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Luzerner Sozialwerke bangen um Aufträge aus der Privatwirtschaft

Soziale Institutionen wie die Stiftung Brändi oder die IG Arbeit brauchen Aufträge aus der Privatwirtschaft. Doch diese werden immer weniger, weil gerade einfachere Arbeiten zunehmend automatisiert oder ins Ausland ausgelagert werden.
Roseline Troxler
Einblick in eine Werkstatt der Stiftung Brändi: Diese hat kürzlich einen Millionenauftrag verloren. (Bild: Dominik Wunderli, 23. April 2018)

Einblick in eine Werkstatt der Stiftung Brändi: Diese hat kürzlich einen Millionenauftrag verloren. (Bild: Dominik Wunderli, 23. April 2018)

Viele Menschen finden aufgrund von Beeinträchtigungen auf dem Arbeitsmarkt keine Stelle oder sind für eine gewisse Zeit auf einen «geschützten» Arbeitsplatz angewiesen. Hier haben soziale Institutionen wie die Stiftung Brändi oder die IG Arbeit eine zentrale Bedeutung. Doch, was oft nicht bekannt ist: Diese erledigen viele Aufträge für die Industrie – von Einzelaufträgen bis hin zu ganzen Produktionsketten.

Die Stiftung Brändi hat für das endende Jahr ein Budget von 83,8 Millionen Franken. Sie erzielt mit Produkten und Dienstleistungen jährlich einen Ertrag von über 30 Millionen Franken, wie sie auf Anfrage mitteilt. Hinzu kommen IV-Ausbildungsbeiträge sowie Beiträge von Kanton und Gemeinden.

Wandel der Arbeitswelt hat Folgen für Auftragslage

Doch die Stiftung Brändi spürt den Wandel in der Arbeitswelt, Firmen lagern Aufträge ins Ausland aus, Roboter übernehmen einfachere Arbeiten. Die Zuger Firma Medela, welche Brustpumpen herstellt, hat künftig ein einfacheres Produkt mit weniger Komponenten. Damit fällt ein Teil der Arbeit weg, wie die Stiftung gegenüber «Tele1» bekanntgab. Der Auftrag umfasst einen Betrag von rund drei Millionen Franken. In der Folge stehen 86 Arbeitsplätze auf dem Spiel. Erst Ende November wurde bekannt, dass die Schweizer Armee ihren Auftrag im Bereich der Wäscherei reduziert. Die Stiftung Brändi hat im Kanton Luzern einen Teil davon übernommen.

«Die Märkte verhalten sich zunehmend volatil»

Zu Fragen rund um die Zusammenarbeit mit seinen Auftraggebern will sich die Stiftung Brändi auf Anfrage nicht äussern. Sie schreibt aber: «Als Industrieunternehmen steht die Stiftung Brändi auch im internationalen Marktumfeld. Die Märkte verhalten sich zunehmend volatil, die Aufträge kommen immer kurzfristiger und in kleineren Tranchen. Die langjährige Zusammenarbeit mit vielen Industriepartnern könne Auftragsschwankungen teils kompensieren. Doch: «Die Auftraggeber sind selber von der Nachfrage in den internationalen Märkten abhängig.» Eine gewisse Kontinuität bestehe bei Dienstleistungen, «welche in der Zentralschweiz nachgefragt werden». Dazu zählen etwa Malerei-Aufträge, Gartenarbeiten, Reinigungs- oder Verpackungsaufträge.

Die Stiftung Brändi verfügt über 1100 geschützte Arbeitsplätze in der Zentralschweiz sowie 148 Arbeitsplätze in externen Firmen. Sie ist in 14 verschiedenen Branchen tätig. Um Aufträge zu sichern und weitere hereinzuholen, hat die Stiftung Brändi nun die Akquisitionsanstrengungen verstärkt.

IG Arbeit kennt die Herausforderungen

Auch die IG Arbeit bietet Arbeitsplätze für über 300 Personen mit einer Leistungsbeeinträchtigung sowie eine wechselnde Anzahl an Einsatz- und Praktikumsplätzen in der freien Wirtschaft an. Hinzu kommen zirka 40 Abklärungs-, Ausbildungs- und Trainingsplätze. Das Ziel des Vereins besteht darin, Personen mit einer verminderten Leistungsfähigkeit, etwa aufgrund psychischer Beeinträchtigungen, in den Arbeitsmarkt zu integrieren. Die IG Arbeit führt Werkstätten, Gastronomiebetriebe, ein Seminarhotel, eine Auftragsbörse, den Büroservice und das Luzerner Brockenhaus.

Marc Pfister, Geschäftsführer der IG Arbeit, sagt:

«Das Gesamtvolumen vergrössert sich dank neuer Betriebe. Doch die externen Aufträge bei den bestehenden Betrieben sind leicht rückläufig.»

Geeignete Arbeiten für die geschützten Arbeitsplätze zu akquirieren, werde immer schwieriger. «Diese Arbeiten werden ins Ausland ausgelagert, fallen durch Automation weg oder werden wegen der Digitalisierung überflüssig.» Das stellt die IG Arbeit vor Herausforderungen. Denn: «Arbeitsintegration ohne produktive Arbeit ist nicht möglich», unterstreicht Pfister. Das führt dazu, dass die IG Arbeit vermehrt Aufträge annehmen muss, bei welchen sie kaum etwas verdient. «Die Margen sinken stark.»

Am anspruchsvollsten sei es von der Auftragslage her bei den klassischen Werkstätten und im administrativen Bereich, so Pfister. Höher sei der Eigenerwirtschaftungsgrad im Bereich der Auftragsbörse, dem Luzerner Brockenhaus oder im Gastrobereich. Pfister gibt aber zu bedenken, dass die lukrativeren Bereiche mit hohem externen Ertrag nicht für alle Personen mit einer Leistungsbeeinträchtigung geeignet seien, weshalb es auch das Angebot in den anderen Branchen brauche.

Das Budget der IG Arbeit für das laufende Jahr beträgt zirka 13 Millionen Franken. Der Eigenerwirtschaftungsgrad liegt gesamthaft bei rund 60 Prozent. Dieser Teil wird durch eigene Dienstleistungen oder Produkte erbracht. Dazu gehören auch externe Aufträge. Diese betragen rund sechs Millionen Franken pro Jahr. Hinzu kommen Beiträge aus Leistungsvereinbarungen mit Bund, Kantonen und Gemeinden.

Suche nach neuen Branchen und Kooperationen

Um künftig wieder mehr Aufträge zu sichern, hat die IG Arbeit die Stellenprozente für die Akquise aufgestockt. Ausserdem überprüft der Verein auch regelmässig sein Angebot, überlegt sich andere Branchen zu erschliessen und sucht stabile Kooperationen mit regionalen Unternehmen.

Der Verein setzt auch bei der Ausbildung der Mitarbeiter an. «Die Digitalisierung muss nicht nur negativ sein, sondern schafft auch Chancen für geschützte Arbeitsplätze», sagt Pfister. Die dafür nötigen Kompetenzen gelte es entsprechend zu fördern.

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