LUZERNER THEATER: «Nachfolger muss offen sein für Neues»

Die Bewerbungen liegen vor, die Findungskommission nimmt ihre Arbeit auf: Kurt W. Meyer spricht über das Anforderungsprofil für einen neuen Theaterdirektor.

Interview Urs Mattenberger
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Gesucht werden neue Visionen für das Dreispartenhaus: Szene aus der aktuellen Produktion «Kiss Me, Kate», die mit Sängern, Chor und Tanzensemble alles verbindet. (Bild: Luzerner Theater/ Ingo Höhn)

Gesucht werden neue Visionen für das Dreispartenhaus: Szene aus der aktuellen Produktion «Kiss Me, Kate», die mit Sängern, Chor und Tanzensemble alles verbindet. (Bild: Luzerner Theater/ Ingo Höhn)

Kurt W. Meyer, laut Stellenausschreibung muss der künftige Intendant des Luzerner Theaters nicht nur das heutige Haus ab 2016 weiterführen, sondern neue Konzepte für die Zukunft entwickeln. Suchen Sie als Nachfolger für den zurücktretenden Vermittler Dominique Mentha einen kühnen Theater-Visionär?

Kurt. W. Meyer*: Das Wort «Visionär» ist vielleicht etwas hoch gegriffen. Aber wir suchen klar einen Nachfolger, der sich offen mit neuen Theaterformen der Zukunft auseinandersetzt – mit Blick auf die Diskussionen zum «Theaterwerk Luzern», die demnächst anlaufen. Weil da noch keine Vorentscheidungen gefallen sind, ist das Anforderungsprofil tatsächlich sehr breit. Erfahrungen mit der Führung eines etablierten Hauses sind ebenso erwünscht wie zum Beispiel ein Leistungsausweis in der Zusammenarbeit mit freien Szenen. Generell gehört dazu eine Offenheit gegenüber anderen Institutionen wie Orchester oder Festivals.

Innovative Theaterformen können alles Mögliche heissen – bis hin zur teilweise Umstellung auf einen Gastspielbetrieb, der Raum schaffen würde für die freie Szene. Müsste man nicht entsprechende Vorentscheidungen fällen, bevor man einen Intendanten für das neue Theater sucht?

Meyer: Nein. Zum einen muss der neue Intendant, ob Mann oder Frau, zunächst sicher das Haus in der heutigen Form weiterführen. Und dafür müssen wir, zwei Jahre vor Dominique Menthas Rücktritt, jetzt eine Lösung finden. Darüber hinaus erhoffen wir uns von dieser Person Inputs für den anstehenden Entwicklungsprozess. Personen, die a priori sagen, dass ein Dreispartenhaus für sie das Ideal darstellt, werden Mühe haben, sich in diesen Prozess zu integrieren. Wichtig ist uns auch, dass diese Person auch in der Kommunikation nach aussen eine entscheidende Rolle spielt.

Als Kommunikator, der Überzeugungsarbeit für ein neues Theater leistet, wie es Thomas Held im Fall des KKL tat?

Meyer: Ja, wir suchen jemanden, der nicht nur die Mitarbeiter des Theaters, sondern darüber hinaus auch die Öffentlichkeit und Politiker motivieren kann. Das war im Inserat mit dem «elektrisierenden Teamgeist» gemeint.

Die Stellenausschreibung ist jetzt mit der Einrichtung der Findungskommission abgeschlossen. Wie viele Bewerbungen haben Sie erhalten?

Meyer: Wir haben beschlossen, wie bei solchen Personalselektionen üblich, keine Details zum laufenden Verfahren bekannt zu geben. Aber es hat sich ein reges Interesse an der Stelle gezeigt – gerade die Aussicht auf ein neues Haus mit einem offenen, innovativen Theaterkonzept ist offenbar sehr attraktiv. Es gab unter den Bewerbungen Reaktionen, die besagen, wenn es gelinge, die Idee eines zur freien Szene und zu anderen Institutionen offenen Theaters zu realisieren, schreibe Luzern ein Stück Theatergeschichte.

Mit Barbara Mundel (1999–2004) wagte Luzern bereits einmal den Aufbruch und ist publikumsmässig gescheitert. Woher nehmen Sie jetzt, nach der Konsolidierung unter Dominique Mentha, den Mut für einen neuen Aufbruch?

Meyer: Das Beispiel Mundels hat gezeigt, wie wichtig es ist, bei solchen Veränderungen die richtige Balance zu wahren – gerade in Luzern, wo im Bereich Schauspiel das Publikum wohl noch traditioneller eingestellt ist als im Bereich der Musik. Tatsache ist aber auch, dass sich mit der Entwicklung von einer traditionellen Bildungs- und Lesegesellschaft hin zur Netzgesellschaft in den nächsten zehn, zwanzig Jahren auch die Ansprüche an das Theater verändern werden.

Und wie prüfen Sie, ob der künftige Intendant hier die Balance findet?

Meyer: Die Findungskommission wird jetzt eine erste Triage aller eingegangenen Bewerbungen vornehmen. In einem mehrstufigen Selektionsverfahren gibt es persönliche Hearings. Dabei werden den Kandidaten Aufgaben gestellt, die konkret mit Luzerner Begebenheiten zu tun haben. Dabei können eventuell bereits Inputs aus der Theaterwerk-Diskussion, die demnächst beginnen wird, einfliessen. Wir rechnen damit, dass der Findungsprozess Ende dieses Jahres abgeschlossen ist und wir dann den neuen Intendanten oder die Intendantin der Öffentlichkeit vorstellen können.

In der Findungskommission sind Oper, Schauspiel und Tanz paritätisch vertreten, hingegen fehlt bei den Vertretern aus der regionalen Kulturszene ein Exponent der freien Szene. Müsste sich nicht auch da die angestrebte Offenheit deutlicher zeigen?

Meyer: Nein, das ist durchaus der Fall. Mit Christian Spuck, dem Ballettdirektor des Opernhauses Zürich, sitzt ein Choreograf in der Kommission, der Erfahrungen mit verschiedensten Theaterformen mitbringt. Iris Laufenberg, Schauspieldirektorin in Bern, kam in ihrer Zeit in Berlin mit der ganzen Breite des dortigen Theaterschaffens in Kontakt. Und Tatjana Gürbaca, Operndirektorin am Staatstheater Mainz, steht nicht nur mit ihren Regiearbeiten für ein modernes Theaterverständnis, sondern kennt von ihren Arbeiten am Luzerner Theater her die hiesigen Verhältnisse genau. Das sind alles Leute, die über ein grosses Netzwerk und Fachwissen verfügen und damit die Lösungsvorschläge der Kandidaten fachlich wie auch in Bezug auf den Kulturplatz Luzern einordnen können.

Zu den offenen Fragen des Theaterwerks Luzern gehört, ob das neue Theaterhaus dereinst überhaupt realisierbar ist. Dennoch lassen sich die Kandidaten auf diesen Prozess ein?

Meyer: Natürlich erklären wir ihnen, dass in der Schweiz Kultur nicht per Dekret funktioniert, sondern dass wir eine Basisdemokratie sind, in der letztlich die Stimmbürger entscheiden. Aber viele nehmen für die Chance, hier etwas Neues aufbauen zu können, dieses Risiko in Kauf.

Hinweis

* Kurt W. Meyer (63) präsidiert den Stif­tungs­rat des Luzerner Theaters und leitet die siebenköpfige Findungskommission, welche die Nachfolge für Theaterdirektor Dominique Mentha regelt (unsere Zeitung berichtete). Mentha tritt im Jahr 2016 ab.