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Luzerner Theater-Neubau: Jetzt stellt sich der Bund quer

Zwei eidgenössische Kommissionen befürchten in der Luzerner Innenstadt eine «schwere Beeinträchtigung des Ortsbilds von nationaler Bedeutung» – falls das Theatergebäude abgerissen werden sollte.
Robert Knobel

Für Politiker von Stadt und Kanton, aber auch für Kulturschaffende ist inzwischen klar: Die Zeit des 180-jährigen Luzerner Stadttheaters ist abgelaufen. Nur ein Abriss mit Neubau kann den Bedürfnissen an einen modernen Theaterbetrieb gerecht werden. Dies umso mehr, als das Luzerner Theatergebäude im kantonalen Bauinventar weder als schützens- noch als erhaltenswert aufgeführt ist.

Doch die Luzerner haben die Rechnung ohne die Denkmalschützer des Bundes gemacht. In einem Gutachten, das seit Sommer 2019 vorliegt, kommen die Eidgenössischen Kommissionen für Denkmalpflege (EKD) und Natur- und Heimatschutz (ENHK) zu einem geradezu vernichtenden Schluss: Ein Abbruch des Luzerner Theater würde zu einer «schweren Beeinträchtigung des Ortsbilds von nationaler Bedeutung führen.» Der 180-jährige Bau müsse daher zwingend erhalten bleiben. Dieser Schluss ist wenig erstaunlich, ist doch die Luzerner Innenstadt im Bundesinventar der schützenswerten Ortsbilder von nationaler Bedeutung (ISOS) eingetragen. Und das Theater ist zusätzlich als Einzelobjekt mit dem höchsten Schutzziel versehen.

Am Theater wurde ständig herum gebastelt

Erstaunlich bei dieser Sache: Als Hauptargument gegen eine Erhaltung des Theatergebäudes wird oft angeführt, dass ohnehin nicht mehr viel von der Originalsubstanz von 1839 vorhanden sei. Dass das Theater unzählige Male umgebaut und verändert wurde, räumt auch das Gutachten der beiden eidgenössischen Kommissionen ein. Die Eingriffe werden dabei akribisch aufgeführt:

  • 1870: Das Theater wird erstmals verändert, indem der Eingang vergrössert, Treppen ersetzt und Eckbauten angebracht werden.
  • 1900: Zuschauerraum, Garderoben und Kassen werden saniert und erweitert.
  • 1907: Ein dreigeschossiger Laubentrakt mit seitlichen Treppenhäusern wird angebaut, der später ins Hauptgebäude integriert wird.
  • 1924: Nach dem Grossbrand lehnt die Stimmbevölkerung einen Abriss des Theaters ab. In der Folge wird das Gebäude um ein Geschoss erhöht und das Dach neu gebaut.
  • 1932: Umbau im Innern des Gebäudes
  • 1951: Erneuter Umbau im Innern, Umgestaltung des Eingangs
  • 1964: Erneut wird ein Ersatzneubau abgelehnt, dafür wird das bestehende Gebäude nochmals umgebaut. Die Westfassade wird abgerissen, das Gebäude in Richtung Jesuitenkirche erweitert.
  • 1984: Umgestaltung des Zuschauerraums
  • 1997: Umgestaltung des Orchestergrabens

All diese Veränderungen anerkennen die Kommissionen in ihrem Gutachten durchaus. Doch eines sei über die Jahrzehnte, ja Jahrhunderte immer gleich geblieben: Die städtebaulich prägende Wirkung der Nordfassade zur Reuss hin. Diese gelte es unbedingt zu erhalten, so das Fazit.

Gehört gemäss Bund zum unverzichtbaren Stadtbild Luzern: Die Achse vom Kornmarkt über den Reusssteg zum Luzerner Theater. (Bild Roger Grütter, 11. September 2018)

Gehört gemäss Bund zum unverzichtbaren Stadtbild Luzern: Die Achse vom Kornmarkt über den Reusssteg zum Luzerner Theater. (Bild Roger Grütter, 11. September 2018)

Die Kommissionen kritisieren denn auch die Tatsache, dass das Theater im Luzerner kantonalen Bauinventar überhaupt nicht verzeichnet ist. Die Stadt Luzern prüft zurzeit, wie sie mit den Resultaten des Gutachtens umgehen will. Dabei geht es auch um die Frage, wie rechtlich bindend das Gutachten der Eidgenössischen Kommissionen ist, die im Prinzip vor allem eine beratende Funktion haben. Gleichzeitig soll aber geprüft werden, ob sich die städtebaulichen Forderungen bezüglich Nordfassade des Theaters allenfalls auch bei einem Neubauprojekt umsetzen liessen.

Freier Umgang mit dem Denkmal ist möglich

Für die Gutachter ist jedenfalls klar: Das Erhaltungsziel lässt sich nur erfüllen, wenn das heutige Gebäude stehen bleibt. Einer Sanierung und Erweiterung stehen die Kommissionen hingegen offen gegenüber – erst recht, wenn ein solches Projekt das Gesamtbild sogar noch verbessern würde. Man könne sich auch – abgesehen von der Nordfassade – einen «sehr freien Umgang mit dem Denkmal» vorstellen, betonen die Autoren des Berichts. Das alte Theater müsse dabei aber immer das dominante Element bleiben, ein Erweiterungsbau dürfe dieses nicht konkurrenzieren.

Die Reuss floss früher bis zum Theaterplatz

Das Denkmal-Gutachten zum Luzerner Theater ist auch eine spannende Fundgrube zur Luzerner Geschichte. So wird die städtebauliche Entwicklung rund um das heutige Luzerner Theater detailliert geschildert: Bis in die 1830er-Jahre war das Gebiet Uferzone. Zwischen 1833 und 1835 wurde das Reussufer aufgeschüttet, um neuen Platz zu gewinnen. Für die Aufschüttung wurde unter anderem Material verwendet, das vom Brand in der Altstadt 1833 stammte. Gleichzeitig musste auch die bestehende Kapellbrücke gekürzt werden. Ursprünglich reichte die Kapellbrücke am linken Ufer nämlich bis zum Freienhof neben der Jesuitenkirche. Der Freienhof war gleichzeitig der einzige Zugang zur Brücke, welche im Mittelalter Teil der Stadtbefestigung war. Doch es blieb nicht bei der Brückenkürzung 1833. Wenige Jahre später wurde an der Kapellbrücke erneut Hand angelegt – einerseits, um den Quai zu verlängern, aber auch um das Fundament des neuen Theatergebäudes gegen die Strömung der Reuss zu sichern. 1857 wurde der Quai dann bis zum neuen Bahnhofplatz verlängert.

Der Bau des Theaters 1839 markiere den Anfang der modernen Stadtentwicklung, heisst es im Bericht. Interessant dabei: Während der Stadtteil westlich des Theaters weitgehend mittelalterlich und barock geprägt blieb, wurde das östliche Gebiet Schauplatz der rasanten Entwicklung mit «prächtigen Stadtpalästen», von denen heute etwa noch die Hauptpost erhalten geblieben ist. Südlich von Theater und Jesuitenkirche liegt der Hirschengraben. Die Strasse heisst so, weil sie früher tatsächlich ein Graben war. 1613 wurde er trocken gelegt, anschliessend wurden dort Hirsche angesiedelt.

Die Autoren stellen auch fest, dass die Nordseite des Theaters zur Reuss hin über all die Jahrzehnte die eigentliche Hauptseite darstellte. Der Theaterplatz, auf dem heute der Eingang liegt, entstand in der jetzigen Form erst mit dem Abriss des Freienhofs 1949.

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