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Luzerns bekanntester Strassenmusiker wohnt 1900 Kilometer entfernt

Sein Gesicht ist vielen Luzernern wohl vertraut – seine Musik erst recht: Kaum ein Strassenmusiker spielt so oft in der Luzerner Altstadt wie Zoreslav Kravchuk (40). Mit Bach und Vivaldi im «Gepäck» reist er jedesmal extra aus der Ukraine an.
Jana Avanzini
Zoreslav Kravchuk spielt vor Passanten in der Luzerner Altstadt. Bild: Jana Avanzini

Zoreslav Kravchuk spielt vor Passanten in der Luzerner Altstadt. Bild: Jana Avanzini

Der Wind bläst durch die Altstadtgassen. Die Passanten ziehen die Schultern hoch und stossen die Hände tiefer in die Taschen. Da klingt der «Winter» von Vivaldi über den Mühleplatz und man ahnt sofort, in welches bekannte Gesicht man blickt, wenn man um die Ecke biegt.

Es dauert eine Weile, bis Zoreslav Kravchuk auftaut, im übertragenen Sinne. Der 40-jährige Akkordeonist ist ein ruhiger Typ, zurückhaltend. Nicht gerade, was man von einem Strassenmusiker erwarten würde. Bei einem Glas Orangensaft auf der beheizten Bank im Mill'Feuille jedoch beginnt er zu plaudern, als es um sein Knopfakkordeon der Marke Jupiter geht, in Moskau gebaut. Wenn er von den barocken Komponisten, den französischen Cembalisten spricht, von Johann Sebastian Bach und Franz Liszt, wenn er seine feine, silberne Brille abnimmt, spürt man die Leidenschaft für die klassische Musik.

Diese Leidenschaft ist auch bei seinem Spiel zu hören, wie das folgende Video zeigt:

Als Lehrer in der Ukraine verdient er 200 Franken

So oft, wie man Kravchuk in Luzern spielen sieht, könnte man glauben, er sei ganz in der Nähe zuhause. Doch es sind 1’971 Kilometer bis in die ukrainische Stadt Sumy, wo er mit seiner Frau und der gemeinsamen 16-jährigen Tochter lebt. Dort arbeitet der studierte klassische Akkordeonist als Musiklehrer, genauso wie seine Frau, eine Pianistin. Das monatliche Einkommen für diesen Lehrerjob beträgt umgerechnet nur etwa 200 Franken.

So reist er bis zu vier Mal im Jahr für einen Monat in die Schweiz und macht Strassenmusik. Seit über zehn Jahren.

Angefangen habe er damit während des Studiums. Alle seien sie durch Deutschland und die Schweiz gereist, hätten auf den Strassen musiziert, um sich das Reisen leisten zu können. Heute lohne es sich für ihn nur, weil er bei einem Freund in Birmensdorf umsonst unterkommen könne. Rund 1000 Franken habe er an Ausgaben, für die Anreise, das Monatsabo, die ganzen Bewilligungen und das Essen. Das, was an Münzen in seine Tasche fällt, ist sein Lohn.

Vier Wochen ohne Pause reist er jeweils durch die Schweiz. Manchmal spielt er in vier Städten pro Tag. Je nach Regelungen, je nach Kosten für die Bewilligung, die sich läppern, und je nachdem, wie viele Musiker in einer Stadt spielen dürfen, und wann. Kravchuk macht sich keine Illusionen, wenn er sagt:

«Strassenmusik ist nichts Romantisches.»

Die Kälte, die Nässe, die Unsicherheit und die Konkurrenz um die Plätze. Auch das ständige Unterwegssein macht ihm zu schaffen. Auf den Strassen, in den Zügen, immer sei es laut. «Ich habe das Gefühl, Schweizer können nicht einfach nur still dasitzen», sagt er mit einem schüchternen Lachen.

Die Luzerner haben klassische Musik besonders gern

In Luzern spielt er meist Donnerstag- und Freitagabends, oft Vivaldi oder Bach, denn die Leute mögen, was sie kennen. Und in Luzern kennen und mögen die Menschen Klassik, das liege wohl an der hiesigen Konzertkultur. Er spielt in der Altstadt und ennet der Reuss vor dem Regierungsgebäude. Doch einen guten Platz zu finden werde jedes Jahr schwieriger, da sich zu den Strassenmusikern auch immer mehr Bettler mit einem Instrument dazugesellen würden.

«Ich habe manchmal das Gefühl, dass die Passanten der Strassenmusik müde geworden sind.»

Heute spiele er doppelt so lange, um dasselbe zu verdienen wie früher. Vielen ginge es ähnlich, weiss er von anderen Strassenmusikern.

Der Respekt voreinander und der Musik sei wichtig – und der Austausch. Er schätze in Luzern beispielsweise den Strassenmusiker Cello Inferno sehr, der immer mal wieder wegen seines Verstärkers mit der Polizei in Konflikt gerät. Unverständlich, findet Kravchuk. Marcello Palermo, wie Cello Inferno zum bürgerlichen Namen heisst, biete eine Show, welche die Passanten schätzen. Und darum gehe es doch, um die Musik. Deshalb schätze er es auch sehr, wenn er von der Strasse weg zwischendurch auch für kleine Auftritte angeheuert wird.

Vor Weihnachten sind die Leute grosszügiger

In der Adventszeit seien die Leute zwar etwas freigebiger, doch am besten laufe es, wenn wenige Menschen unterwegs seien. Sobald die Läden schliessen und die Leute ohne Eile, dafür mit offenen Augen und Ohren durch die ruhigen Gassen schlendern, dann fühlt sich nicht nur der Akkordeonist wohl. Dann klimpert es auch öfters auf seiner Akkordeontasche.

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