weitere Vernehmlassung umsetzen. Dies, weil er in der Vergangenheit bereits vertiefte Abklärungen getroffen hatte. 2008 lehnte der Kantonsrat eine Aufhebung der Schontage ab. Im Jahr 2017 führte die zuständige Dienststelle aufgrund einer Anfrage eine «Konsultation zur Frage der Pilzschontage» bei Pilzvereinen, Umweltschutzverbänden, Waldeigentümern, Tourismusverantwortlichen und bei den Sektionen der Revierjagd Luzern durch. «Die Konsultation ergab ein völlig kontroverses Resultat», schreibt der Regierungsrat weiter. Wenig überraschend votierten dabei alle befragten Akteure aus der Interessengruppe Pilzsammler und ihrer Vereine für eine Aufhebung der Schonzeit. Hingegen sprachen sich alle anderen Befragten – der Jagdverband, Naturschutzorganisationen sowie Tourismusvertretungen – für die Beibehaltung der Pilzschonzeit und den damit verbundenen Schutz der Lebensräume vor Störung aus.

Dieser Schutz der Flora und Fauna war denn in den letzten Jahren auch das vorgebrachte Hauptargument, die Pilzschontage beizubehalten. Wie es in der Antwort des Regierungsrates weiter heisst, erkennen die Befürworter der Pilzschontage an, «dass heute der Nebeneffekt der Schontage für die Lebensräume und die Lebensgemeinschaft offenkundig wichtiger geworden ist als der ursprüngliche Schutzzweck selbst, und dass das Instrument der Schontage für die Artenvielfalt der Pilze somit möglicherweise entbehrlich ist.»

Die Regierung nimmt «den einhergehenden Verlust der bisherigen Störungsberuhigung in verschiedenen Lebensräumen in Kauf» und verzichtet auf die Ausscheidung von neuen Pilzschutzgebieten, wie die Postulantin dies vorschlug. Die Ermittlung sowie die Ausscheidung und Kontrolle von neuen Pilzschutzgebieten wäre laut Regierung mit einem immensen Aufwand verbunden. Dieser sei durch die Notwendigkeit für den Pilzschutz nicht oder kaum zu begründen und stehe «in keinem Verhältnis zum möglichen Nutzen. Zudem fehlen aktuell die rechtlichen Grundlagen dafür.»

«Veraltete Verordnung ohne Vollzug»

Postulantin Noëlle Bucher freut sich über die Antwort des Regierungsrates. «Meine Hauptforderung wird damit erfüllt. Es ist belegt, dass Schontage nichts bringen. Das war quasi eine veraltete Verordnung ohne Vollzug», sagt sie.

Dass ausgerechnet eine Grüne die Abschaffung der Pilzschontage fordert, hat Noëlle Bucher zahlreiche Rückmeldungen beschert. «Von bürgerlicher Seite her erhielt ich viel positive Resonanz, von linker Seite her eher negative. Ich kann dennoch voll und ganz dahinter stehen.» Die Abschaffung der Schontage stehe für sie nicht im Widerspruch zum Schutz der Natur. Für Noëlle Bucher, die beim Wandern selber gerne nach Pilzen Ausschau hält, sind hingegen in der Verordnung zum Schutz der Pilze die Mengenbeschränkungen zentral. Eine gerechte Aufteilung der Pilze unter den Sammlern mache Sinn.

Allerdings wundert sich Noëlle Bucher ein bisschen darüber, warum der Regierungsrat keine Pilzschutzgebiete einrichten möchte, «zumal der Pilzschutz bislang immer als Argument gegen die Aufhebung der Schontage diente».

Paloma Meier-Martino, Leiterin Kommunikation beim Departement Bau, Umwelt und Wirtschaft, sagt auf Anfrage: «Es hat sich gezeigt, dass die Pilzschontage nicht mehr dem ursprünglichen Zweck dienen: Schontage bringen für die Artenvielfalt der Pilze nicht so viel, wie man früher gedacht hat.»

Warum aber Wildruhe und Pflanzenschutz nicht mehr als Argumente für das Beibehalten der Schontage dienen, erklärt sie folgendermassen: Sowohl Wildruhe als auch Pflanzenschutz seien weiterhin wichtig. Beides gelte es, mit geeigneten Instrumenten zu sichern – unter anderem mit Massnahmen der Strategie zur Erhaltung und Förderung der Biodiversität im Kanton Luzern. «Eine Vorschrift, die ihren eigentlichen Zweck nicht (mehr) erfüllt, sollte aber nicht alleine wegen eines positiven Nebeneffekts aufrechterhalten werden.»

Die Schontage sollen fallen, die Mengenbeschränkung beim Pilzesammeln –unter anderem für Steinpilze – bleibt.

Die Schontage sollen fallen, die Mengenbeschränkung beim Pilzesammeln –unter anderem für Steinpilze – bleibt.

Bild: Boris Bürgisser, Kriens
20. September 2018