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MAGIE: «Ich bin sehr von dieser Welt»

Wilhelm Haas führt in Luzern einen Hexenladen. Er ist Anhänger der Naturreligion Wicca, legt Karten, praktiziert Rituale und gibt Kurse. Warum ist er eine moderne Hexe geworden, was macht er genau?
Interview Pirmin Bossart
«Männliche Hexe» hört er nicht so gerne, er bezeichnet sich lieber als Wicca: Wilhelm Haas in seinem Laden Zwischenwelt in Luzern. Zu Hause hat er einen kleinen Altar, tägliche Rituale sind für ihn unabdingbar. (Bild Dominik Wunderli)

«Männliche Hexe» hört er nicht so gerne, er bezeichnet sich lieber als Wicca: Wilhelm Haas in seinem Laden Zwischenwelt in Luzern. Zu Hause hat er einen kleinen Altar, tägliche Rituale sind für ihn unabdingbar. (Bild Dominik Wunderli)

Interview Pirmin Bossart

Am nächsten Samstag ist Walpurgisnacht. Für Sie eine besondere Nacht?

Wilhelm Haas: Wir feiern an diesem Abend ein Ritual. Es ist ein wichtiger Fixpunkt in unserem Jahreskreis, der insgesamt acht Feste umfasst. Im heidnischen Kalender markiert der 1. Mai den Beginn des Sommers. Die Fruchtbarkeit der Erde erwacht von neuem, die Kreativität wird geweckt. Aber wir reden selten von Walpurgisnacht, wir benutzen den keltischen Namen Beltane.

Was stört Sie an «Walpurgisnacht»?

Haas: Im Mittelalter wurden jeweils neun Tage vor Beltane die Glocken geläutet, um die Hexen zu vertreiben, die in der Nacht auf den 1. Mai ihre Feste zu feiern pflegten. Der katholischen Kirche waren die Kulte um die Fruchtbarkeit ein Dorn im Auge. Also setzten sie am 1. Mai den Gedenktag an die heilige Walburga, um das Heidnische auszumerzen. Trotzdem lebten im Volk viele Riten dieses Festes weiter, etwa mit den Maibäumen und Maikränzen. In fast allen diesen Bräuchen waren der Aspekt der Fruchtbarkeit und auch die sexuelle Komponente in symbolischer Form weiterhin vorhanden.

Es geht bei eurem Ritual also nicht immer ganz jugendfrei zu und her?

Haas: Nein, nein. Solche Rituale stammen aus der vorchristlichen Zeit. Es kam vor, dass an den Festen Liebespaare um das reinigende Feuer tanzten und sich vereinigten. Mit rituellen Liebesakten auf den Feldern wollte man die menschliche Fruchtbarkeit auf den Ackerboden übertragen. Mit Lust und Leidenschaft wurden die Natur und die Fruchtbarkeit gefeiert.

Was machen denn die modernen Hexen in dieser Nacht?

Haas: Wir werden irgendwo im Pilatusgebiet trommeln, tanzen und das Beltane-Feuer entzünden. Als Höhepunkt wird ein Kelch mit Met geweiht. Wir haben verschiedene rituelle Werkzeuge, mit denen wir diese Weihe gestalten. Es ist eine symbolische Vereinigung der männlichen und weiblichen Energien, wie sie in jeder Person wirken, und ebenso eine symbolische Vereinigung von Göttin und Gott. Der symbolische sexuelle Akt steht auch für Kreativität.

Sie sprechen von Göttin und Gott. Was haben denn die neuen Hexen (Wicca), zu denen Sie gehören, für eine Gottesvorstellung?

Haas: Für viele von uns ist das Göttliche in allem. Es umfasst den ganzen Kosmos und ist überall und im kleinsten Detail der Natur vorhanden. Trotzdem liebe ich es, das Göttliche personifiziert wahrzunehmen und mit ihm zu kommunizieren. Wenn ich in Trance bin, begegne ich solchen Personifikationen, mit denen ich mich austauschen kann. Für mich sind das spirituelle Begegnungen, die mich nähren und kräftigen. Das ist etwas sehr Reales und findet in der Anderswelt und der Natur seinen individuellen Ausdruck.

