Diese Luzernerin bietet einen Kühlschrank fürs ganze Quartier

Jana Huwyler stellt im Rahmen des Projektes «Madame Frigo» öffentliche Kühlschränke bereit. Auch in Luzern gibt es zwei.

Nathalie Ehrenzweig
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Jana Huwyler vor dem «Madame Frigo»-Kühlschrank an der Stadtluzerner Anna-Neumann-Gasse.

Jana Huwyler vor dem «Madame Frigo»-Kühlschrank an der Stadtluzerner Anna-Neumann-Gasse.

Bild: Roger Grütter (25. Januar 2020)

Eine Gurke, ein Kopfsalat, zwei griechische Joghurts, zwei Grapefruits, eine Bratensauce, etwas Milch und vier Dosen Pelati. Das ist an diesem Nachmittag der Inhalt des «Madame Frigo»-Kühlschranks an der Anna-Neumann-Gasse 5 in Luzern. Jeder darf Nahrungsmittel hineinlegen und herausnehmen. So das Konzept von «Madame Frigo», einem Projekt, das von Jana Huwyler geleitet wird.

Die gebürtige Luzernerin studiert in Bern Jus und hat nach einem Workshop an der Uni vor fünf Jahren die Idee für die öffentlichen Kühlschränke mit vier Mitstudentinnen entwickelt. «Nach dem Workshop fanden wir: Nicht nur reden, sondern auch machen. Drei Monate später konnten wir unseren ersten Kühlschrank in Bern platzieren», erzählt die 25-Jährige.

Bis im Sommer soll es 60 Kühlschränke geben

Inzwischen gibt es 28 Kühlschränke an verschiedenen Orten in der Schweiz. Ziel von «Madame Frigo» ist, eine Lösung zum Problem Food Waste für Privathaushalte anzubieten. «Denn die sind in der Schweiz für 38 Prozent des Food-Waste verantwortlich», so Huwyler. «Die meisten Initiativen haben aber Grossverteiler oder Gastronomie im Visier.» Nach fünf Jahren hat das Projekt sich weiterentwickelt. Vier der Gründerinnen arbeiten anderweitig und Jana Huwyler leitet das heute neunköpfige «Madame Frigo»-Team nun allein. Das Startkapital gewann «Madame Frigo», als sie 2014 den Social Impact Award bekamen. «Der erste Kühlschrank wurde von Electrolux gesponsert. Einige haben wir auch geschenkt bekommen. Die Häuschen, in die die Kühlschränke gestellt werden, haben wir am Anfang noch selbst gebaut», sagt die angehende Juristin lachend.

«Madame Frigo» ist fast ein Selbstläufer. Nach dem ersten Kühlschrank kamen bereits Anfragen von Läden, die gern einen Kühlschrank in der Nähe hätten. «Mein Ziel ist, bis zum Sommer 60 Kühlschränke zu haben», verrät Jana Huwyler. An ihrem Studienfach hat sie trotz ihrem Projekt nie gezweifelt. «Im Gegenteil. Mein juristisches Wissen hilft mir sehr. Ich schreibe auch meine Masterarbeit über das Haftungsrecht in Bezug auf ‹Madame Frigo›. Ich bin mit Rechtswissenschaften sehr breit aufgestellt», sagt sie. Im Sommer schliesst sie ihr Studium ab und will dann ein Jahr voll für die öffentlichen Kühlschränke arbeiten, bevor sie ihr Anwaltspatent macht.

Nicht nur Jana Huwyler schreibt eine Arbeit über ihr Projekt. Zusätzlich will eine Gruppe von Studierenden die Nutzer der öffentlichen Kühlschränke genauer unter die Lupe nehmen. Wer bringt Nahrungsmittel? Wer holt? Wie lange liegt das Essen im Kühlschrank und überhaupt: Wie viel? Das sind nämlich Fragen, die «Madame Frigo» noch nicht sehr genau beantworten kann. «Wir wissen, dass die Kühlschränke recht schnell geleert werden. Die Nachfrage ist sichtlich da, aber uns nimmt natürlich auch wunder, ob wirklich Privatleute das Angebot nutzen. Ob unser Projekt Sinn macht», sagt die Hobby-Musikerin.

Für Huwyler ist Essen eine Herzensangelegenheit:

«Als ich vier Jahre alt war, wollte ich wissen, woher Fleisch kommt. Als meine Mutter mir erklärte, dass dies Tiere waren, habe ich mich entschieden, nie wieder Fleisch zu essen.»

Als sie bei einem Cateringunternehmen arbeitete, musste sie Desserts aus den Serviergläschen kratzen und wegwerfen. «Ich habe Augenkontakt zu meinen Arbeitskollegen gesucht. Es hat mich verstört, dass das alle normal fanden», sagt Huwyler.

Nahrungsmittel sind «von allen für alle»

Das Team überlegt sich, wie es die Hemmschwelle, zum Kühlschrank gehen zu müssen, reduzieren kann. Jana Huwyler ist überzeugt, dass dies am besten mit einer hohen Dichte an Kühlschränken erreicht wird. In Luzern gibt es bereits einen, der zweite in der Region steht in Emmenbrücke.

Unterstützt wird sie von vielen Freiwilligen, die den Kühlschrank betreiben oder ihr Götti sind, also die Hygiene des Geräts übernehmen und abgelaufene Waren wegräumen. Das sei aber nur sehr selten nötig. «Das komischste Produkt, das wir je in unseren Kühlschränken hatten, waren vegane Sardellen», erzählt sie lachend. Reinlegen darf man Obst, Gemüse, Brot, nicht-alkoholische Getränke und verschlossene Produkte, deren Verbrauchsdatum noch nicht erreicht ist. Das Motto ist «Teller statt Tonne». «Die Nahrungsmittel sind von allen für alle», betont die Initiantin.

Hinweis: Weitere Infos sind online zu finden unter: www.madamefrigo.ch