Luzerner Theater
Jetzt erst recht: Tanzen im Corona-Flow

Die Abschiedspremiere von Kathleen McNurney als Tanzchefin am Luzerner Theater blickt zurück und in die Zukunft.

Urs Mattenberger
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Gregory Batardon

Ihre letzte Premiere nach 12 Jahren als Leiterin des Tanzes am Luzerner Theater hatte sich Kathleen McNurney anders vorgestellt – und zwar in beide Richtungen. Zuerst drohte der Corona-bedingten Schleuderfahrt auch «Tanz 36: Full Circle» zum Opfer zu fallen – und damit die beiden Choreografien von Patrick Delcroix und Georg Reischl. Sie hatten 2009 ihre Tanzära in Luzern eröffnet und sollten jetzt den Kreis schliessen – als Beispiel dafür, wie ein Haus mit eigenem Ensemble und namhaften Gastchoreografen eigene Traditionen aufbauen und internationale Ausstrahlung gewinnen kann – McNurneys grösstes Verdienst in dieser Zeit.

Unruhe in Zeiten von Corona

Dann erzwang Corona eine Programmänderung. In den Tanzabend «Tanz 36 + Finale», so wie er am Samstag Premiere hatte, sind jetzt jeweils zwei Choreografien von vier Tänzern der Compagnie (eine Frau, drei Männer) integriert. Solche präsentierte alljährlich die «Dancemakers Series» – eine andere Tradition dieser Tanzära, die mit angehenden und vielversprechenden jungen Choreografen in die Zukunft blickte. Hinzu kam aber, dass Delcroix auch zu diesem Konzept mit «Restlessness» eine neue Choreografie beisteuert, die unsere Unruhe in Zeiten von Corona reflektiert. Damit verbindet sich der Blick in die Zukunft doch noch mit jenem in die Vergangenheit und schliesst sich tatsächlich der Kreis.

Delcroix’ «Restlessness» beginnt mit einem Knall, wenn sich die Tänzerinnen und Tänzer der Compagnie von allen Seiten auf die mit mystischem Nebel verhangene Bühne stürzen. Von diesem Knäuel aus fächern sich die Bewegungen geschmeidig in alle Richtungen auf und laufen in einem robbenden und zappelnden Staccato aus, wenn das homogene Kollektiv zunehmend in intime Gruppen auseinanderfällt.

«Wenn wir nicht mehr unsere Freiheiten haben wie früher, werden wir völlig unruhig und rastlos», schildert der Choreograf seine Erfahrungen unter anderem mit Corona-Quarantänen. Dem setzt er allerdings auch intime Momente gegenüber, in den paarweise und auch androgyn gruppierte Tänzerinnen und Tänzer die Isolation und Beiläufigkeit durchbrechen.

Zusammen mit der Musik und wirkungsvoll eingesetzten Songs – herzzerreissend ein mediterraner Elektrofolk – geht dieser Tanz unter die Haut. Magische Bilder gelingen Delcroix, wenn sich der Paartanz zu fragilen Umschlingungen zu dritt weitet oder in schnippischen Werberitualen ironisiert wird. Das Happy End steuert ein unbeschwerter Bossa Nova bei. Und die Compagnie, die unter der neuen Theaterleitung praktisch unverändert bestehen bleibt, zeigt nicht nur ihr hohes technisches Niveau, sondern eine mit geniesserischem Hüftschwung ausgekostete Stilvielfalt.

Frappant war, wie zum «Flow» bei Delcroix «Never Odd or Even» von Carlos Kerr jr. passte. Auch er zeigt, inspiriert durch quantenphysikalische Phänomene, eine Welt, die ständig im Fluss ist. Zu einer Musik, die dumpf wie ein Herzschlag pocht oder meditativ in der Luft hängt, entfalten Terra Kell, Carlos Kerr jr, Valeria Marangelli und Mathew Prichard fliessende Bewegungen, die traumhaft durcheinander hindurch gleiten und nur flüchtige Verbindungen zulassen. Eindrücklich, wie jeder, der ausschert, als Fluchtpunkt präsent bleibt.

Tanz war immer wieder Trendsetter

Parallelen zu Delcroix’ Choreografie gab es bis in einzelne Motive hinein. Frappant ist das, weil es mehre Stücke zu einem Abend verbindet. Denn mit diesem Anspruch startet der Tanz in der nächsten Saison unter McNurneys Nachfolgerin Wanda Puvogel.

Das ist ein Beispiel dafür, wie die Amerikanerin Trends am Theater vorweggenommen hat. Kinsun Chans «Nuts!» im UG etwa war (noch in der Intendanz von Dominique Mentha) aufregendes partizipatives Raumtheater, lange bevor Benedikt von Peter dieses nach Luzern brachte. Glucks «Orfeo ed Euridice» brachte als Tanzoper die Sparten zusammen, wie es die neue Intendantin Ina Karr anstrebt. Und Kathleen McNurneys Senioren-Tanzprojekt «Shall we dance» wird auch nach ihrer Zeit weitergeführt.

Kathleen McNurney

Kathleen McNurney

Bild: Pius Amrein

Gemessen daran fiel die Abschiedspremiere etwas nüchtern aus. Kathleen McNurney nahm es mit der ihr eigenen Pragmatik und mit Humor. In ihren schlichten und dennoch bewegten Abschiedsworten trauerte sie dem Prosecco an der abgesagten Premerenfeier nach. Um auszurufen:

«Aber dass wir vor Publikum live tanzen können, ist besser als Prosecco. Das ist der wahre Champagner!»

Hinweis: 27. Mai, 2., 6. (mit Choreografien von Mathew Prichard und Carlos Kerr jr), 8., 9., 10., 13. Juni (mit Choreografien von Phoebe Jewitt und Dario Dinuzzi).
www.luzernertheater.ch