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Mit Auto auf Türsteher zu gerast: 20 Zentimeter entschieden über Leben oder Tod

Ein 41-Jähriger Autohändler musste sich am Donnerstag vor dem Luzerner Kriminalgericht verantworten. Er soll 2016 einen Türsteher mit einem Messer bedroht und beinahe überfahren haben – auch unbeteiligte Partygänger waren gefährdet.
Lena Berger
Das Kriminalgericht beim Alpenquai in Luzern. (Bild: Pius Amrein, 16. Juli 2018)

Das Kriminalgericht beim Alpenquai in Luzern. (Bild: Pius Amrein, 16. Juli 2018)

Verletzter Stolz ist eine gefährliche Sache. Eine erhöhte Empfindlichkeit zieht sich oft wie ein roter Faden durch das Leben eines Menschen – und kann dazu führen, dass ein einst erfolgreicher Mann alles verliert, was ihm wichtig war. Das zeigt ein Fall, der am Donnerstag vor dem Kriminalgericht verhandelt wurde.

Der beschuldigte Mann eckt seit Jahren an. Fühlt er sich in die Ecke gedrängt, reagiert er aggressiv. Nach einem Streit mit dem angeblich fremdenfeindlichen Nachbarn, beschimpfte er diesen als «Hitler» und schmiss bei ihm die Scheibe zum Wintergarten ein. Mehrfach parkte er in der Folge den 80-Jährigen und seine Ehefrau mit dem Auto zu. Angeblich nur, um sie zu ärgern. Als ihm der Vermieter daraufhin die Wohnung kündigte, zertrümmerte er in einem Wutanfall den Briefkasten. Und als er wegen seines Auftretens schliesslich auch noch Hausverbot im seinem Lieblingsclub bekam, brachte dies das Fass zum überlaufen.

Angeblich drohte er, alle Türsteher umzubringen

Es war der 15. April 2016 als die Situation eskalierte. Der Mann hatte gemäss Anklageschrift schon mehrfach Auseinandersetzungen mit den Türstehern des Clubs gehabt. Trotz Hausverbot sei er immer wieder erschienen, mit dem Auto vorbeigefahren und habe Abfall vor die Türe geworfen. An jenem verhängnisvollen Abend schliesslich parkte er sein Auto gemäss der Staatsanwaltschaft einmal mehr auf der gegenüberliegenden Strassenseite, stieg aus dem Fahrzeug, stellte sich mit verschränkten Armen hinter sein Auto und rauchte eine Zigarette. Zu diesem Zeitpunkt befanden sich der Chef-Türsteher mit drei weiteren Mitarbeitern vor dem Eingang des Clubs. Sie waren an diesem Abend für die Eingangskontrolle zuständig.

Gemäss der Staatsanwaltschaft geschah dann folgendes: Plötzlich näherte sich der Beschuldigte dem Eingang und begann in arabischer Sprache mit dem Chef-Türsteher eine Diskussion, da dieser ihm kein Zutritt gewähren wollte. Der Autohändler redete sich in Rage und drohte schliesslich, er würde alle Türsteher des Clubs umbringen, denn sie seien die Mafia. Der Beschuldigte forderte den Chef-Türsteher heraus, er solle «herkommen», wenn er ein Mann sei.

Nur ein Sprung zur Seite rettete sein Leben

Der Geschäftsführer verständigte zu diesem Zeitpunkt die Polizei. Der Chef-Türsteher ging auf das Auto zu, um den Mann am Wegfahren zu hindern. Darauf bedrohte ihn der Mann mit einem Messer. Als sich der Türsteher dem Fahrzeug näherte, setzte der Mann plötzlich zurück. Der Türsteher konnte sich nur durch einen Sprung zur Seite retten.

Das Auto kam auf dem Trottoir zu stehen, wo noch andere Passanten standen. Danach machte sich der Mann auf und davon. Erneut alarmierte der Geschäftsführer die Polizei. Er meldete, es gebe hier einen Gast, der ums Haus herumfahre und versuche, Leute zu überfahren. Er fahre gerade Richtung Bundesplatz-Kreisel davon. Scheinbar habe der Gast eine Waffe, ein Messer im Auto. Das habe man gesehen.

