Mangelnde Leistungen, falsche Berufswahl – im Kanton Luzern wird jede zehnte Lehre aufgelöst

Die Zahl der vorzeitig beendeten Lehren hat in den letzten Jahren leicht zugenommen. Der häufigste Grund sind mangelnde Leistungen. Der kantonale Dienststellenleiter fordert von den Ausbildungsbetrieben in einem Punkt Verbesserungen.

Julian Spörri
Merken
Drucken
Teilen

4799 junge Erwachsene haben im Kanton Luzern im vergangenen August eine Lehre begonnen. Für die jungen Erwachsenen ist der Wechsel von der Volksschule in das Berufsleben nicht einfach, weiss Christof Spöring, Leiter der kantonalen Dienststelle Berufs- und Weiterbildung. «Viele brauchen ein Semester, um sich an die völlig neue Realität zu gewöhnen.»

Coiffeure gehören zu den Berufsgruppen mit vielen Lehrauflösungen.

Coiffeure gehören zu den Berufsgruppen mit vielen Lehrauflösungen.

Symbolbild: Gaetan Bally/Keystone

Dies gelingt nicht allen: Im Schuljahr 2018/19 wurden 1206 von total 12'552 Lehrverträgen aufgelöst. Gemäss Spöring entfällt über die Hälfte davon auf das erste Ausbildungsjahr. Rund 51 Prozent finden nach einer Lehrauflösung aber innert weniger Monate einen neuen Betrieb. Bei der anderen Hälfte ist dem Kanton dagegen keine Anschlusslösung bekannt, was eine Abbruchquote von 4,9 Prozent ergibt. Für die Betroffenen geht der Weg weiter über Brückenangebote oder Zwischenlösungen.

Welche Branchen von Lehrabbrüchen am stärksten betroffen sind, geht aus den Zahlen nicht hervor. In der nationalen Statistik gehören die Berufsfelder Friseurgewerbe und Schönheitspflege sowie Elektrizität und Energie zu den Branchen mit den höchsten Auflösungsquoten. Im Kanton Luzern ist seit Tiefstwerten im Schuljahr 2015/16 die Lehrauflösungsquote leicht gestiegen. Diese Entwicklung will Spöring nicht überbewerten: «Schweizweit gesehen liegt die Quote in Luzern auf einem tiefen Niveau. Die Anzahl der aufgelösten Lehren hängt stark vom jeweiligen Jahrgang ab.» Gaudenz Zemp, Direktor des Luzerner KMU- und Gewerbeverbandes, sagt: «Der Trend über die letzten vier Jahre ist unerfreulich. Aufgrund der zahlenmässig geringen Zunahme ist es aber schwierig zu beurteilen, ob es eine systematische Ursache gibt.»

Mangelnde Leistungen sind der häufigste Grund

Gemäss Spöring sind die Faktoren, die zu Lehrauflösungen führen, stabil. Der häufigste Grund sind mangelnde Leistungen in der Berufsschule oder im Lehrbetrieb. Dahinter folgt die falsche Berufswahl, zu der es komme, wenn sich Lernende kurzfristig entscheiden und zu wenig über den Beruf informieren würden. Auf Platz drei landen zwischenmenschliche Probleme.

Wieso Lehren aufgelöst werden, hängt auch stark vom Berufsfeld ab. Beim Verband Zentralschweizer Elektroinstallationsfirmen sieht man eine Erklärung für Auflösungen darin, dass die Ausbildung der Elektriker hohe schulische Anforderungen voraussetze. «Unternehmen bekunden oftmals Mühe, genügend leistungsstarke Lernende zu finden. Dies kann dazu führen, dass Betriebe Lernende am unteren Leistungsniveau einstellen», sagt Präsident Martin Schlegel. Dank der Durchlässigkeit der Berufe bedeute eine Lehrauflösung per se nichts Schlechtes. Elektroinstallateure können zur Montageelektriker-Lehre wechseln, welche ein Jahr kürzer ist. Um den Auflösungen entgegenzuwirken, versucht der Verband das Ausbildungsangebot auf die aktuellen Bedürfnisse zuzuschneiden und entwickelt beispielsweise derzeit den neuen Beruf Gebäudeinformatiker.

Bei der Coiffeur-Sektion Zentralschweiz heisst es, dass die tagtäglichen Herausforderungen eine Rolle für Auflösungen spielen könnten. «Der persönliche Kontakt zu Kunden macht für mich meinen Beruf aus», sagt Präsidentin Mirjam Blättler-Ambauen. «Es ist aber für einige sicher psychisch anstrengend, wenn sie den ganzen Tag reden müssen.» Hinzu komme, dass man während der Arbeit viel stehe und lange Arbeitszeiten habe. Die Coiffeurbranche sei aber in vielen Bereichen daran, den Beruf aufzuwerten. So konnte kürzlich der Lohn mit einem neuen Gesamtarbeitsvertrag verbessert werden.

