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Der Luzerner Zytturm ist um eine Attraktion reicher

Die Sammlung teils jahrhundertealter Uhrwerke im Zytturm Luzern ist um ein weiteres Glanzstück erweitert worden. Die Ausstellung ist ein «Herzensanliegen» – und ein potenzielles Werbeschild für die Uhrenstadt Luzern.
Hugo Bischof
Turmuhrenspezialist Anastasius Hartmann und Remo Ronchetti, Präsident des Vereins Turmuhren Luzern, vor der historischen Burgerturm-Uhr, die neu im obersten Stockwerk des Luzerner Zytturms steht. Bild: Boris Bürgisser (Luzern, 26. März 2019)

Turmuhrenspezialist Anastasius Hartmann und Remo Ronchetti, Präsident des Vereins Turmuhren Luzern, vor der historischen Burgerturm-Uhr, die neu im obersten Stockwerk des Luzerner Zytturms steht. Bild: Boris Bürgisser (Luzern, 26. März 2019)

Anastasius Hartmann beugt sich über das imposante Räderwerk aus Stahl. Er dreht an der Aufzugskurbel, kontrolliert Ankerrad und Stundenrad – mit Kennerblick, fast liebevoll. Wir sind im obersten Stockwerk des Zytturms in Luzern und stehen vor dem Uhrwerk, das sich einst im Burgerturm in Luzerns Kleinstadt befand. Hartmann ist Fachmann der Firma muribaer ag in Büron, schweizweit führend in Sachen Turmuhr- und Kirchentechnik. Mindestens einmal pro Jahr kommt er nach Luzern, um die historischen Stadtuhren zu kontrollieren.

Der Burgerturm wurde 1371 erstmals urkundlich erwähnt. Er war Teil der historischen Stadtbefestigung und befand sich zwischen Hotel Wilden Mann und Suidterscher Apotheke. Das Burgertor öffnete sich gegen Westen auf die Brücke über den Krienbach). Dieser floss damals offen durch die Kleinstadt; erst später wurde er eingedeckt. Siehe Bild:

Der Burgerturm (hinten). Der Krienbach floss damals noch mitten durch die Stadt Luzern; er wurde erst später eingedeckt. Viele der Gebäude stehen noch, der Turm wurde 1864 abgerissen. Gemälde um 1800

Der Burgerturm (hinten). Der Krienbach floss damals noch mitten durch die Stadt Luzern; er wurde erst später eingedeckt. Viele der Gebäude stehen noch, der Turm wurde 1864 abgerissen. Gemälde um 1800

1864 wurde der Burgerturm abgerissen, um der Stadtentwicklung Platz zu machen. Die 1785 angebrachte öffentliche Uhr blieb erhalten. Seit 1986 befand sie sich im Historischen Museum Luzern. Nun wurde sie in den Zytturm verlegt. «Wir zerlegten sie in ihre Bestandteile, putzten sie, entfernten den Rost und hievten sie stückweise in den Zytturm und setzten sie dort wieder zusammen», sagt Remo Ronchetti. Der pensionierte Bauingenieur ist Präsident des Vereins Turmuhren Luzern. Die Verhandlungen mit der Stadt als Eigentümerin der Burgerturm-Uhr und dem Historischen Museum seien «intensiv und nicht immer einfach» gewesen, so Ronchetti: «Das Museum hätte sie gern bei sich behalten.»

Stundenglocke schlug in Luzern früher als in Bern

Im Zytturm wird die Burgerturm-Uhr nun Teil eines weltweit einzigartigen Schaulagers. Neun historische Turmuhren sind hier schon seit 2012 permanent ausgestellt – von der Zytturm-Uhr selber über die Rathaus-Uhr bis zur Hergiswald-Uhr. Nun kommt als zusätzliches Prunkstück die Burgerturm-Uhr dazu – inklusive der vier vergoldeten Zeiger.

Als Laie staunt man, wie genau die damaligen Uhrwerke liefen. «Ausgerichtet wurden sie nach dem Stand der Sonne», erklärt Ronchetti. «Stand sie am höchsten, war Mittag.» Das hatte einen bemerkenswerten Effekt: «Jede Stadt richtete ihre Uhr damals selber», erklärt Ronchetti. «Die Zeit in Luzern war also eine andere als etwa in Genf.» Die 16-Uhr-Glocke läutete im 14., 15. oder 16. Jahrhundert in Bern eine gute Weile später als in Luzern. Föderalismus en miniature – heute undenkbar.