Sie sind eine männliche Hexe: Wie sind Sie das geworden?

Has: Männliche Hexe, ich weiss nicht. «Hexe» wurde schon immer für beide Geschlechter benutzt. Der Begriff ist eine Ableitung vom Begriff «hagazussa», der eine «Zaunreiterin» bzw. einen «Zaunreiter» bezeichnet. Das sind Menschen, die einerseits im Hier und Jetzt stehen und andererseits sich in anderen Realitäten, den Anderswelten, aufhalten. Aber ich bezeichne mich lieber als Wicca, das ist sozusagen eine moderne Hexe, wie sie in der Wicca-Religion verstanden wird.

Ist Wicca eine Religion?

Haas: Wicca ist eine neue Naturreligion. Manchmal wird sie auch als Religion der Hexen oder allgemein als eine Glaubensrichtung des Neuheidentums bezeichnet. In den USA hat sie offiziell den Status einer Religion. Wicca wurde in den 1940er-Jahren durch Gerald Brousseau Gardner (1884–1964) begründet. In den 1970ern hat sie einen Teil der Frauenbewegung stark beeinflusst. Wicca ist sehr eklektisch mit Einflüssen quer durch die Kulturen. Wir zeichnen uns dadurch aus, dass wir eine bestimmte Ethik im Hintergrund haben und Rituale und Techniken praktizieren, die das ganze als Tradition innerhalb des Hexentums festlegen.

Was sind elementare Wicca-Inhalte?

Haas: Der wichtigste Grundsatz ist: «Tue, was du willst, aber schade niemandem.» Dogmatismus oder Fanatismus liegen uns fern, aber kommen vereinzelt vor, wie überall, wo es menschelt. Andere Religionen werden für gewöhnlich nicht diskriminiert. Es wird nicht missioniert, und es gibt keine strafenden Götter.

Aber es gibt mehrere Götter?

Haas: Bei den Wicca sind die Göttin und der Gott gleichberechtigte Partner. Sie repräsentieren die Polarität der Natur und in uns selbst. Gleichzeitig können sie sich in verschiedenen Erscheinungsformen manifestieren, weshalb es im Wicca auch verschiedene Gottheiten gibt, wie sie etwa in den Ritualen angerufen werden.

Und sonst?

Haas: Die Eigenverantwortung ist grossgeschrieben. Das kommt auch im Grundsatz «Alles, was von dir ausgeht, fällt dreifach auf dich zurück» zum Ausdruck. Das meint schlicht, dass alles Tun und Sein die drei Stadien Leben, Tod, Wiedergeburt durchläuft und zur Quelle der Handlung zurückkehrt. Die Rituale dienen dazu, selber die Verantwortung zu übernehmen für unsere Handlungen und Emotionen.

Was sagen Sie den Leuten, die das als esoterischen Nonsens abtun?

Haas: Ich sage Ihnen: Das ist deine Meinung. Du hast deine Realität und machst deine Erfahrungen, und ich habe meine. Wenn Leute mich näher kennen lernen, stellen sie fest, dass ich überhaupt nicht abgehoben und ein ganz normaler Mensch mit Freuden und Sorgen bin. Dann erübrigen sich solche Fragen und Vorurteile meistens.

Haben Sie keine Vorbehalte gegenüber esoterischen Lehren?

Haas: Es gibt in diesen Bereichen viele Sachen, in denen ich mich nicht wohlfühle. Ich versuche, mich vom Oberflächlichen abzugrenzen. Nicht alles ist Liebe und Licht, wie das oft verherrlicht und gelehrt wird. Jeder Mensch macht auch schlimme Erfahrungen und muss lernen, damit umzugehen. Auch die Dunkelheit ist heilig und nicht böse. Das Hexentum ist etwas Umfassendes. Ich habe Ecken und Kanten und versuche, so harmonisch wie möglich zu leben und so wenig Schaden als möglich anzurichten.

Durch welche Religion sind Sie geprägt worden?

