Magenbypass-Operationen sind gestrichen: Corona stellt die Agenda eines Luzerner Chirurgen auf den Kopf

Walter A. Gantert ist Belegarzt bei der Hirslanden-Klinik St. Anna in Luzern. Wie viele seiner Kollegen ist der Horwer Chirurg bereit, im Notfall einen Coronaeinsatz auf der Intensivstation zu leisten.

Evelyne Fischer
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Chirurg Walter A. Gantert.

Chirurg Walter A. Gantert. 

Bild: Jakob Ineichen (Luzern, 7. April 2020)

Statt 20 bis 25 Stunden wöchentlich verbringt Walter A. Gantert aktuell weniger Zeit im Operationssaal, seine Sprechstunden in der Praxis haben um die Hälfte abgenommen. Im Wartezimmer stehen statt acht noch zwei Stühle und ein Sofa, Plakate erinnern ans Desinfizieren und Abstandwahren. Augenscheinlich: Das Chirurgie-Zentrum der Luzerner Hirslanden-Klinik St. Anna ist im Coronamodus.

Steigt die Zahl der schweren Fälle rapide an, wird das selbstständige Ärztehaus eine Weile ohne Walter Gantert auskommen müssen. Sein Know-how wäre dann auf der Intensivstation gefragt. Gantert gehört zu den rund 70 Belegärztinnen und Belegärzten des St. Anna, die im Kampf gegen das Coronavirus zum Einsatz kommen könnten. Zusätzlich zu externen Ärzten, die sich bei der Klinik gemeldet haben.

Tumoroperationen lassen sich nicht aufschieben

Walter Gantert, 58, empfängt mit Schutzmaske im Untersuchungszimmer. Der Horwer führt mit vier weiteren Chirurgen das Chirurgie-Zentrum im Ärztehaus. Ein KMU mit fünf Angestellten. Obwohl Corona auch ihre Agenda auf den Kopf stellt, ist Kurzarbeit hier kein Thema. «Viele unserer Eingriffe können nicht warten», sagt Gantert, seit 2003 als Belegarzt für die Klinik St. Anna tätig. Sein Spezialgebiet: Viszeralchirurgie. Sprich: Eingriffe der inneren Organe des Bauchraums. Gantert hat sich früh auf die sogenannte Schlüsselloch-Variante fokussiert, hantiert regelmässig mit dem Da-Vinci-Operationsroboter.

Seit Mitte März hat die Privatklinik die Zahl der Eingriffe rationieren müssen. Nur noch dringliche Operationen finden statt. Also Notfälle und Eingriffe, die sich nicht verschieben lassen, ohne dass dem Patienten bleibende Schäden drohen. Dazu gehören insbesondere Tumoroperationen. «Patienten mit Dickdarmkrebs, bei denen beispielsweise ein Darmverschluss droht, können wir nicht warten lassen», sagt Gantert. Viele Fälle müsse man individuell beurteilen. «Es gibt Patienten, die lange beschwerdefrei mit einem Leistenbruch leben. Andere sind vor lauter Schmerzen kaum mehr funktionstüchtig.» 

Adipositas-Patienten müssen warten

Gestrichen habe man derweil Magenbypass-Operationen, da diese nicht drängen. Aufgrund von Begleiterkrankungen wie Bluthochdruck oder Diabetes gehören Adipositas-Patienten ausserdem zur Risikogruppe, eine OP würde ihr Immunsystem zusätzlich schwächen. «Weil wir dies den Patienten transparent kommunizieren, ist ihr Verständnis für einen Aufschub des Eingriffs gross», sagt Gantert.

Er empfindet das Durchführen oder Streichen von Eingriffen als Gratwanderung. «Eigentlich verfügen wir momentan noch über ausreichend Kapazitäten. Das kann sich aber schnell ändern.» Jeder Patient betrachte sein Problem grundsätzlich als das derzeit wichtigste. «Wartefristen sind wir uns in der hiesigen Medizin nicht gewohnt.»

Notfälle werden immer gravierender

Auf der anderen Seite wiederum gibt es Patienten, die den Gang zum Arzt unbedingt vermeiden wollen. Aus Sorge vor einer Ansteckung. Oder aus Solidarität, weil sie das Gesundheitswesen nicht unnötig belasten wollen. So wie jener Luzerner, der erst nach sechs Tagen die Praxis aufsuchte, als ihn die Bauchschmerzen übermannten. Schuld war die Gallenblase, stark entzündet. «Wir stellen fest, dass die Notfälle gravierender werden. Das kann böse enden», sagt Gantert und betont: «Die Angst vor dem Spital als Virenschleuder ist unbegründet.» Das Klinikareal bleibe zwar ein Risikoort, aber die Vorsichtsmassnahmen seien sehr hoch: So würden die Patientenströme möglichst konsequent getrennt, bei jedem Neueintritt die Temperatur gemessen und Verdachtsfälle umgehend isoliert.

Gleichwohl nehmen Gantert und seine Kollegen die Verunsicherung gewisser Patienten ernst: So wird derzeit geprüft, welche Sprechstunden allenfalls via Telekonsultation abgehalten werden könnten. «Wir wollen um jeden Preis verhindern, dass es bei Patienten wegen hinausgezögerter Behandlungen zu lebensbedrohlichen Situationen kommt.»

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