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LUZERN/SPANIEN: «Okupa» - wenn der Ferienhausbesitz in Spanien wegen Besetzern zur Tortur wird

Eine Luzerner Familie kann ihr eigenes Feriendomizil in Spanien nicht mehr betreten, da es besetzt worden ist. Eine Lösung ist nicht in Sicht – die spanische Justiz scheint überfordert.
Eine Finca in Spanien (Symbolbild). (Bild: Imago)

Eine Finca in Spanien (Symbolbild). (Bild: Imago)

Hugo Bischof

hugo.bischof@luzernerzeitung.ch

Stellen Sie sich vor, Sie sind Besitzer eines Ferienhauses in Spanien. Sie wollen dort wie jedes Jahr Ihre Ferien verbringen. Dann stellen Sie fest: Das Haus steht Ihnen gar nicht mehr zur Verfügung, da es besetzt wurde. Ein Alptraum. Aber sehr real. Denn exakt dies ist einer Luzerner Familie diesen Sommer passiert. Sie ist unserer Zeitung bekannt, möchte aber anonym bleiben.

«Die Flugtickets für die Famile, Kinder und Enkelkinder waren bereits bezahlt», erzählt der Familienvater. «Dann teilte uns eine Bekannte in Spanien mit, dass wir unsere Liegenschaft nicht mehr betreten können.» Eine Gruppe Hausbesetzer hatte sich darin breit gemacht, die niemanden hereinlässt – auch die rechtmässigen Eigentümer nicht.

«Wir konnten es zuerst gar nicht glauben»

«Wir waren geschockt und konnten es zuerst gar nicht glauben», erzählt der Eigentümer. Weitere Erkundigungen ergaben, dass genau dieses Horror-Szenario eingetroffen war. Die Familie musste kurzfristig auf ihre Reise nach Spanien verzichten: «Die Flugtickets wurden nicht zurückerstattet.» Das Ferienhaus liegt auf einer der spanischen Balearen-Inseln direkt am Meer – mit einem Strand und Einkaufsmöglichkeiten in unmittelbarer Nähe. Die Luzerner Familie hatte das Haus mit Garten vor 45 Jahren bauen lassen, als die Gegend praktisch noch unbewohnt war.

Jedes Jahr verbrachte die Familie dort ein – bis zweimal pro Jahr ein paar Wochen Ferien. Das Haus ist der Familie ans Herz gewachsen. Sie hat es liebevoll eingerichtet. Mit den im Verlauf der Jahre in die Gegend zugezogenen Nachbarn – darunter Spanier und Ausländer – haben sie gute Freundschaften geschlossen. Jetzt ist für die Luzerner Familie auf einen Schlag eine Welt zusammengebrochen. «Wenn wir auf die Insel gehen, können wir unser eigenes Haus nicht mehr betreten», sagt der Eigentümer.

Räumung nur innert 48 Stunden möglich

Was der Luzerner Familie geschah, ist kein Einzelfall. Das Phänomen heisst «Okupa», auf spanisch Hausbesetzer. Seit 2016 hat sich die Problematik vor allem in den Ballungszentren Barcelona und Madrid, aber auch auf Ferieninseln lawinenartig ausgebreitet, berichten spanische Zeitungen. Betroffen sind nicht nur Ausländer, sondern auch Einheimische.

Einer der Gründe dafür ist eine gesetzliche Regelung, wonach eine Hausbesetzung innert 48 bis maximal 72 Stunden der Polizei gemeldet werden muss. Nur innerhalb dieser Frist kann die Polizei die Liegenschaft ohne richterlichen Hausdurchsuchungsbefehl räumen. Erfolgt die Anzeige zu spät, braucht es den juristischen Instanzenweg inklusive Gerichtsverfahren, um die Hausbesetzung zu beenden.

Wie lange so etwas in Spanien dauern kann, davon kann die Luzerner Familie ein trauriges Liedchen singen. «Wir haben einen Anwalt eingeschaltet, und es gibt schon drei Gerichtsentscheide zu unseren Gunsten, und dennoch ist noch immer nichts geschehen», sagt der Familienvater. «Jedesmal, wenn ein Urteil vorliegt und die Räumung des Hauses angeordnet ist, sind plötzlich wieder andere Besetzer im Haus, und alles beginnt wieder von vorne.»

Mafia-ähnliche Organisation

Die Hausbesetzer lassen die Liegenschaft von scharfen Hunden bewachen. Nur einmal ist es einem Mitglied der Familie gelungen, einen Augenschein im Haus zu nehmen – «begleitet von vier bewaffneten Polizisten mit Schutzwesten», erzählt der Familienvater. «Mit gnädiger Erlaubnis der Besetzer», sagt er ironisch. Was er sah, war «sehr unerfreulich». Gefragt, ob sie die Besetzer nicht vertreiben könnten, hätten die Polizisten gesagt: «Ohne richterlichen Befehl können wir nichts tun.»