Haas: Ich stamme aus Wien und bin katholisch aufgewachsen. Aber das Magische und Okkulte hat mich immer fasziniert. Schon als Kind habe ich Gott nie als einen Mann empfunden. Religion hat mich sehr interessiert, ich hatte viele Fragen, aber in der Jungschar fand ich keine Antworten. Das Dogmatische und auch das Drohende und Bestrafende haben mich enorm verunsichert. Gleichzeitig habe ich als Jugendlicher gemerkt, dass ich sexuell anders ticke. Ich kam völlig in einen Clinch. Mit 18 Jahren bin ich aus der Kirche ausgetreten, ich konnte mich nicht mehr identifizieren damit.

Und dann haben Sie einen Hexenmeister getroffen, der Ihnen ein anderes Leben versprach?

Haas: Nein. 1998/99 habe ich in den USA gelebt. Dort sah ich im Fernsehen erstmals eine Wicca-Priesterin. Das hat mich sofort berührt. Ich begann Bücher zu lesen und erste Kontakte zu knüpfen. Zurück in der Schweiz, kam ich an einem Heidenfest in Kontakt mit anderen Wicca. Ich wurde Teil eines Zirkels, machte die Ausbildung, wurde initiiert. Offiziell bin ich ein Wicca-Priester, aber darauf lege ich keinen grossen Wert. Ich vertrete ein nichthierarchisches, individuelles Wiccatum. Jeder kann sich selbst initiieren, aber Initiation an sich bleibt ein traditioneller Bestandteil.

Als Sie 1992 nach Luzern kamen, nahm man Sie zunächst als Techno-Enthusiasten wahr. Es hiess gar, Sie hätten Techno nach Luzern gebracht.

Haas: (lacht) Das ist sicher übertrieben. Aber ich habe damals den ersten Rave in der Innerschweiz im Sedel mitorganisiert. Ich habe Technopartys veranstaltet, als DJ in Clubs aufgelegt. Zwei Jahre leitete ich den Flora-Club Adagio. Die elektronische Musik war für mich ein Mittel, zu tanzen, abzuheben, auf Reisen zu gehen. Sie ermöglichte mir den Zaunritt und die Trancezustände. Ich war mit einem bekannten Musikjournalisten befreundet, habe über Techno und Pop geschrieben und die Szene kennen gelernt.

Warum sind Sie da ausgestiegen?

Haas: Ich habe die Lust am Musikbusiness schnell verloren. Es war eine spannende Zeit, aber ich empfand sie zunehmend als sehr oberflächlich. Die ganze Musikbranche und was dort zählte, das hat mir so gestunken. Irgendwann hatte ich auch die Schnauze voll von der Partyszene.

Sie führen in Luzern den Laden Zwischenwelt: Sind Sie doch nicht ganz von dieser Welt?

Haas: Ich bin sehr von dieser Welt. Aber ich bin, genauso wie viele andere Menschen, auch in andern Realitäten zu Hause. In den Wicca-Ritualen ziehen wir einen Kreis und schaffen einen heiligen Raum. Diese symbolische Sphäre verbindet die beiden Welten. Mit dem Namen Zwischenwelt meine ich auch eine Vermittlung zwischen alten Ritualen oder Weisheiten und der modernen Welt, in der wir leben, und von der ich Teil bin.

Andere Realitäten – das klingt auch nach Drogen. Haben Sie Erfahrungen?

Haas: Im früheren Nachtleben haben sie manchmal eine Rolle gespielt. Aber ich habe noch nie eine spirituelle Erfahrung gemacht mit Drogen, im Gegenteil: Gewisse Erlebnisse mit Drogen können eher blockieren. Zudem bin ich immer zu sehr Kontrollfreak gewesen. Selbst beim Alkoholtrinken kam ich immer an einen Punkt, an dem ich innehielt, um nicht zu kippen. Heute trinke ich kaum mehr Alk.

Wie kommen Sie in Trance, so das überhaupt möglich ist?

Haas: Mit dem Trommeln, mit bestimmten Ritualen und mit Meditationstechniken. Jeder Mensch kennt Trance und gleitet oft unbewusst in sie hinüber, wenn der Trigger stimmt. Manchmal geht es auch anders. Eines der intensivsten Erlebnisse mit der Anderswelt hatte ich mal auf dem Hometrainer. Ich begegnete der Göttin Freya. Ich hatte das überhaupt nicht gesucht. Vielleicht war es deshalb so schön.

