Luzerner Theater: Jetzt wird ein Total-Abriss wieder zum Thema

Die Denkmalschutzkommissionen des Bundes gehen aufs Ganze: Sie fordern, die Pläne für ein neues Luzerner Theater zu redimensionieren. Ob Luzern darauf eingehen will, ist offen. Bleibt die «Flucht nach vorne» als einziger Ausweg?

Robert Knobel
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Neues Ungemach für die Luzerner Theaterpläne: Die beiden Eidgenössischen Kommissionen für Natur- und Heimatschutz sowie für Denkmalpflege lassen die Muskeln spielen. Sie zerzausen ein weiteres Mal Luzerns Vorschläge für die dringend nötige Erneuerung des Theatergebäudes.

Doch der Reihe nach: Die beiden Kommissionen stufen bekanntlich das 180-jährige Stadttheater als höchst schützenswert ein. Das machten sie bereits in einem Gutachten vom Sommer 2019 klar. Die Denkmalschützer verschliessen sich zwar einer baulichen Veränderung mitsamt Erweiterung nicht völlig – so schrieben sie etwa, im hinteren Bereich des Gebäudes sei ein «sehr freier Umgang mit dem Denkmal nicht ausgeschlossen». Keine Kompromisse machen die Kommissionen aber bei der Nordfassade gegenüber der Reuss. Diese sei derart prägend für das Stadtbild, dass sie zwingend erhalten bleiben müsse.

Die Nordfassade des Theaters ist gemäss Gutachten besonders wertvoll.

Die Nordfassade des Theaters ist gemäss Gutachten besonders wertvoll.

Photo: Roger Gruetter

In der Folge liessen Stadt Luzern und Luzerner Theater in einer Machbarkeitsstudie abklären, wie sich eine Weiterentwicklung des Theaters unter Berücksichtigung der Forderungen aus Bern umsetzen liesse. Nun liegt die Studie vor. Sie kommt zum Schluss, dass es möglich ist, die Nordfassade zu erhalten und gleichzeitig die Raumbedürfnisse des Theaters zu befriedigen. Diese wären: Ein grosser, flexibler Hauptsaal für 400 bis 1000 Personen; ein kleiner Saal sowie ein Mehrzweckraum. Dazu müsste neben dem heutigen Theatergebäude in Richtung Jesuitenkirche ein Erweiterungsbau entstehen. Auch der hintere Bereich des bestehenden Theaters müsste etwas vergrössert werden. Dazu würde der grösste Teil des bestehenden Gebäudes faktisch abgerissen und neu gebaut. Die Studienautoren betonen, dass dies nicht nur wegen des grösseren Platzbedarfs nötig sei, sondern auch wegen des sehr schlechten Allgemeinzustands des alten Theaters.

Modell eines Erweiterungsbaus gemäss Machbarkeitsstudie. Die höchste Erhebung links neben der Jesuitenkirche stellt den Bühnenraum dar. In zwei weiteren Varianten liegt der Hauptsaal in der Mitte bzw. direkt hinter dem alten Gebäude.

Modell eines Erweiterungsbaus gemäss Machbarkeitsstudie. Die höchste Erhebung links neben der Jesuitenkirche stellt den Bühnenraum dar. In zwei weiteren Varianten liegt der Hauptsaal in der Mitte bzw. direkt hinter dem alten Gebäude.