Über die EBA-Ausbildung herrscht Uneinigkeit

Ebenfalls als Lehrauflösung zählen die Wechsel von der drei- oder vierjährigen Lehre mit eidgenössischem Fähigkeitszeugnis (EFZ) zur zweijährigen Ausbildung für das eidgenössische Berufsattest (EBA). Laut Spöring war es in den letzten Jahren immer wieder ein Thema, dass Schüler ohne entsprechende Qualifikationen die drei- oder vierjährige Lehre absolvieren. «Schüler und Eltern drängen auf diese Ausbildung, weil sie die Attestlehre als minderwertig anschauen und ihre Qualität nicht kennen», so Spöring. «Für die Jugendlichen ist es aber demotivierend, wenn sie im EFZ den Anforderungen nicht genügen und wechseln müssen.»

Verbesserungspotenzial sieht Spöring deshalb bei den Lehrbetrieben, weil sie bestimmen, ob sie Lernende in EBA oder EFZ ausbilden: «Entscheidend ist eine Einteilung in das richtige Niveau auf Basis des Stellwerktests.» Dass dies nicht immer der Fall ist, hängt auch mit der Wettbewerbssituation zwischen den Lehrbetrieben zusammen. Im Kanton Luzern ist die Nachfrage nach Lehrstellen geringer als das Angebot. Spöring führt aus:

«In Branchen mit unbesetzten Lehrstellen konkurrenzieren sich Betriebe gegenseitig, wenn einer dem Bewerber EBA und der andere EFZ anbietet.»

Gaudenz Zemp bestätigt, dass in Branchen mit unbesetzten Lehrstellen Jugendliche angestellt werden, welche nicht die nötigen Kompetenzen mitbringen. Er stellt aber klar: «Es ist nicht so, dass sich die Betriebe gegenseitig Lehrlinge abjagen.» Zemp teilt die Auffassung, dass die Lehre noch enger mit der Sekundarstufe verknüpft werden müsse und dabei auch der Stellwerktest eine wichtige Funktion übernehmen könne. In der Tendenz würden Betriebe aber eher EFZ-Absolventen brauchen und deshalb diese Ausbildung bevorzugen. «Es gibt immer wieder Jugendliche, die in der Lehre den Knopf auftun», erklärt Zemp.

Ohne Theorieprüfung zum Abschluss

Tausende Zentralschweizer Jugendliche schliessen im Sommer ihre Berufslehre ab. Wie soll das Qualifikationsverfahren in Zeiten des Coronavirus vonstatten gehen? Beim Kanton Luzern verweist man auf Anfrage auf die Lösung, die schweizweit erarbeitet wird und am kommenden Donnerstag vom Bund präsentiert werden soll.

Ein Entwurf des Lösungsvorschlags hat das Steuergremium «Berufsbildung 2030», welches aus Vertretern des Bundes, der Kantone und der Sozialpartner besteht, bereits in die Konsultation geschickt. Ziel ist es, dass Lehrlinge trotz Coronakrise ihren Lehrabschluss realisieren können. Das Gremium schlägt vor, keine theoretischen Prüfungen zu schreiben. Die Noten im schulischen Bereich sollen sich auf die bis zum Ende des ersten Semesters 2019/2020 erzielten Semesterzeugnisnoten stützen. Praktische Prüfungen sollen dagegen durchgeführt werden – sei es im Lehrbetrieb oder in einem Prüfungszentrum. Falls dies nicht möglich ist, sollen praktische Beurteilungen der Lehrbetriebe sowie Noten aus den überbetrieblichen Kursen und betrieblichen Leistungsnachweisen gelten. Welche Variante dabei zum Zug kommt, soll je nach Branche, Fachrichtung und Schwerpunkt von den Verantwortlichen entschieden werden

Diese Haltung unterstützt Christof Spöring nicht. Ein leistungsgerechter Einstieg auf tieferen Ansprüchen biete die Möglichkeit, über eine verkürzte Zweitlehre doch noch den höheren Abschluss zu erreichen. Die zweijährige EBA-Ausbildung richte sich an praktisch begabte Lernende mit geringeren Schulleistungen.

Und wie sieht die Situation in Branchen mit vielen unbesetzten Lehrstellen aus? «Unsere Erfahrung zeigt, dass auch leistungsschwächere Schüler die EFZ-Ausbildung erfolgreich abschliessen, wenn man sie entsprechend unterstützt», sagt Coiffeur-Präsidentin Blättler-Ambauen. In der Branche würden viele Betriebe nur EFZ-Ausbildungen anbieten, weil es schwierig sei, Personen mit EBA-Abschluss sinnvoll einzusetzen. Ähnlich klingt es aus der Informatikbranche: Wechsel von EFZ zu EBA seien kein Thema, weil es gar keine EBA-Ausbildung mehr gebe, so Ueli Spöring, Präsident von ICT Berufsbildung Zentralschweiz. Im Sommer wurde die Attestlehre zum Informatikpraktiker durch die dreijährige EFZ-Ausbildung ICT Fachmann/-frau ersetzt. «Personen mit einer EBA-Ausbildung fanden häufig keinen richtigen Anschluss nach der Erstausbildung, weil der Niveauunterschied zu gross war», erklärt Ueli Spöring.