Luzerner Traditionsgeschäft Aeschlimann schliesst – nach 117 Jahren

Total-Ausverkauf bei Aeschlimann am Kantonalbank-Hauptsitz: Ende März geht der Laden zu. Accessoires und Fasnachtsartikel brauchen die Luzerner zwar immer noch – nur decken sie sich damit zunehmend im Internet ein.

Roman Hodel
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Noch 100 Tage offen: Urs Aeschlimann in seinem Geschäft im Kantonalbank-Gebäude. (Bild: Dominik Wunderli, Luzern 11. November 2019)

Noch 100 Tage offen: Urs Aeschlimann in seinem Geschäft im Kantonalbank-Gebäude. (Bild: Dominik Wunderli, Luzern 11. November 2019)

Rote Plakate mit Prozent-Zeichen prangen an den Schaufenstern, «Sale» steht geschrieben: Bei Aeschlimann im Erdgeschoss des Hauptsitzes der Luzerner Kantonalbank läuft der Ausverkauf. Es ist allerdings kein vorgezogener Black-Friday, sondern der letzte überhaupt: Nach über 100 Jahren ist Ende März Schluss, für immer. «Es ist ein schwieriger, emotionaler Entscheid», sagt Urs Aeschlimann (46), der das Traditionsgeschäft für modische Accessoires und Fasnachtsartikel in der vierten Generation seit 2008 führt. Er sagt:

«Meine Eltern bedauern den Schritt, doch sie haben Verständnis, denn letztlich sind die wirtschaftlichen Kriterien massgebend und diesbezüglich gibt es keine positive Prognose.»

Gemäss Urs Aeschlimann hat sich die Situation in den letzten Jahren zugespitzt: «Vor allem bei den Fasnachtsartikeln, die für uns einen gewichtigen Teil des Umsatzes ausmachen.» Mit lokalen Konkurrenten wie dem Fachgeschäft Vonarburg oder dem Fasnachts-Bazar könne man sich noch arrangieren durch Abgrenzung beim Sortiment, «doch gegen die jederzeit verfügbare Riesenauswahl der Online-Shops haben wir keine Chance, trotz eigenem Internetauftritt», so Aeschlimann. «Mit Blick auf unseren beschränkten Lagerplatz können wir nur ein ausgewähltes Angebot anbieten.»

Doch nicht nur das Fasnachtsgeschäft hat sich laut Aeschlimann verändert, auch jenes mit den Accessoires: «Wir spüren die Fast-Fashion-Kultur – viele decken sich nicht mehr mit hochwertigen Accessoires ein, sondern kaufen lieber etwas Günstiges und dafür mehr davon. Was er unter hochwertigen Artikeln versteht, verdeutlicht ein Blick in die Verkaufsregale: Da liegen Foulards aus feinster Seide oder in der Schweiz gefertigte Stoff-Taschentücher. Und es gibt eine grosse Auswahl an Knöpfen – dafür ist Aeschlimann ebenfalls bekannt.

Für die negative Entwicklung ortet Aeschlimann aber noch ein generelles Problem – den Ladenmix in der unmittelbaren Umgebung: Bis vor ein paar Jahren existierten schräg gegenüber die Metzgerei Kauffmann und das Haushaltwarengeschäft Grüter-Suter. Er sagt:

«Sie bescherten dem ganzen Quartier viel Laufkundschaft, was uns heute fehlt.»

Denn die Nachfolger dieser Geschäfte, darunter ein Fachgeschäft für Küchenbau, würden meistens nur gezielt von deren Kunden aufgesucht. Einen anderen Standort habe man zwar geprüft, aber letztlich verworfen. Es wäre nicht der erste Wechsel gewesen.

Gegründet wurde das Geschäft 1903 an der Pilatusstrasse 13 (heute Marionnaud Parfümerie) von einem Josef Schnarrwyler als Geschäft für Posamenten. Dabei handelt es sich um Verzierungen wie Kordeln oder Bordüren. 1937 kaufte Werner Aeschlimann das Geschäft seines verstorbenen Patenonkels und erweiterte das Sortiment in den 1960er Jahren um Accessoires und Tischwäsche. Ab 1970 übernahmen die Eltern von Urs Aeschlimann – Kurt und Margrit– den Betrieb und eröffneten ein Jahr später den 2008 geschlossenen Nähshop an der Hirschmattstrasse 15. Im Jahr 1977 folgte der Umzug des Accessoiresgeschäfts ins Kantonalbank-Gebäude. Dort sind die vergangenen Zeiten bis heute präsent – in Form der Einrichtung: Dazu zählen etwa die mit Teppich bezogenen Ladentische oder der grosse Korpus dahinter. Dieser besteht aus befensterten Schubladen, in denen Handschuhe und andere Artikel gezeigt werden.

Zeit für Wehmut bleibt ohnehin nicht viel: Bereits in 100 Tagen wird das Traditionsgeschäft Geschichte sein. Wenigstens den Zeitpunkt kann Urs Aeschlimann als «glückliche Fügung» bezeichnen: «Unser Mietvertrag läuft Ende März aus, so können wir nochmals eine Fasnacht mitnehmen.» Was für ihn danach beruflich kommt, sei noch offen, sagt der studierte Biologe. Leid tut es ihm vor allem für die Mitarbeiterinnen – drei sind von der Schliessung betroffen. Urs Aeschlimann sagt:

«Die meisten arbeiten schon lange bei uns und wir werden versuchen, ihnen bei der Stellensuche zu helfen.»