Luzerner Schüür-Chef: «In jeder Krise wurde getanzt, auch im Zweiten Weltkrieg»

Das Luzerner Nachtleben leidet laut Schüür-Geschäftsleiter Marco Liembd unter den verschärften, coronabedingten Einschränkungen. Er hat Vorschläge, wie der Regierungsrat den Clubs entgegen kommen könnte.

Roman Hodel
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In Luzerner Clubs und Konzerthäusern dürfen coronabedingt seit zwei Wochen nur noch 100 statt 300 Personen rein – es sei denn, alle Gäste tragen eine Maske. Wie fällt Ihre Zwischenbilanz aus?

Marco Liembd.

Marco Liembd.

Bild: Eveline Beerkircher

Marco Liembd: Da Sommerflaute herrscht, funktioniert es bis jetzt ganz gut. Bei den Gartenkonzerten etwa zählten wir maximal 90 Besucher – gleich viele wie im Sommer vor einem Jahr. Die Mitternachtskonzerte jedoch mussten wir wegen der Beschränkung auf 100 Besucher ins Erdgeschoss verlegen. Denn im Saal oben wären zwei Techniker nötig und das lässt sich mit 100 Gästen nicht finanzieren. Auf grosse Partys haben wir schon vor der neuen Regelung verzichtet, darunter auf alle Daydances.

Warum?

Weil das unnötig provoziert hätte, wenn mitten in der Stadt an einem Samstagmittag 300 Leute feiern. Es zeigt auch, dass wir das Virus sehr wohl anerkennen. Trotzdem dürfen wir die verschärften Massnahmen des Regierungsrats infrage stellen.

Was stört Sie daran? Clubs gelten nun mal als Risikoorte, weil es sich meist um geschlossene, schlecht durchlüftete Räume handelt, in denen die Besucher während Stunden nahe beieinander tanzen, trinken.

Völlig korrekt. Die Clubs sind aber nicht die Hauptschuldigen. Die meisten Leute infizieren sich am Arbeitsplatz, in der Familie oder im Urlaub.

...und besuchen danach einen Club.

Das kann passieren. Ferienrückkehrer fahren aber auch Bus oder treffen Kollegen und Familienmitglieder. Deshalb wäre es wichtig, sie besser zu kontrollieren. Übrigens ist mir kein Fall bekannt von einer Infizierung an einem Konzert. Möglicherweise liegt es daran, dass die Leute alle nach vorne schauen. Ich weiss es nicht.

Oder es liegt daran, dass momentan kaum Konzerte stattfinden.

Klar, das auch. Was ich sagen will – es gibt Unterschiede zwischen den Anlässen und den Lokalen, die der Regierungsrat überhaupt nicht berücksichtigt. Manche Clubs sind mit 100 Personen voll, die Gäste stehen dann aber dicht beieinander. Dabei sind gerade vollgestopfte Räume das Problem. In der Schüür hingegen beträgt die Kapazität im Saal 700 Personen – und trotzdem dürfen nur 100 rein. Man könnte zum Beispiel auf 50 Prozent der Kapazität wechseln, bis maximal 300 Personen. Maskentragen in Clubs halte ich auf Dauer für unpraktikabel, da im Ausgang Getränke konsumiert werden. Denkbar wäre zudem, dass die Besucher pro Eintritt etwas ans Contact-Tracing zahlen, welches wir als notabene einzige Branche konsequent durchführen.

Haben Sie Ihre Vorschläge dem Regierungsrat mitgeteilt?

Ja, wir stehen über die IG Kultur Luzern und den Verein Safer Clubbing im Austausch mit der Regierung und hoffen auf einen Dialog. Wir benötigen zwecks Planung vor allem auch ein Datum, wann über die Weiterführung der Schutzmassnahmen entschieden wird. Denn der Konzertherbst ist für uns überlebenswichtig, da erzielen wir 80 Prozent der Jahreseinnahmen.

Dennoch ist Feiern kein Menschenrecht, auch wenn es gut tut. Was würde unserer Gesellschaft fehlen, wenn das Nachtleben noch für Monate eingeschränkt bleibt, eventuell sogar bald wieder ganz stillsteht mit Blick auf die steigenden Fallzahlen?

Eine erneute Schliessung der Clubs ist nicht ausgeschlossen. Dennoch wird sich jener Teil der Gesellschaft, der das Feiern braucht, den Ausgang holen – notfalls illegal. In jeder Krise wurde getanzt, auch im Zweiten Weltkrieg. Abgesehen davon geht es nicht nur um die Gäste, sondern ebenso um Hunderte Arbeitsplätze, die auf dem Spiel stehen – inbegriffen all die Zulieferer, von der Grafikerin bis zum Getränkelieferanten.

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