«Madame Frigo»

Trotz Corona: Öffentliche Kühlschränke in der Region Luzern finden ihr Publikum

Die Kühlschränke von «Madame Frigo» sollen den Food Waste reduzieren. Das geht auch während der Pandemie, finden die Verantwortlichen.

Simon Mathis
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Die Verantwortlichen Nina Deicher (links) und Kaja Schmid vor dem neuen «Madame Frigo»-Kühlschrank beim Luzerner Löwenplatz.

Die Verantwortlichen Nina Deicher (links) und Kaja Schmid vor dem neuen «Madame Frigo»-Kühlschrank beim Luzerner Löwenplatz.

Bild: Boris Bürgisser
(31. Dezember 2020)

«Madame Frigo», das gemeinnützige Projekt gegen Food Waste, hat in der Stadt Luzern Fuss gefasst. Seit Anfang 2020 steht der erste öffentliche Kühlschrank im Tribschenquartier, mittlerweile sind zwei neue dazu gekommen: seit März einer im Helvetiagärtli, seit Oktober ein weiterer beim Löwenplatz. Verantwortlich für die beiden Standorte sind die Studentinnen Nina Deicher und Kaja Schmid.

Die Idee dahinter ist, dass Passanten im Kühlschrank oder im Brotkasten Esswaren platzieren, die zwar noch konsumier- und haltbar sind, aber nicht mehr genutzt werden. Andere können sich dann bei der Auswahl bedienen. So will der Verein «Madame Frigo» die Menge verschwendeter Lebensmittel reduzieren. Nur: Ist dieses Konzept zu Zeiten der Pandemie überhaupt umsetzbar?

«Zu Beginn hatten wir schon Sorge, dass das schwierig wird mit der Hygiene», sagt Nina Deicher. Der Verein sei dann aber zum Schluss gekommen, dass die Vorschriften bereits vor der Pandemie überdurchschnittlich hoch waren. Kaja Schmid führt aus:

«Wir appellieren heute einfach noch eindringlicher als sonst an die Vorschriften, die ohnehin gelten.»

Diese lauten: nur hygienisch einwandfreie Waren abliefern und konsequent die Hände desinfizieren. Laut Deicher und Schmid mussten sie bisher noch nie auch nur ein Nahrungsmittel wegwerfen, weil es abgelaufen war. «Die Leute halten sich gut an die Spielregeln», so ihr Fazit.

Corona und Food Waste

Im Kanton Luzern sei das Problem des Food Waste zurzeit «gravierend», sagt Thomas Tellenbach, Geschäftsleiter des Verbandes Gastro Luzern, gegenüber Zentralplus. Grund dafür seien die kurzfristigen Anpassungen der Coronamassnahmen. Wegen der Schliessungen werde es zu «enormem Food Waste kommen».

Weniger dramatisch findet die Situation Ruedi Stöckli, Präsident von Gastro Luzern. Auf die Gastro-Schliessungen, wie sie im Dezember beschlossen wurden, habe man sich dieses Mal vorbereiten und entsprechend weniger Esswaren bestellen können. «Viele Produkte können wir relativ lange lagern oder privat verwerten», so Stöckli. Anders sei das bei der ersten Schliessung im März gewesen, von der die Branche überrumpelt worden war.

Das Gästebuch wurde auch mitgenommen

Die beiden schätzen, dass täglich gut 40 Personen die jeweiligen Kühlschränke aufsuchen, um etwas herauszunehmen oder hineinzulegen. Die Nutzer zögen sich querbeet durch die Bevölkerungsschichten: «Von der alten schicken Dame bis zum jungen alternativen Studenten sind da alle dabei», so Deicher. Sie betont auch, dass die Kühlschränke keineswegs «nur» für Bedürftige bestimmt seien:

«Jeder kann etwas rausnehmen, ohne ein schlechtes Gewissen zu haben.»

Rund um die zwei Kühlschränke haben sich bisher ungefähr 20 freiwillige Helferinnen und Helfer versammelt. Sie kontrollieren und putzen die Kühlschränke jeden Tag und transportieren teils Brot von Bäckereien in die Kühlschränke. Rückmeldungen aus der Bevölkerung erhält das Team jeweils mündlich. «Das Gästebuch wurde ziemlich schnell – wie halt auch das Essen – mitgenommen», sagt Schmid mit einem Schmunzeln. Auch die Brotkiste und das Putzzeug komme immer mal wieder weg. Deicher und Schmid nehmen's mit Humor.

Brot ist besonders beliebt

Trotz des positiven Fazits gibt es für «Madame Frigo» in Luzern noch einige offene Fragen. So suche man nach Sponsoren für die Kühlschränke sowie nach weiteren Läden und Bäckereien, die ungenutzte Waren zur Verfügung stellen. Auch die Standorte Löwenplatz und Helvetiagärtli sind nicht in Stein gemeisselt, da sie jährlich von der Stadt Luzern bewilligt werden müssen und die Anschlussgebühren sehr hoch seien. Dass die Kühlschränke auf öffentlichem Grund stehen, sei eher eine Ausnahme. «Ein privates Grundstück wäre beständiger, aber die jetzigen Standorte liegen natürlich ideal», so Schmid.

Das beliebteste Nahrungsmittel in den Kühlschränken ist übrigens Brot. «Ich bin immer wieder erstaunt, wie viel davon in der Brotkiste landet – und am nächsten Morgen auch schon wieder weg ist», sagt Deicher. In besonders guter Erinnerung haben sie eine Rentnerin, die Dose um Dose voller Bohnen in den Kühlschrank stelle. «Hamsterkäufe von vor dem ersten Lockdown», erklärte diese.

Auch in der Agglo etabliert sich «Madame Frigo»

In Kriens, Emmen und Dierikon stehen ebenfalls Kühlschränke von «Madame Frigo». In Dierikon zeichnet sich ein ähnliches Bild ab wie in Luzern: Dort steht der Kühlschrank seit Anfang 2020 und erfreut sich grosser Beliebtheit, wie die Verantwortliche Katja Wolanin auf Anfrage sagt. Während des ganzen Jahres habe man kaum je abgelaufene Lebensmittel entsorgen müssen. Zu Beginn des Projektes habe man noch fleissig Werbung gemacht, mittlerweile sei der Kühlschrank ein Selbstläufer.

Ein Problem sehen die Verantwortlichen darin, dass nicht nur Lebensmittel beim Kühlschrank abgegeben werden. So landeten etwa Bücher und Kochutensilien beim Kühlschrank. «Das ist zwar nett gemeint, aber nicht Sinn der Sache», sagt Wolanin.

Nina Deicher (22) hat im Sommer ihr Bachelorstudium in Sozialwissenschaften, Volkswirtschaftslehre und nachhaltiger Entwicklung an der Universität Bern abgeschlossen. Kaja Schmid (23) studiert an der Universität Luzern Politik, Wirtschaft und Philosophie.