Mutmassliche Amokfahrer meldete sich bei der Polizei – und wurde abgewiesen

Was dann geschah, ist erstaunlich: Noch während die Polizei nach ihm suchte, meldete sich der beschuldigte Mann nämlich per Gegensprechanlage bei der Sicherheitspolizei Stadt. Er wollte Anzeige erstatten, da er von drei Türstehern angegriffen worden sei. Obwohl gerade eine Fahndung nach ihm lief, wurde der Mann weggeschickt und zur Erstellung einer Anzeige auf die Bürozeiten der Luzerner Polizei verwiesen.

Wenige Minuten nachdem der Mann den Polizeiposten verlassen hatte, wurde er von einer Patrouille doch noch angehalten und verhaftet. Gemäss der zuständigen Staatsanwältin bestand durch sein gefährliches Rückfahrmanöver eine sehr hohe Wahrscheinlichkeit eines Unfalls mit Todesfolge – für den Türsteher aber auch für die umstehenden Passanten. «Er wollte und konnte den Konflikt nicht auf sich beruhen lassen. Statt einfach wegzufahren, fuhr er mit einer Geschwindigkeit von 14 Stundenkilometern zurück, genau dorthin, wo der Chef-Türsteher stand», sagte sie in ihrem Plädoyer. Nur 20 Zentimeter hätten gefehlt – und es wäre zu spät gewesen. «Es war nur eine glückliche Fügung des Schicksals, dass nicht mehr passierte», so die Staatsanwältin.

Sie beantragt unter anderem wegen Gefährdung des Lebens eine unbedingte Freiheitsstrafe von zwei Jahren und sechs Monaten. Weil der Mann an einer narzisstischer Persönlichkeitsstörung mit paranoiden Zügen leidet, verlangt sie zudem die Anordnung einer stationäre Massnahme. Gemäss Gutachten bestehe ein erhöhtes Risiko für Gewalttaten.

Der Mann hat in den Monaten davor alles verloren

Die Verteidigung hingegen fordert Freisprüche in den Hauptanklagepunkten – lediglich die Sachbeschädigung und das Fahren ohne gültigen Fahrausweis wird eingeräumt. «Es handelt sich bei meinem Mandanten um einen Mann, wie ich ihn noch selten kennengelernt habe», sagte der Verteidiger. «Er besteht stets auf sein Recht. Das hat ihm in der Vergangenheit mehrere Steine in den Weg gelegt.»

Sein Mandant sei bis ins Jahr 2013 ein erfolgreicher Autohändler und glücklich verheirateter Familienvater gewesen. Nachdem sein Nachbar –ein «Fremdenhasser» – ihn angefahren habe, sei sein Leben aus dem Fugen geraten. Er habe durch die Verletzungen länger nicht arbeiten können, seine Frau habe ihn verlassen, er sei an Krebs erkrankt und seine Wohnung sei zwangsgeräumt geworden. Und just in dieser dieser Situation habe sich der Disput mit dem Türsteher hochgeschaukelt.

Der Verteidiger machte geltend, dass das Auto nach dem Vorfall auf der Beifahrerseite eine Delle gehabt habe, die es vorher nicht hatte. Grund: Der Türsteher habe dagegen getreten. Sein Mandant habe sich angegriffen und bedroht gefühlt – und habe den Türsteher deshalb abschütteln wollen. «Relevant ist, ob er vorhatte, das Leben des Sicherheitsmannes zu gefährden. Das ist nicht der Fall. Er versuchte nur, sich zu befreien, in der Annahme, er werde von beiden Seiten attackiert.» Der Autohändler habe sich deshalb auch umgehend bei der Polizei gemeldet, was für seine Glaubwürdigkeit spreche. Er sei deshalb vom Vorwurf der Gefährdung des Lebens frei zu sprechen.

Der Beschuldigte selber machte in seinem letzten Wort die Staatsanwaltschaft für seine finanziellen Probleme verantwortlich, weil diese ihn 2015 wegen Nötigung seines Nachbarns verurteilt hatte. Dieser Entscheid habe die Abwärtsspirale ausgelöst, in die er geraten sei.

Das Urteil wird den Parteien zu einem späteren Zeitpunkt schriftlich mitgeteilt.

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