Luzerner Stadtkasse hat nur wenig vom Tourismus

Die Logiernächte steigen, immer mehr Cars fahren nach Luzern, Uhren- und Schmuckläden breiten sich in der Altstadt weiter aus. Obwohl die Tourismus-Branche floriert, hat sie für die Stadt bei den Firmensteuern an Bedeutung verloren.

Christian Glaus
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Uhren- und Schmuckläden, wie Bucherer oder Gübelin in der Stadt Luzern, liefern nicht mehr Steuern ab – trotz steigendem Umsatz. (Bild: Boris Bürgisser, 4. September 2018)

Uhren- und Schmuckläden, wie Bucherer oder Gübelin in der Stadt Luzern, liefern nicht mehr Steuern ab – trotz steigendem Umsatz. (Bild: Boris Bürgisser, 4. September 2018)

Die Frage wird derzeit in Luzern heiss diskutiert: Soll die Stadt Luzern den Car-Tourismus über die Erhebung einer Abgabe steuern? Die Debatte lanciert hat Montana-Hotelier Fritz Erni mit einem Interview in unserer Zeitung. Inzwischen ist auch die Politik aktiv geworden. In einem Vorstoss fordert die SP die Einführung eines Ticketsystems auf dem Schwanen- und Löwenplatz. Jeder Tourist soll sich mit 3 Franken an den verursachten Kosten beteiligen (wir berichteten). Das würde der Stadt laut der Partei etwa 6 Millionen Franken einbringen.

Der Tourismus ist zwar ein wichtiger wirtschaftlicher Pfeiler der Stadt Luzern. Er generiert eine Wertschöpfung von gut 400 Millionen Franken, davon mehr als die Hälfte am Schwanenplatz (siehe Box unten). Doch direkt in die Stadtkasse fliesst vom Tourismus verhältnismässig wenig Geld. Die grössten Profiteure des Car-Tourismus sind die Uhren-, Schmuck und Souvenirläden in der Luzerner Altstadt. Aufgrund der aktuellen Diskussionen hat die Stadt Luzern zusammengetragen, wie viel Steuern die Branche Schmuck- und Uhrendetailhandel 2017 zahlte. Es sind rund 2,8 Millionen Franken. Diese Zahl gibt David Schär, Leiter des städtischen Steueramts, auf Anfrage unserer Zeitung bekannt. Es handelt sich um provisorische Zahlen, Nachträge sind noch nicht enthalten.

Mehr als die Stadt Luzern hat übrigens der Bund von den Uhrenläden am Schwanenplatz. Die Einnahmen der Bundessteuer sind etwa gleich hoch wie Staats- und Gemeindesteuern zusammen. Hinzu kommt die Mehrwertsteuer, sofern die Souvenirs nicht exportiert werden. Im vergangenen Jahr betrugen die gesamten Steuereinnahmen der Stadt Luzern bei juristischen Personen 48,3 Millionen. Somit trug die Uhren- und Schmuckbranche rund 5,7 Prozent zu den Firmensteuern bei.

Wertschöpfung am Schwanenplatz steigt

Überraschend: Auch im Jahr 2012 lieferten die Uhren- und Schmuckhändler rund 2,8 Millionen Franken an Steuern ab, wie dem 2014 veröffentlichten Wirtschaftsbericht zu entnehmen ist. Der Anteil an den gesamten Firmensteuern betrug damals 6,9 Prozent. Der Betrag hat sich seit 2012 also nicht erhöht, obwohl die Branche gewachsen ist. Weitere Läden sind in der Altstadt hinzugekommen, die Zahl der Kunden ist gestiegen und auch die von den Läden ausgewiesene Wertschöpfung ist gestiegen. Der Detailhandel am Schwanenplatz erzielte im Jahr 2011 mit Uhren und Schmuck eine Wertschöpfung von 98 Millionen Franken. 2017 waren es gemäss der Studie bereits 218 Millionen – ein sattes Plus von 122 Prozent. Zwar kann die Wertschöpfung nicht direkt mit den Einnahmen der Uhren- und Schmuckbranche in Verbindung gebracht werden. Dennoch: Sie kann nur in diesem Ausmass steigen, wenn die Läden auch höhere Einnahmen generieren.

Zum Geschäftsgang macht der Uhrenhändler Bucherer keine Angaben, wie Mediensprecher Jörg Baumann auf Anfrage sagt. Dazu sei Bucherer als nicht börsenkotiertes Unternehmen nicht verpflichtet. Immerhin soviel gibt er preis: «Unsere Einnahmen sind seit 2011 gestiegen, haben sich aber nicht verdoppelt.»

