Interview

Luzerner Tourismusdirektor: «Viele Asiaten sind wegen Corona-Fällen in Europa verunsichert»

Der Luzerner Tourismusdirektor Marcel Perren über Corona-Virus, chinesische Gruppentouristen und städtische Politik.

Robert Knobel
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Wie schlimm hat die Corona-Krise den Luzerner Tourismus bisher getroffen?

Marcel Perren: Bis mindestens Ende April sind praktisch alle Gruppenreisen abgesagt – die Ausfälle betreffen nicht nur China, sondern haben zwischenzeitlich grosse Teile aus Asien erreicht. Auch bei europäischen Gästen spüren wir zunehmend ein Unbehagen. Chinesische Individualreisende sind zwar von der Ausreisesperre nicht betroffen, aber das Reisen ist wegen der Kontrollen an den Flughäfen sehr mühsam geworden und viele Fluggesellschaften haben ihre Chinaflüge eingestellt. Hinzu kommt, dass viele Asiaten angesichts der jüngsten Meldungen über Corona-Fälle in Europa verunsichert sind und lieber zu Hause bleiben. Die Auswirkungen auf Luzern sind je nach Leistungsträger sehr unterschiedlich. Souvenir- und Juweliergeschäfte verzeichnen teils Einbussen von über 50 Prozent, bei den Hotels ist es bisher weniger dramatisch. Ich gehe davon aus, dass es noch sehr lange dauern wird, bis sich die Situation normalisiert.

Ist die Situation vergleichbar mit der Sars-Epidemie von 2003?

Gemäss meiner Einschätzung ist es diesmal heftiger. Die Welt ist viel vernetzter als damals, es wird viel mehr gereist. Deshalb sind die Auswirkungen grösser – nicht nur auf den Tourismus, sondern auf die gesamte Wirtschaft.

Spricht von grossen Ausfällen: Marcel Perren, Luzerner Tourismusdirektor.

Spricht von grossen Ausfällen: Marcel Perren, Luzerner Tourismusdirektor. 

Bild: Eveline Beerkircher (Luzern 26. Februar 2020)

Bei Schweiz Tourismus hofft man, dass Asiaten ihre Schweiz-Reise im Sommer nachholen. Wird das die Ausfälle kompensieren?

In Luzern sind die Hotels im Sommer sehr gut ausgelastet. Wir hätten wohl kaum Kapazitäten, um so viele zusätzliche Übernachtungsgäste aufzunehmen. Zudem werden die chinesischen Gäste in diesem Sommer vermutlich weniger reisen, weil diese häufig Ferien vorausbeziehen mussten und dann später im Jahr weniger Ferientage beziehen können.

Irgendwann wird der chinesische Tourismusboom wohl wieder Fahrt aufnehmen. Braucht es mittelfristig neue Hotels?

Dies hängt vom Betrachtungszeitraum ab. Chinesische Gäste machen heute neun Prozent der Übernachtungsgäste aus. Der Wert wird sich in den nächsten Jahren nicht markant erhöhen. Punktuell haben wir aber schon Engpässe in den Sommermonaten – etwa beim Kongresstourismus, wo wir teils bereits bei Anlässen mit 300 Teilnehmern an die Grenzen von Gastronomie und Hotellerie stossen. Auch im Fünf-Sterne-Bereich sind aktuell die Kapazitäten knapp. Andererseits sind die Gästezahlen im Winterhalbjahr zu tief, um den ganzjährigen Betrieb von zusätzlichen Hotels zu rechtfertigen. Hinzu kommt, dass neue Hotels aus Platzgründen wohl ausserhalb des Stadtzentrums entstehen würden – und diese sind meist vor allem für Gruppentouristen geeignet.

Noch mehr Gruppentouristen – das würden die Luzerner wohl kaum gutheissen. Bereitet Ihnen die wachsende Tourismuskritik eigentlich Sorgen?

Ich bin seit mehr als 13 Jahren Tourismusdirektor in Luzern. In dieser Zeit haben die Übernachtungszahlen um über 300'000 zugenommen. Insofern verstehe ich, dass das Thema in den Augen der Einheimischen an Brisanz gewonnen hat. Andererseits können die Luzerner auch stolz sein, dass ihre Stadt in der Champions League des internationalen Tourismus spielt – was für eine Stadt dieser Grösse aussergewöhnlich ist. Der Tourismus ist ein empfindliches Pflänzchen. Wenn die Kritik zu stark und zu offensichtlich wird, fühlen sich Gäste und Besucher nicht mehr willkommen und gehen anderswo hin. Das Image einer Destination ist schneller ruiniert, als man vielleicht denkt.