Der Eigentümer vermutet, dass eine Mafia-ähnliche Organisation hinter der Besetzung steht: «Zuerst befanden sich spanische Staatsbürger im besetzten Haus, später Deutsche und Rumänen.» Besonders perfid sei, dass die unbekannten Hintermänner das Ferienhaus an die im Gebäude lebenden Personen gegen Bezahlung vermieten – «und das, obwohl wir nach wie vor Eigentümer sind und entsprechend Steuern zahlen.»

Ebenfalls fassungslos macht den Eigentümer, dass die neuen «Mieter» bereits auch Mängelrügen vorgebracht haben: «Sie beklagten sich zum Beispiel, dass es im Haus weder Fernsehen noch Radio noch eine Waschmaschine gibt.» Als man ihnen die Strom- und Wasseranschlüsse abstellte, hätten sie diese illegal einfach wieder beim Nachbargrundstück angeschlossen. Zudem hätten sie einem Nachbarn einen Fernseher gestohlen.

Es kann Monate bis Jahre dauern

Wie weiter? «Wir hoffen, dass die Hausbesetzung doch einmal zu Ende geht», sagt der Luzerner. Einstweilen geht die Tortur aber weiter: «Soeben hat uns unser Anwalt mitgeteilt, dass es zumindest weitere zwanzig Tage dauern wird, bis allenfalls etwas unternommen werden kann. So werden wir seit Monaten immer wieder vertröstet.» Die traurige Geschichte hinterlässt bei der Familie den Eindruck, als wären die Justizorgane nicht in der Lage, sie als Eigentümer zu schützen. «Muss zuerst alles zerstört werden, damit das fremde Eigentum auch für die Usurpatoren nicht mehr attraktiv ist?», fragen sie sich. «Wird Unrecht langsam zum Recht?»

Ähnliche Fälle zeigen, dass es manchmal Monate, wenn nicht Jahre dauert, bis eine «Okupa» in Spanien beendet werden kann. So lange möchten der Luzerner und seine Familie nicht warten: «Wir hoffen, dass mit Anbruch der kalten Jahreszeit die Hausbesetzer vielleicht von allein das Gebäude verlassen.» Auch diese Hoffnung hat sich aber nicht erfüllt. Die Hausbesetzung dauert auch in der Weihnachts- und Neujahrszeit weiter an.

Lösegeld oder private Räumungstrupps

Hausbesetzung  Die Zahl der illegalen Hausbesetzungen hat in den letzten Jahren in Spanien drastisch zugenommen. Betroffen sind nicht nur Ferienwohnungen und -häuser, sondern auch offiziell leerstehende Immobilien. «Es gibt inzwischen gut organisierte nationale und internationale Mafia-Banden, die Wohnungsanzeigen im Internet verfolgen», zitierte die deutsche Zeitung «Die Welt» am 28. September 2016 eine spanische Anwältin: «Sie brechen die angebotenen Wohnungen auf, tauschen das Schloss aus und verscherbeln das Objekt gegen eine Ablöse von 500 bis 2000 Euro an Menschen in Wohnungsnot, die nicht viele Fragen stellen.»

Laut Frankfurter Allgemeine Zeitung (FAZ) vom 16. Mai 2017 verlangen die Hausbesetzer («Okupas») vom rechtmässigen Eigentümer oft ein Lösegeld von 3000 bis 6000 Euro, damit sie wieder ausziehen. In einigen Fällen würden die Wohnungsinhaber zahlen – um Zeit zu sparen und ein langwieriges juristisches Verfahren zu vermeiden. Vor allem «der Schlendrian der Behörden» sei Schuld an der unhaltbaren Situation, sagt denn auch die spanische Anwältin in «Die Welt».

Inzwischen gibt es auch Firmen, die auf die Räumung besetzter Häuser spezialisiert sind, etwa die 2016 gegründete «Desokupa». «Die Geschäftsidee ist einfach», schreibt die Mallorcazeitung: «Die Firma tritt in Verhandlungen mit Hausbesetzern, und wenn diese scheitern, schickt sie mehrere kräftige Männer vorbei, die die Besetzer ‹einladen›, das Haus zu verlassen.» Solche Räumtrupps sind nicht billig; zudem bewegen auch sie sich in einem rechtlichen Grenzbereich.

Eine Hausbesetzung in Spanien zu beenden, ist auch aus einem anderen Grund nicht einfach: Die spanische Verfassung garantiert nämlich nicht nur das Recht auf Besitz (Artikel 33), sondern auch auf eine würdige Wohnung (Artikel 47). «Wer also in eine leere Wohnung eindringt, macht sich nicht unbedingt strafbar», so «Die Welt». Für Ferienhäuser, die von ihren Eigentümern regelmässig genutzt werden, ist diese Bestimmung jedoch nicht anwendbar. (hb)

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