MARATHON FRAUEN: Zwischen Zeitfrust und Goldtraum

Innenschweizerinnen duellieren sich um den Tagessieg und die Meisterehren: Die gebürtige Rothenburgerin Conny Berchtold gewinnt und verweist die Chamerin Susanne Rüegger auf Platz 2.

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Triumphaler Zieleinlauf beim Verkehrshaus in Luzern nach 2:45:20 Stunden: Marathonsiegerin Conny Berchtold. (Bild: Roger Zbinden)

Triumphaler Zieleinlauf beim Verkehrshaus in Luzern nach 2:45:20 Stunden: Marathonsiegerin Conny Berchtold. (Bild: Roger Zbinden)

Jörg Greb

Für Conny Berchtold galt es, eine mentale Klippe zu meistern auf den 42,195 km und den beiden Runden des Marathons. «Mein zeitliches Ziel wird nie Wirklichkeit», stellte sie schon kurz nach Streckenhälfte fest. 2 Stunden 40 Minuten hatte sie sich vorgenommen, eine Steigerung von über vier Minuten im Vergleich zu ihrer Bestmarke von 2:44:51 Stunden von Rotterdam. Schon bei Streckenhälfte lag sie gegenüber dem Fahrplan zurück. Und nachdem die Halbmarathon-Läufer ihr Rennen beendet hatten, sah sie sich «ganz allein» unterwegs. «Das kann nicht aufgehen mit meinen Zeitplänen», war sie sich bewusst und empfand das «sich selber Pushen» als extrem hart. Als «kein Vergleich» empfand sie dieses Unterwegssein gegenüber dem eines grossen Städtemarathons. «Da profitierst du immer von einer Gruppe», sagte sie.

Die lockende Affiche

Das Hadern mit dem Schicksal überwand die 39-Jährige allerdings überzeugend. «Ich zwang mich, diese Gedanken auszublenden», sagte sie, «mich nicht unterkriegen zu lassen.» Nach einem neuen Reiz musste sie nicht suchen, der lag auf der Hand. Tagessieg und Schweizer-Meister-Titel hiess die lockende Affiche. Und für die erfahrene Läuferin stellte dies einen Anreiz dar, der sich ihr noch nie geboten hatte.

Trotz ihres fortgeschrittenen Alters hat Conny Berchtold erst vor drei Jahren richtig mit Leistungssport begonnen. Richard Umberg, einstiger Schweizer Marathon-Rekordhalter, begann ihr die Trainingspläne zu schreiben. Stetig aufwärts ist es seither mit der Mutter zweier Töchter auf sportlicher Ebene gegangen. Einen ersten Lichtblick der ganz besonderen Art feierte sie Anfang September «beim andern Heimmarathon», dem Jungfrau-Marathon von Interlaken auf die Kleine Scheidegg. Berchtold lief als Dritte und bestklassierte Schweizerin über die Ziellinie – nachdem sie in den Vorjahren die Ränge 39, 11 und 5 belegt hatte.

Susanne Rüeggers Silberglück

Den Wert dieses Meistertitels in 2:45:20 Stunden weiss Berchtold richtig einzuschätzen: Mit Maja Neuenschwander – sie lief in Berlin in 2:26:49 Schweizer Rekord – und der Luzern-Streckenrekordhalterin Martina Strähl (2:39:14) fehlten zwei Widersacherinnen, denen sie wohl den Vortritt hätte lassen müssen. Durchgesetzt hat sich Conny Berchtold aber gegenüber ähnlich hoch eingeschätzten Gegnerinnen: der Luzern-Siegerin von 2012, Lucia Mayer (Stans) und der kürzlichen Siegerin des Halbmarathons um den Hallwilersee, ­Susanne Rüegger.

Während Mayer in der Schlussphase aufgeben musste, sorgte Rüegger mit einem mutigen Schnellstart für Unruhe und Spannung. «Bis Streckenhälfte fühlte sich alles sehr locker und viel versprechend an», sagte die 31-jährige Chamer Sportlehrerin. Überrascht, «wie hart die zweite Hälfte wurde», war sie nicht. Wegen eines Ermüdungsbruchs kehrte sie erst vor gut einem Monat ins Lauftraining zurück. Die für den Marathon besonders wichtigen Trainingskilometer wies sie nicht auf. Das erlebte sie krass: «Plötzlich, päng, wars fertig.» Das Wissen über die eigenen Leidensfähigkeiten, die Kämpfernatur und die Aussicht auf die «Riesenfreude» stachelten sie an. Ebenso das Gefühl, «dieses Wettkampf-Feeling wieder miterleben zu dürfen». Das Ziel erreichte sie nach 2:47:31 Stunden – nur 53 Sekunden über ihrer Bestzeit auf dem schnelleren Berliner Marathonkurs, realisiert vor ihrer Verletzung. Dass sie nun «wunderschöne Glücksgefühle» empfand, war erklärt.