Auch das Traditionsunternehmen Gübelin lässt sich bezüglich Gewinn und Steuern nicht in die Karten schauen. «Richtig ist, dass der Umsatz steigt, aber nicht unbedingt der Profit», erklärt Marketingdirektorin Edith Bagda auf Anfrage. Die Uhren- und Schmuckläden am Schwanenplatz litten unter den Entwicklungen in China 2015. Inzwischen hat sich der Geschäftsgang wieder verbessert. «Wirtschaftliche Erholung wird in vielen Industrien genutzt, um Investitionen zu tätigen», sagt Bagda. Das habe auch Gübelin getan. Unter anderem investierte das Unternehmen in den Ausbau der Läden und der Marketingaktivitäten im In- und Ausland. Diese zusätzlichen Investitionen sowie Abschreibungen wirken sich auf den Gewinn und damit auf die abgelieferten Steuern aus.

Bitzi: «Gebühren dürfen durchaus noch höher sein»

Dies dürfte erklären, weshalb die Steuereinnahmen der Stadt aus der Uhren- und Schmuckbranche weiterhin auf dem Niveau von 2012 liegen. Unklar ist hingegen, welche Branchen für den Anstieg der Unternehmenssteuern verantwortlich sind. Dazu liegen selbst dem städtischen Steueramt wie auch der Fachstelle Wirtschaftsfragen keine Informationen vor. Trotzdem: «Der Tourismus hat grosse Bedeutung für Luzern, auch steuerlich», erklärt die städtische Finanzdirektorin Franziska Bitzi Staub (CVP) auf Anfrage. «Er ist nach wie vor eine der bedeutendsten Branchen der Stadt. Dabei darf man einzelne Segmente wie den Uhren- und Schmuckhandel nicht isoliert betrachten.» Allerdings: Das ebenfalls touristisch bedeutende Gastgewerbe tritt als Steuerzahler nicht gross in Erscheinung. Gemäss dem erwähnten Wirtschaftsbericht betragen die Steuereinnahmen lediglich einige hunderttausend Franken. Ebenfalls beachten müsse man laut Bitzi direkte Geldleistungen wie die Kurtaxen in der Höhe von rund drei Millionen Franken.

Inzwischen arbeitet der Stadtrat daran, die Touristenströme zu lenken – und sich mittels Gebühren ein Stück des grossen Tourismuskuchens abzuschneiden. Denkbar sind variable Parkgebühren. Heute ist das Parkieren für Reisecars teilweise sogar gratis. «Die Gebühren dürfen durchaus noch höher sein», sagt Bitzi. Sie verweist auf andere Tourismusdestinationen, die zur Steuerung der Ströme «ebenfalls Lenkungsmassnahmen ergreifen mussten».

Ein dynamisches Preissystem «als Teil einer nachhaltigen Entwicklung» müsse sicher geprüft werden, hält auch Edith Bagda von Gübelin fest. Aber: «Es geht darum, eine Balance zu finden zwischen der monetären Abschöpfung unserer Attraktivität und dem Risiko, hiermit überproportional Besucher an andere Destinationen zu verlieren.» Auch bei Bucherer ist man gegenüber höheren Parkgebühren für Cars offen, wie Jörg Baumann sagt. Allerdings müsse dann auch das Angebot stimmen. Sprich: «Es braucht ein gutes Parkplatzangebot mit direkter Zufahrt zur Altstadt.»

Stadt bräuchte 15-mal mehr Kunden

Rund 1,4 Millionen Gruppenreisende machten im letzten Jahr in der Stadt Luzern Halt. Mit ihren Einkäufen und teilweise auch Übernachtungen sorgten sie in der Region für eine Wertschöpfung von 403 Millionen Franken, wie es im Bericht zum Gruppentourismus in Luzern heisst, welchen die Uhren- und Schmuckhändler am Schwanenplatz in Auftrag gegeben hatten.

Die Stadt Luzern rechnet mit eigenen Zahlen. Rund 50 000 Reisecars steuerten die Stadt jährlich an, heisst es im Bericht und Antrag für eine attraktive Innenstadt, welcher vom Parlament zurückgewiesen wurde. Hochgerechnet auf 40 Passagiere pro Car ergebe das 2 Millionen Besucher, welche einen Umsatz von einer Milliarde Franken generierten.

Um die Wertschöpfung einzuordnen, ging der städtische Wirtschaftsbeauftragte Peter Bucher von den geschätzten Umsatzzahlen aus. Demnach müsste der übrige Detailhandel 15 mal mehr Kunden bedienen, um die gleiche Wertschöpfung ohne die Cartouristen zu erreichen. Es bräuchte also 30 Millionen «normale» Kunden pro Jahr in der Innenstadt, um die ausländischen Reisegruppen zu ersetzen. Würden alle diese Kunden mit dem Car nach Luzern fahren, wären theoretisch 2500 Carfahrten nötig – pro Tag.