Der Individualtourismus steht viel weniger in der Kritik. Wieso setzt man nicht stärker darauf?

Individualreisende fallen vielleicht etwas weniger auf. Aber die Verhaltensunterschiede sind gar nicht so gross wie man vermutet. Auch Individualgäste wollen die bekannten Sehenswürdigkeiten sehen, wenn sie zum ersten Mal an einen Ort reisen – also Kapellbrücke und Löwendenkmal. Immerhin bleiben sie tendenziell etwas länger und haben so die Chance, auch noch anders zu entdecken. Aber unsere Möglichkeiten, den Gästemix zu steuern, sind beschränkt.

Wieso? Sie bräuchten bloss Ihre Marketingaktivitäten stärker auf Privatpersonen auszurichten ...

Luzern Tourismus vermarktet die Tourismusregion und nicht die Reiseform. Auch haben wir nicht die alleinige Vermarktungshoheit und sind schon längst keine reine Marketingorganisation mehr. Früher war das Hauptziel, Luzern in der Welt bekannt zu machen und möglichst viele Leute hierher zu holen. Doch selbst wenn wir heute das Marketing einstellen würden, kämen beispielsweise die Asiaten immer noch zahlreich nach Luzern. Denn wir haben eine starke Marke und unsere Uhrenläden oder Bergbahnen pflegen ihre eigenen, unabhängigen Marketingkanäle. Auch haben die sozialen Medien eine Eigendynamik entwickelt, die erfreulich ist, die wir aber nur bedingt steuern können. Unsere Aufgabe geht immer stärker dahin, den Tourismus vor Ort zu managen, attraktive Angebote zu entwickeln und zu koordinieren. Dazu gehört zum Beispiel, dass wir bei der Planung des Durchgangsbahnhofs involviert sind oder Grossanlässe wie das Lilu Lichtfestival Luzern organisieren. Auch mit den anderen Zentralschweizer Tourismusorganisationen arbeiten wir viel enger zusammen als früher. Ich bin deshalb viel mehr in Luzern anzutreffen als meine Vorgänger, die jeweils während mehrerer Monate im Jahr in der Welt unterwegs waren.

Die Luzerner Stadtpolitik ist zurzeit dabei, eine «Vision Tourismus 2030» zu erarbeiten. Ist es überhaupt Aufgabe der Politik, die Art des Tourismus zu definieren?

Die strategischen Leitlinien der Stadt in Sachen Tourismus stammen aus dem Jahr 1986. Daher ist es angebracht, wenn man jetzt eine Standortbestimmung vornimmt. Allerdings glaube ich, dass manche Leute die Beeinflussbarkeit durch die öffentliche Hand zu hoch einschätzen. Die Stadt kann den Tourismus nur bedingt steuern und primär mit flankierenden Massnahmen beeinflussen. Nehmen wir als Beispiel den oft kritisierten Branchenmix in der Altstadt: Forderungen, die Stadt solle korrigierend eingreifen, sind in einer freien Marktwirtschaft kaum umsetzbar. Die «Vision Tourismus 2030» wird weder unsere Verkehrsprobleme lösen noch den Gruppentourismus abschaffen – was für einige vielleicht ernüchternd sein wird. Doch genau so wichtig wie konkrete Resultate finde ich den Prozess an sich. Es ist gut, dass man aktuell die Bevölkerung zum Tourismus befragt, und dass man zusammensitzt, um über Lösungen zu diskutieren.

Welche Lösungen sind realistisch?

Im Bereich Airbnb hat die Stadt bestimmt einige Möglichkeiten, die Entwicklung in ihrem Sinne zu beeinflussen. Weiter kann die Stadt die Beschilderung für Gäste verbessern und damit die Besucherströme besser lenken. Viele Besucher finden beispielsweise den Weg zu den Museggtürmen oder sogar zum Löwendenkmal nicht. Auch Informationen bei unseren Sehenswürdigkeiten sind oft ungenügend. Das Anbringen von QR-Codes würde dabei schon viel helfen.

Wie stark darf Luzern Tourismus bei der «Vision 2030» mitreden?

Ich bin in der Kerngruppe dabei und zufrieden mit den Mitsprachemöglichkeiten – der Entscheid liegt aber jeweils klar bei der Stadt. Beim Strategieprozess Carregime divergieren die Meinungen. Das bereichert den Prozess, weil jeder angehalten wird, seine Position zu überdenken. Bei all den unterschiedlichen Auffassungen kann ich aber auch erfreut festhalten, dass nie der Tourismus als Ganzes in Frage gestellt wird. Dass dieser für die Stadt Luzern ein zentraler Wirtschaftszweig ist, wird von niemandem ernsthaft bestritten.

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