Sie sprachen von der modernen Welt. Wie leben Sie darin, mit Ihrem Hexenglauben?

Haas: Ich träume nicht von einer früheren Welt, in der alles schöner und besser war. Das war sie nie, wenn wir an all die Hungersnöte, Schlachten und Konflikte denken. Sie war höchstens einfacher. Heute braucht es viel Energie, nicht mitgerissen zu werden vom Dauergeflüster, das von aussen auf uns eindringt. Ich lebe im Hier und Jetzt. Ich benutze die neuen Medien, scrolle auf Facebook, gehe ins Kino, bin ein ganz normaler Mensch. Die Anderswelt ist sowieso zeitlos. Aber auch dort sind nicht alle Erfahrungen schön.

Was bieten Sie in Ihrem Geschäft an? Können Sie davon leben?

Haas: Ätherische Öle, Räucherwerk, Amulette, Talismane, Bücher, Tarotkarten, aber auch Wellness-Artikel, Massageöle oder Wandschmuck. Das Räucherwerk ist die Basis, das läuft am besten, oder auch Met, der Honigwein. Aber wichtig sind die Hexenschule, die ich anbiete, die Kurse und Workshops. Damit kann ich den Laden querfinanzieren.

Legen Sie Karten?

Haas: Ich lege Karten, seit ich zwölf war. Aber ich möchte betonen, dass ich nicht wahrsage. Ich mache Standortbestimmungen. Die Karten können einem schon aufzeigen, wo sich ein Mensch tendenziell hin entwickelt. Ich setzte sie auch selber ein, benutze sie als Helfer. Aber zu sagen, dann und dann ereignet sich dieses oder jenes mit absoluter Sicherheit, das erachte ich als Humbug.

Haben Sie Erfahrungen damit, dass es so etwas wie Magie bei uns gibt?

Haas: Ich habe solche Erfahrungen. Magie und Psychologie sind letztlich sehr nahe beieinander. Magie ist, wenn man mit gebündelter Willenskraft eine Realität zu schaffen versucht. Ich bin überzeugt, dass die fokussierte Energie auf etwas eine Wirkung hat und Realität erschafft.

Auch auf böse Absichten?

Haas: Wicca arbeiten nicht mit Magie, die Schaden zufügt. Das widerspricht unserer Ethik. Destruktive Magie aber gibt es, sie muss nicht mal rituell ausgeführt werden. Das beste Beispiel ist Mobbing. Da kann man alle Elemente beobachten, wie sie in der Magie auftauchen: Von der Intention, jemandem Schaden zufügen zu wollen, über die Denkmuster und Handlungen, die etwas auslösen, bis zum Punkt, wo unter Umständen jemand aus der Bahn geworfen wird.

Was für ein Leben führen Sie, wenn Sie nicht im Laden sind? Was sind Ihre sonstigen Interessen, Aktivitäten?

Haas: Ich meditiere täglich. Zuhause habe ich einen kleinen Altar, wo ich meine Rituale mache und mich mit der Quelle verbinde. Das brauche ich. Ansonsten verbringe ich meine Tage wie die meisten anderen Leute. Ich lese gerne, vor allem Fantasy-Romane und Science-Fiction, ich gehe ins Yoga, schaue Filme, gehe wandern, mache Videogames. Die PS4-Konsole ist noch immer Teil meiner Freizeitgestaltung. Nichts Spektakuläres, alles völlig durchschnittlich.

Gebürtiger Wiener

Wilhelm Haas wurde 1966 in Wien geboren und ist dort aufgewachsen. Er machte eine Verkaufslehre und wandte sich dann der Musik zu. 1992 kam er nach Luzern, wo er als DJ arbeitete, Partys organisierte und einen Club leitete. 1998/99 lebte er in Florida und kam dort erstmals in Kontakt mit der Wicca-Religion. Zurück in der Schweiz, liess sich Haas zum Wicca-Priester ausbilden. 2001 eröffnete er an der Bruchstrasse in Luzern seinen Hexenladen Zwischenwelt. Er bietet eine Hexenschule an, die er als «Lebensschule» bezeichnet, gibt Kurse und Workshops. Wilhelm Haas ist seit 20 Jahren mit seinem Lebenspartner zusammen und lebt in Luzern.

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