Interview

LuzernPlus-Präsident Pius Zängerle: «Die Städteplanung in Luzern ist viel koordinierter als  im Grossraum Zürich»

Genau zehn Jahre nach der Gründung des Gemeindeverbands LuzernPlus tritt Präsident Pius Zängerle zurück. Wir sprachen mit ihm über den Zustand der Region Luzern – und deren Perspektiven.

Robert Knobel
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Pius Zängerle in seinem Büro in Luzern. (Bild Philipp Schmidli, 25. November  2019)

Pius Zängerle in seinem Büro in Luzern. (Bild Philipp Schmidli, 25. November  2019)

Pius Zängerle, anlässlich der Gründung von LuzernPlus, im Januar 2010, sagten Sie in unserer Zeitung: «Wir haben alle Voraussetzungen, dass sich unsere Region überdurchschnittlich entwickeln kann.» Wurden die Erwartungen erfüllt?

Ja, die Prognose ist voll und ganz eingetroffen. Die Region Luzern hat in den letzten zehn Jahren eine rasante Transformation durchgemacht: Von der klassischen Stadt mit Agglomeration, hin zu einer Kernstadt mit drei weiteren Städten im Süden, Norden und Osten. Diese haben inzwischen ein eigenes, starkes Profil entwickelt – in Luzern Süd und Luzern  Nord beispielsweise als Hochschul-Standorte, in Luzern Ost mit einem neuen Schwerpunkt Einkaufen.

Gerade im Osten, also im Rontal, herrscht allerdings eine grosse Skepsis gegenüber dieser Entwicklung. Grossprojekte wie die Überbauung M-Parc in Ebikon scheiterten an der Urne..

Das hat einerseits damit zu tun, dass die Urbanisierung im Rontal erst später eingesetzt hat als etwa in Kriens oder Emmen. Hinzu kommt, dass Versprechungen, die im Zuge von Grossprojekten gemacht wurden, noch nicht eingelöst sind – ich denke da etwa ans Hallenbad in der Mall of Switzerland. Das Rontal hat aber eine hervorragende Ausgangslage was beispielsweise die Anbindung an den Wirtschaftsraum Zürich betrifft. Wachstumsängste gibt es zudem nicht nur im Rontal. In Emmen steht die Wachstumsinitiative im Raum, und auch in Kriens gibt es Verlustängste beim ansässigen Gewerbe. 

Viele Leute fragen sich ganz einfach, wer denn in diese Hunderten von neuen Wohnungen und Büros einziehen soll...

Dabei ist diese Entwicklung ja gar nicht neu. Früher wurde auf der grünen Wiese gebaut. Diese Entwicklung lief eher im Stillen ab. Heute hingegen werden mitten im Siedlungsgebiet grosse Flächen neuen Nutzungen zugeführt wie zum Beispiel Schulen, Wohnungen und Dienstleistungs- und Freizeitflächen. Diese Entwicklung steht naturgemäss viel stärker im Fokus der Öffentlichkeit. Die zusätzlichen Wohnungen werden gebraucht. Das beweist allein schon die Tatsache, dass der Leerwohnungsanteil in Kriens trotz der enormen Bautätigkeit derzeit wieder rückläufig ist.

Skepsis gibt es auch gegenüber LuzernPlus. Politiker  kritisieren den Verband, weil er sich in die Angelegenheiten der Gemeinden einmische. Hat sich da klammheimlich eine Art «vierte Staatsebene» gebildet, wie manchmal zu hören ist?

LuzernPlus ist keine vierte Staatsebene, da wir weder Steuern erheben noch ein Parlament oder eine Exekutive haben. Wir sind Auftragnehmer von Kanton und Gemeinden im Bereich der Raumplanung. Bei der Raumplanung macht es schlicht keinen Sinn, wenn jede Gemeinde nur für sich schaut. Die Frage, wo Hochhäuser stehen sollen und wo nicht, ist nicht allein eine kommunale Frage, sondern betrifft die ganze Region Luzern. Deshalb haben die Delegierten von LuzernPlus beispielsweise das für die Gemeinden verbindliche Hochhauskonzept verabschiedet. Gleichzeitig respektieren wir die Gemeindeautonomie: Wenn es um die konkrete Umsetzung von Hochhaus-Projekten geht, liegt das in der alleinigen Verantwortung der Standortgemeinde. Deshalb äussert sich LuzernPlus auch nicht zu einzelnen Bauprojekten, sofern sie im Rahmen der gemeinsam vereinbarten Richtpläne liegen. 

Gewisse Entscheide von LuzernPlus sind «behördenverbindlich». Das ist schon ein Eingriff in die Gemeindeautonomie. Wie starke Widerstände mussten Sie in den letzten zehn Jahren überwinden?

Es war sicher die grösste Herausforderung, 24 Gemeinden davon zu überzeugen, dass es nicht nur Gespräche, sondern auch Verbindlichkeit braucht. Insofern werte ich es als Erfolg, dass eine Reihe von Richtplänen und Konzepten entstanden sind und die Teilrichtpläne «Wanderwege» und «Detailhandel» von den Delegierten kürzlich gar einstimmig verabschiedet wurden.

Die Zusammenarbeit könnte trotzdem irgendwann an ihre Grenzen stossen. Muss Luzern mittelfristig wieder über Fusionen nachdenken?

Nein, die Fusions-Frage stellt sich derzeit nicht mehr – jedenfalls nicht innerhalb der Kern-Agglomeration Luzern. Alle Gemeinden haben mittlerweile ihre Rolle gefunden und sind gut aufgestellt für die Zukunft. Ich wage den Vergleich mit London, das aus 40 Städten besteht. Die Kern-Agglomeration Luzern besteht heute aus vier funktionalen Städten im Zentrum, im Norden, Osten und Süden, politisch aufgeteilt auf die K5-Gemeinden Ebikon, Emmen, Horw, Kriens und Luzern. Ich kenne keine andere Region in der Schweiz, die derart integriert plant. Die Städteplanung in der Region Luzern ist viel koordinierter als zum Beispiel im Grossraum Zürich. Darauf dürfen die Beteiligten, allen voran die Gemeinden stolz sein und ich hoffe, dass dies auch in den nächsten 10 Jahren weiterentwickelt wird.

Man kann heute aber auch festhalten, dass Luzern und Littau enorm von der Fusion profitiert haben. Wieso sollte dieses Beispiel andere Gemeinden nicht motivieren, einen ähnlichen Schritt zu wagen?

Ich sage nicht, dass weitere Fusionen keinen Sinn ergeben würden. Aber derzeit ist es einfach nicht realistisch, eine Fusions-Diskussion erfolgreich zu führen, weil die Gemeinden wie erwähnt mit der jetzigen Situation sehr gut leben. 

Zur Person

Der Adligenswiler Pius Zängerle (57) ist seit der Gründung von LuzernPlus, 2010, Präsident des Gemeindeverbands, dem 24 Gemeinden in der Region Luzern angehören. Seit 2015 ist er zudem Direktor des Krankenversicherer-Verbands Curafutura. Zuvor war er Präsident des KKL Luzern und vertrat die CVP während 10 Jahren im Luzerner Kantonsrat. Als Nachfolgerin fürs LuzernPlus-Präsidium wurde kürzlich GLP-Kantonsrätin Michèle Graber gewählt. Sie wird ihr Amt Anfang 2020 antreten.

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