MARBACH: «Bin weder Held noch Heiliger»

35 Jahre lang kümmerte sich Beat Ineichen als Landarzt um die Gesundheit der Marbacher Bevölkerung. Nun hat der 72-jährige Arzt in Afrika eine neue Lebensaufgabe gefunden.

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Beat Ineichen bei einem seiner Einsätze in Tansania. (Bild: pd)

Beat Ineichen bei einem seiner Einsätze in Tansania. (Bild: pd)

«Das Leben ist wie ein spannender Roman. Man weiss nie, wie es weitergeht – und die besten Krimis nehmen auf den letzten 40 Seiten nochmals eine komplett neue Wendung. So ist es nun auch bei mir.» Das bisher längste Kapitel von Beat Ineichens Roman spielt sich in Marbach ab. Hier war er während 35 Jahren als Landarzt tätigt. Daneben amtete Ineichen 18 Jahre als Verwaltungsratspräsident des Paraplegiker-Zentrums Nottwil – und auch im Militär machte der Entlebucher Karriere. Initiativ sein, Dinge anreissen, mehrere Projekte gleichzeitig umsetzen – das liebt der «Macher» Ineichen. Was er hasst: Stillstand, Ödnis, Passivität. Der Ruhestand? Für ihn ein Graus.

Mit 68 Jahren arbeitete er deshalb immer noch als Landarzt. Sprechstunden von früh bis spät, Notfälle, Pikettdienste – «und der ganze Papierkram!» Stress pur. Irgendwann ging es nicht mehr. Das Herz. Aus dem engagierten Landarzt wurde ein Rentner. Unfreiwillig. Bald schon wurde es ihm «stinklangweilig» – der Entlebucher sehnte sich nach einer Aufgabe. Kurz darauf fand er sie in Tansania, einem der ärmsten Länder der Welt.

Rotary Club finanziert Spitalprojekt

Seit knapp zwei Jahren verbringt Beat Ineichen den Grossteil seiner Zeit im Kloster Sanya Juu am Fusse des Kilimandscharos. Sanya Juu gehört zum Kloster Maua, welches in den 1960er-Jahren von den Luzerner Schwestern Immaculate Haas, Maria Theresia Wiederkehr und Paula Schmidlin gegründet wurde. Heute leben keine Schweizer Nonnen mehr vor Ort – der Marbacher ist der einzige Weisse weit und breit. Ausgeschlossen fühlt er sich deswegen nicht, im Gegenteil: «Die Leute sind herzhaft und schenken mir grosses Vertrauen.» In Tansania führt Ineichen von 8.30 Uhr bis am frühen Nachmittag Sprechstunden und Behandlungen für die einheimische Bevölkerung durch. Gleichzeitig leitet er vor Ort den Aufbau eines kleinen Spitals, das vom Rotary Club Entlebuch mit rund 200 000 Franken finanziert wird.

Bei seiner Arbeit wird der Arzt von einem sogenannten «Medical Officer» unterstützt, «einer gut ausgebildeten Krankenschwester», wie er erklärt. Sie ist es auch, die den Schweizer bei der Übersetzung der Nationalsprache Swahili ins Englische unterstützt. «Das funktioniert hervorragend.» Trotzdem sagt er: «Natürlich gibt es grosse kulturelle Unterschiede, etwa bei der Pünktlichkeit.» Ineichens Rezept: «Gelassenheit.»

Andere Krankheitsbilder

Obwohl der Beruf derselbe ist, unterscheidet sich Ineichens Arbeit in Afrika grundsätzlich von jener in Marbach. «Die Krankheitsbilder sind komplett anders.» Tuberkulose, Geschlechtskrankheiten, Malaria – das alles ist in Tansania Alltag. Viele Leute leiden zudem an starkem Asthma oder anderen Lungenkrankheiten. Dies, weil es in der afrikanischen Savanne einerseits «wahnsinnig staubig» ist, andererseits aber auch, weil es in der Gegend mehrere Rohstoffminen gibt, in denen die Arbeiter laut Ineichen «schamlos ausgenützt» werden. «Jeder dieser Arbeiter hat mit 30 Jahren eine Staublunge.» Dass hinter so mancher dieser Minen auch Rohstoffkonzerne mit Sitz in der Zentralschweiz stehen, stimmt Ineichen nachdenklich und wütend. «Ich weiss nicht, ob den Konzernchefs bewusst ist, was sie diesen Menschen antun.»

Trotz vieler Patienten fühlt sich Beat Ineichen in Tansania nicht gestresst. An seinem neuen Arbeitsort muss er sich nämlich weder mit Behörden noch mit Krankenkassen herumschlagen. «Ich kann in Afrika einfach meinen Beruf ausüben. Das ist ein fast schon himmlischer Zustand für einen Arzt.» Die Arbeit mit den Patienten bezeichnet er denn auch als seinen «eigentlichen Lebenssinn». Doch Ineichen macht noch weit mehr als das: Derzeit ist er daran, im Kloster ein Altersheim aufzubauen. Ein weiteres Projekt, das ihm am Herzen liegt, ist der klostereigene Kräutergarten. Dafür hat Ineichen eigens aus der Biosphäre Entlebuch Ringelblumen, Salbei, Kamillen und andere Pflanzen nach Afrika mitgebracht. «In Afrika wird bei jeder Verletzung sofort zu Antibiotika gegriffen. Ich will den Leuten zeigen, dass die Verwendung der Kräuter eine kostengünstige, effiziente und nachhaltige Heilmethode sein kann.»

Ineichen mag es aber nicht, wenn er zu sehr für seine Tätigkeiten in Afrika gelobt wird. Im Gegenteil. «Ich bin weder Held noch Heiliger und hasse es, wenn ich als solcher bezeichnet werde. Ich mache einfach meinen Job.»

Durchatmen und Bratwürste essen

Obwohl er in Afrika eine neue Aufgabe, ein neues Glück gefunden hat, betont Ineichen, dass er seine Heimat vermisst. «Ich bin und bleibe Schweizer.» Drei Mal pro Jahr kehrt er deshalb für jeweils einen Monat zurück in seine grosszügige Wohnung in Escholzmatt. «Um durchzuatmen», wie Ineichen sagt. «Und wieder mal eine Bratwurst zu essen.» Viel Zeit braucht er aber auch fürs «Klinkenputzen»: «Wir sind in Sanya Juu nach wie vor auf Spenden angewiesen.» Klopft der Arzt an die Tür, wird er in der Regel mit offenen Armen empfangen. So hat zum Beispiel das Wohn- und Pflegezentrum Schüpfheim soeben mehrere alte Betten zur Verfügung gestellt. Aber auch andere Institutionen und Firmen wie zum Beispiel der Malteserorden oder Roche Diagnostics unterstützen das Projekt in Tansania. «Wir konnten soeben wieder zwei Container mit Pflegematerialien, Rollstühlen, medizinischen Gerätschaften und anderen nützlichen Dingen herunterschicken», freut sich Beat Ineichen.

Er geniesst das Leben

Auch deshalb möchte der frühere Marbacher Landarzt noch lange in Tansania bleiben. «Mir wurde in Afrika ein neues Leben zugespielt. Ein neues Kapitel, das ich in vollen Zügen geniesse.» Und in diesem sollen noch viele weitere Seiten geschrieben werden. Nur über das Ende seiner Geschichte mag er sich noch keine Gedanken machen. «Wer weiss, welche Wendungen bis dahin noch folgen werden.»

Daniel Schriber