Luzerner «Tatort»: K.-o.-Tropfen und Kratzspuren

Der «Tatort»-Ausstieg der Zunft zu Safran ist definitiv, die Krimi-Macher appellieren nun an die Fasnächtler. Und: Jetzt ist klar, wie eine heikle Szene aussieht.

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Der Narr der Zunft zu Safran im Fötzeliregen: Sein «Brüelä!» wird am 16. Februar ungeachtet des Krimi-Drehs erschallen. (Bild: Eveline Beerkircher/Neue LZ)

Der Narr der Zunft zu Safran im Fötzeliregen: Sein «Brüelä!» wird am 16. Februar ungeachtet des Krimi-Drehs erschallen. (Bild: Eveline Beerkircher/Neue LZ)

Am Montagnachmittag um 16 Uhr setzten sich Zunft zu Safran, Schweizer Radio und Fernsehen SRF, die «Tatort»-Produktionsfirma Zodiac Pictures und Stadtpräsident Urs W. Studer erneut zum Gespräch zusammen. Resultat: eine Verlautbarung zu den kommenden Dreharbeiten der Krimi-Folge «Schmutziger Donnerstag». Tenor: Es sei nicht die Absicht, den Ruf der Luzerner Fasnacht zu schädigen, das närrische Treiben werde «in all seinen Facetten gezeigt: bunt, kreativ, ausschweifend».

Konkret: «Mitten im fasnächtlichen Durcheinander geschieht ein Mord. Die Spur führt in eine mit der Luzerner Fasnacht verbundene fiktive Vereinigung. Klar, dass Ermittlungen zwischen Maskierten, im Fötzeliregen oder neben den uns allen bekannten fasnächtlichen Alkoholleichen zum einen oder anderen Schmunzler führen.» Das Communiqué schliesst mit dem Appell an die «fasnachtsbegeisterten Luzerner», den Krimi zu unterstützen. Und damit die «einmalige Chance», die verrückte Fasnacht einem Millionenpublikum vorzustellen.

An Anonymisierung gearbeitet

Auf Anfrage erklärt Fritschivater Damian Hunkeler, dass sich an der Haltung der Zunft zu Safran damit nichts geändert habe, «wir beteiligen uns nicht, für uns ist die Sache abgeschlossen». Die Zunft habe in den vergangenen Tagen noch einen Beitrag dazu geleistet, dass «die Anonymisierung der Protagonisten so ausgestaltet ist, dass sie für alle Luzerner Zünfte und Gesellschaften ‹wasserdicht› ist». Ziel sei es nie gewesen, die Dreharbeiten zu verhindern, «über die Qualität entscheidet letztlich so oder so das Publikum», so Hunkeler.

Aber: Welche Szenen und Details aus dem zwischen November und Januar überarbeiteten Drehbuch gaben Anlass dazu, dass die Zunft zu Safran aus der geplanten Kooperation ausstieg? Die verantwortlichen Safranzünftler plaudern nicht öffentlich aus dem Nähkästchen. Doch jetzt ist eine der «heiklen» Szenen aus dem aktuellen Drehbuch bekannt. Gemäss zuverlässiger Quelle spielt sie sich sinngemäss wie folgt ab:

Susanne fährt mit einem Ruck hoch vom Bett, wickelt sich in ein Laken. Ein Mann ist ebenfalls zu sehen, er ist als Zünftler erkennbar. Susanne sagt: «Ihr habt mir K.-o.-Tropfen gegeben!» Zu sehen sind leere Champagnerflaschen, Kondome, Unrat. Susanne schaut ihren mitgenommenen Körper an, sieht Kratzspuren, Knutschflecken. «Ihr wart zu zweit, ihr Mistkerle! Ich zeige euch an.» Der Mann antwortet: «Du wurdest gut bezahlt dafür.»

Es geht im TV-Krimi «Schmutziger Donnerstag» also doch um eine Vergewaltigung, wenn auch vielleicht nicht im rechtlichen Sinne. Als unsere Zeitung letzte Woche beim Schweizer Fernsehen nachfragte, ob es unter anderem um eine in ähnlicher Art und Weise ausgestaltete Vergewaltigungsszene gehe, teilte SF schriftlich mit: «Eine solche Szene existiert im Drehbuch nicht und hat auch nie existiert.» Das ist nicht gelogen, denn eine Vergewaltigung ist ja auch tatsächlich nicht zu sehen.

Diese «Der Morgen danach»-Szene mit beteiligten Zünftlern versinnbildlicht wohl auch die Ausstiegsgründe, welche die Safränler am 30. Januar unter anderem nannten: «Wenn die Fasnacht ganz zentral auf Sex und Alkohol reduziert wird, können wir das nicht gutheissen.»

Dreharbeiten starten planmässig

So oder so: Die Dreharbeiten für die vierte Luzerner «Tatort»-Folge starten gemäss SRF wie geplant nächste Woche, auch am Schmutzigen Donnerstag werden einige Szenen gedreht. Reto Schärli und Lukas Hobi von der Luzerner Firma Zodiac Pictures teilten am Montagabend auf Anfrage zum Hin und Her schriftlich mit: «Wir akzeptieren den Entscheid der Zunft zu Safran.» Laut den beiden Produzenten von «Schmutziger Donnerstag» wurde das Drehbuch so umgeschrieben, «dass jetzt von einer fiktiven Zunft die Rede ist und die Zunftlokalitäten erfunden sind».

Und wie ist der im Communiqué formulierte Appell an die fasnachtsbegeisterten Luzerner zu verstehen, den Krimi zu unterstützen? Ist das auch ein Tritt ans Schienbein der Zunft, die eben nicht mitmacht? Schärli und Hobi: «Einige Szenen werden an der richtigen Fasnacht gedreht. Es gibt aber auch viele Szenen, für die wir die Fasnacht nachstellen. Dafür sind wir auf viele verkleidete Statisten angewiesen. Nur wenn uns die Bevölkerung unterstützt und sich viele Statisten mit ihren kreativen Kostümen melden, sieht die nachgestellte Fasnacht genau so aus wie die richtige: bunt, laut und schrill.»

Jérôme Martinu