Modell PD

Sorge ums Tageslicht in der Jesuitenkirche

Doch die beiden Denkmalkommissionen haben für solche Überlegungen kein Gehör. Die Forderung, die Nordfassade zu erhalten, bedeute keineswegs, dass der Rest des Gebäudes nicht auch wichtig sei. Das Stadttheater als Ganzes habe heute einen absolut ortsbildprägenden Charakter – diesen gelte es zwingend zu erhalten. Die Vorschläge aus der Machbarkeitsstudie würden hingegen zu einer schweren Beeinträchtigung dieser Funktion führen, schreiben die Kommissionen in ihrer Stellungnahme. Das Vorhaben laufe faktisch auf einen Ersatzneubau hinaus, bei dem lediglich die Nordfassade stehen bleibt. Doch ein Abriss und Neubau – das habe man schon im Gutachten von 2019 klar gemacht – komme nicht in Frage. Sie weisen zudem darauf hin, dass nicht nur das Theater, sondern auch die Jesuitenkirche in ihrer prägenden Wirkung erhalten bleiben müsse. So dürfe sich beispielsweise der Lichteinfall durch die Kirchenfenster nicht verändern – andernfalls würde die Jesuitenkirche als historisches Baudenkmal Schaden nehmen. Die Kommissionen blenden dabei aus, dass die Jesuitenkirche während der meisten Zeit ihres Bestehens ohnehin kaum Tageslicht im Innern hatte. Dies, weil zwischen Kirche und Theater früher der Freienhof stand.

Denkmalschutz ist wichtiger als betriebliche Bedürfnisse

Für die Denkmalkommissionen gibt es demnach nur einen Weg: Das ganze Projekt muss kleiner dimensioniert werden. Ein Erweiterungsbau wäre zwar möglich, aber nur, wenn er die historische Nordfassade und die Jesuitenkirche nicht konkurrenziert. Dazu müsse das Theater halt seine Platzbedürfnisse reduzieren, heisst es in der Stellungnahme. Die Kommissionen schlagen vor, eine neue Machbarkeitsstudie zu erstellen – eine, die den Schutzzielen oberste Priorität einräumt, und «losgelöst von Betriebskonzept und Raumprogramm» ist.

Der für Kultur zuständige Stadtpräsident Beat Züsli (SP) sagt: «Die grundsätzliche Haltung der Kommissionen war uns ja bereits bekannt. Aber überrascht hat mich die Klarheit, mit der sie nun unsere Vorschläge ablehnen.»

Nun werde man zusammen mit Theater und Kanton bis Ende Jahr über das weitere Vorgehen diskutieren. Züsli deutet an, dass diese Diskussion an einem Punkt ansetzen wird, den man eigentlich überwunden glaubte:

«Wir müssen nun sämtliche Varianten nochmals zur Diskussion stellen – inklusive einen vollständigen Neubau und einen alternativen Standort.»

Ein Alternativstandort würde wohl jahrelange politische Debatten auslösen. Ein Totalabriss des Theaters wiederum wäre ein Affront für die Denkmalschützer in Bern. Deren Gutachten hat zwar keine unmittelbare rechtliche Wirkung. Doch Beat Züsli gibt zu bedenken: «Sollte es später zu Einsprachen und Gerichtsverfahren kommen, so wären die Ortsbild-Gutachten ein wichtiges Argument im Rahmen einer Gesamtbeurteilung.» Eine Verkleinerung des Projekts werde man selbstverständlich auch prüfen, sagt Züsli. So ist zum Beispiel bereits beim jetzigen Raumprogramm vorgesehen, einzelne Räume, die nicht direkt für den Theaterbetrieb gebraucht werden, auszulagern – etwa in die benachbarte Buobenmatt.

Die drohende Schliessung des Theaters 2025 rückt näher

Derweil wird die Zeit für die Lösungssuche knapp. Gemäss einem technischen Gutachten kann das alte Stadttheater höchstens noch bis 2025 sicher betrieben werden, da es den baulichen und sicherheitstechnischen Normen in keiner Weise mehr entspricht. Danach bräuchte es umfangreiche Sanierungsmassnahmen. Doch die Bereitschaft der Stadt, in das baufällige Gebäude viel Geld zu investieren, ist klein. Züsli ist zuversichtlich, dass man schon vor 2025 eine definitive Lösung finden wird. Natürlich wird bis dann noch kein neues Theater stehen, aber zumindest sollen Standort, Bauprogramm und Finanzierung feststehen. In einer Übergangsperiode müsste der Theaterbetrieb wohl in einem Provisorium stattfinden.

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