MÄUSEBUSSARDE: «Plötzlich spürte ich einen harten Schlag am Hinterkopf»

Derzeit attackieren Vögel in mehreren Gemeinden regelmässig Jogger und Velofahrer. Und zwar nicht nur zum Schein, wie dies die Vogelwarte Sempach glaubt.

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Zur Verteidigung ihrer Jungtiere greifen Mäuse­bussarde auch Menschen an. (Bild: Keystone)

Zur Verteidigung ihrer Jungtiere greifen Mäuse­bussarde auch Menschen an. (Bild: Keystone)

Velofahrer tun gut daran, Grosswangen zu umfahren oder zumindest die Strasse von oder nach Kottwil zu meiden. Denn diese führt durch das Revier eines Mäusebussard-Pärchens. In den letzten Wochen wurden dort mehrere Velofahrer von einem Bussard attackiert (wir berichteten am 10. Juni). Bei der Dienststelle Landwirtschaft und Wald des Kantons Luzern (Lawa) hat man Kenntnis von diesen Vorfällen. Wildhüter Daniel Schmid: «Diese Bussarde sehen die Velofahrer als Bedrohung innerhalb ihres Brutreviers. Sie verteidigen ihre Jungen, die jetzt flügge werden und ihre ersten Flugversuche machen.»

«Er stürzte sich auf meinen Helm»

Bei der Vogelwarte Sempach heisst es, dass Mäusebussarde mit Jungvögeln während ein paar Wochen sehr sensibel reagieren. «Wenn ihre Jungtiere das Nest verlassen, fliegen die Alten manchmal Scheinattacken gegen Personen, von denen sie sich gestört fühlen», sagt Mediensprecher Michael Schaad. Damit lassen es die Vögel in Grosswangen nicht bewenden, wie Claudia Künzli-Ryser, eine Bikerin, auch im Namen anderer Betroffener sagt: «Ich wurde zweimal attackiert. Es war kein Scheinangriff. Der Vogel stürzte sich direkt auf meinem Helm.» Auch Bruno Marberger aus Kottwil machte Bekanntschaft mit angriffigen Bussarden. «Es sind zwei Tiere. Zum ersten Mal sah ich sie im März. Damals flog einer der Vögel nur über mich hinweg, wie als Warnung.»

Auf dem Weg zur Arbeit und zurück müsse er die Stelle jeden Tag passieren. Bisher sei er über 20 Mal attackiert worden. «Scheinangriffe waren es nur am Anfang. Inzwischen gehen sie immer auf meinen Helm los, es ist, als ob mir jemand einen Ball an den Kopf wirft», sagt Marberger. Er habe sich inzwischen mit der Situation arrangiert. «Als Erwachsener, der weiss, was passiert, kann ich mich darauf einstellen. Was aber, wenn ein Kind auf dem Velo von einem Vogel angegriffen wird? Auf der Strasse sind auch Autos unterwegs.» Und Claudia Künzli-Ryser fragt: «Muss zuerst etwas passieren, bevor es den Vögeln an den Kragen geht? Hat ein Vogel den höheren Stellenwert als ein Mensch?» Sie unterstütze den Schutz der Tiere, hier würden aber Menschen gefährdet.

Bussarde sind nicht jagdbar

Für das Lawa ist der Abschuss der Vögel keine Option. «Wir haben in Zusammenarbeit mit der Jagdgesellschaft Kottwil Warnschilder aufgestellt. Andere Möglichkeiten gibt es nicht, denn der Mäusebussard ist ganzjährig geschützt und daher nicht jagdbar», sagt der Wildhüter. Für einen Eingriff gegen geschützte Tiere müsste eine Bewilligung beim Bundesamt für Umwelt (Bafu) beantragt werden. Falls ein Gesuch bewilligt würde, müsste die Abschussverfügung im Kantonsblatt publiziert werden, um Verbandsbeschwerden zu ermöglichen. «Bis dann hat sich das Problem von selbst gelöst, weil die jungen Mäusebussarde längst ausgeflogen sind.»

Auch in einem Wäldchen in Rothenburg geht ein Mäusebussard auf Jogger los. Unser Leser Thomas Barmettler schildert: «Plötzlich spürte ich beim Joggen einen harten Schlag am Hinterkopf. Ich dachte, es hätte jemand einen Stein an meinen Kopf geworfen, realisierte dann, dass es ein Mäusebussard war.» Er habe versucht, weiterzujoggen, doch der Vogel habe wieder angegriffen. Zu Hause habe er am Hinterkopf eine Beule und einen Kratzer entdeckt. «Ich werde dieses Wäldchen in den nächsten Wochen bestimmt meiden.» Die Vogelwarte rät nach Verletzungen durch Vögel zu einer Starrkrampfimpfung.

Auch Krähen greifen an

Nicht nur Greifvögel beschützen ihren Nachwuchs. Laut Schmid gehen derzeit in Sursee zwei Rabenkrähen-Pärchen lautstark auf Leute los, sobald sich diese den Jungen nähern. «In Pärken finden Krähen gute Stellen für ihre Nester. Das ist für betroffene Leute oder Anwohner mühsam. Aber auch diese Vögel sind während der Aufzuchtzeit geschützt.»

Roger Rüegger