Viele Uhren verstaubten oder wurden verschrottet

Die meisten der teils jahrhundertealten Turm- und Kirchenuhren sind längst nicht mehr dort, wo sie einst waren. «Viele wurden im Verlauf der Elektrifizierung ausgemustert und durch neue Uhren ersetzt, die per Funk ferngesteuert werden», sagt Ronchetti. Die Folge war, dass viele alte Uhrwerke irgendwo in einer Ecke verstaubten, wie etwa die Moosmatt- und Hergiswald-Uhr, oder gar im Alteisen landeten. Ronchetti: «Wir haben gerettet, was zu retten war.»

Die alten mechanischen Uhrwerke sind technische Meisterwerke. «Das Gehwerk ist der Motor der Uhr, setzt das Pendel in Bewegung und zeigt die Uhrzeit optisch auf dem Zifferblatt an», erklärt Ronchetti. Das Schlagwerk bedient die Glocke und gibt die Uhrzeit akustisch an. Die so genannte Hemmung bewirkt das periodische Anhalten des Räderwerks und somit den regelmässigen Gang der Uhr. Über unterschiedlich grosse Stangen wird der Impuls auf das aussen angebrachte Zifferblatt transmittiert. Die Gewichte hängen an teils meterlangen Seilen. Sie müssen täglich aufgezogen werden. Bei der Zytturm-Uhr, die noch heute in Betrieb ist, machte dies während rund 50 Jahren bis 2011 Stadtuhrmacher Jörg Spöring; abgelöst hat ihn sein Sohn Martin.

Auch die rund 40 Mitglieder des Vereins Turmuhren Luzern sind regelmässig im Zytturm anzutreffen. «Das Schaulager ist uns eine Herzensangelegenheit», sagt Ronchetti. Die vorbildlich instandgehaltenen Uhrwerke sind über die sechs Stockwerke des 31 Meter hohen Zytturms verteilt. Sie können jeweils vom 1. April bis zum 31. Oktober besichtigt werden – gratis. Der um 1403 oder kurz darauf gebaute Zytturm ist einer von vier öffentlich zugänglichen Musegg-Türmen:

Der Zytturm ist Teil der Museggmauer. Er ist öffentlich zugänglich und beherbergt eine interessante Sammlung alter Turmuhren. Bild: Boris Bürgisser (Luzern, 26. März 2019)

Der Zytturm ist Teil der Museggmauer. Er ist öffentlich zugänglich und beherbergt eine interessante Sammlung alter Turmuhren. Bild: Boris Bürgisser (Luzern, 26. März 2019)

Jährlich wandern mehr als 150 000 Touristen und Einheimische auf dem Wehrgang der Museggmauer. Die meisten von ihnen kommen so auch am Zytturm-Schaulager vorbei.

Besucher verhalten sich vorbildlich

Gemäss Ronchetti verhalten sich die Besucher vorbildlich: «Kaum liegen gelassener Abfall, selten eine Kritzelei.» Berühren kann man die Uhrwerke nicht. Sie sind hinter Glas. «Feuchtigkeit könnte dem Stahl schaden, er ist vor Rost nicht gefeit», erklärt Fachmann Anastasius Hartmann.

Der Unterhalt der alten Uhrwerke ist nicht günstig. Die gesamten Kosten für die Restaurierungsarbeiten der Burgerturm kosteten rund 28 000 Franken, die der Verein Turmuhren Luzern selber berappte «Wir fragten die Uhrenfirmen am Schwanenplatz einmal um einen Sponsoringbeitrag an», sagt Ronchetti. «Ohne Erfolg.» Schade, Luzern ist doch eine Uhrenstadt. Warum nicht den Kauf einer modernen Uhr im Stadtzentrum mit einem Besuch im Zytturm-Schaulager verbinden? Das wäre doch perfekte Tourismus-Werbung. Allerdings müsste dann die Aufentshaltsdauer eines durchschnittlichen Touristen länger sein als die heute üblichen zwei bis drei Stunden.

Zytturm Luzern: Ausstellung historischer Turmuhren. 1. April, bis 31. Oktober, täglich von 8 bis 19 Uhr. Eintritt gratis.

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