MASSENTESTS: Nur eine von 19 DNA-Fahndungen erfolgreich

372 Männer müssen jetzt im Emmer Vergewaltigungsfall zum DNA-Test. Der Blick nach Deutschland zeigt: Die Trefferquote bei Massentests ist gering.

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Polizisten bei der Spurensuche am Tatort der Vergewaltigung in Emmen am 21. Juli. (Bild Beatrice Vogel)

Polizisten bei der Spurensuche am Tatort der Vergewaltigung in Emmen am 21. Juli. (Bild Beatrice Vogel)

Die Luzerner Polizei greift zu drastischen Massnahmen: Für die Ermittlungen im Fall der am 21. Juli in Emmen vergewaltigten 26-Jährigen, hat die Polizei nun 372 Männer für einen Speicheltest aufgeboten (Ausgabe von Samstag). Spätestens gestern haben alle Männer das Schreiben erhalten, in dem sie aufgefordert werden, sich innerhalb der nächsten 15 Tage einem Speichelabstrich mittels Wattestäbchens zu unterziehen. So soll der mutmassliche Täter überführt werden. Es ist erst das zweite Mal, dass in der Schweiz ein solcher Massentest durchgeführt wird.

In Deutschland indes wird diese Methode häufiger angewendet: Medienberichten zufolge kam es seit 1997 landesweit in mindestens 19 Fällen zu einer DNA-Massenuntersuchung. Ernüchternd sieht dabei die Aufklärungsquote aus: Nur in einem Fall konnte der Täter dank des Massentests überführt werden.

16 400 Personen aufgeboten

Es war im Sommer 1998. Das Landgericht Oldenburg nahe Bremen verurteilte einen 30-jährigen Deutschen zu lebenslanger Freiheitsstrafe. Der Beschuldigte missbrauchte und erdrosselte in den Jahren 1996 und 1998 nachweislich ein 13- und ein 11-jähriges Mädchen. Daraufhin forderte die Justiz gut 16 400 Männer auf, eine Speichelprobe abzugeben. Bereits die Probe Nummer 3889 ergab einen Treffer. Da Verwandte des Täters misstrauisch wurden, drängten sie ihn zum DNA-Test.

Auch in diesen Tagen sorgt in Deutschland ein Fall für Schlagzeilen – wobei das Delikt bereits 30 Jahre zurückliegt. 1985 wurde eine damals 20-jährige Frau in ihrer Wohnung bei Bad Homburg nahe Frankfurt erdrosselt, den Täter fanden die Behörden nie. Nun wird der Fall neu aufgerollt. 447 Männer, die zur Tatzeit zwischen 18 und 30 Jahre alt waren und in der Nähe des Tatortes wohnten, müssen bis am Samstag eine Speichelprobe abliefern.

Kriterien festlegen ist schwierig

Ob der aktuelle Fall zum Fahndungserfolg führt, wird sich zeigen. Bis anhin führte die DNA-Massenuntersuchung in Deutschland nur im erstgenannten Fall zum Täter. Zwar konnte die Justiz Schuldige noch in weiteren Fällen überführen, allerdings aufgrund anderer Indizien und polizeilicher Ermittlungen.

Wieso ist die Aufklärungsquote in Fällen, bei denen Personen massenweise zur Speichelprobe aufgeboten werden, so gering? Für einen Fahndungserfolg sind in erster Linie die Kriterien, nach denen die in Frage kommende Personengruppe ausgesucht wurde, ausschlaggebend – die Grösse dieser Gruppe ist weniger massgebend.

Im aktuellen Emmer Fall legen die Strafuntersuchungsbehörden diese äusserlichen Kriterien für das Täterprofil fest:

  • Ein grosser (170 bis 180 cm), schlanker Mann, Raucher.
  • Schwarz-braune, gekrauste Haare.
  • Eher dunkler Teint.
  • Spricht gebrochen Deutsch.

Das Täterprofil wurde anhand der Aussagen des Opfers erstellt. Mit den unter anderem an den Kleidern des Opfers sichergestellten DNA-Spuren können aber keine weiteren Rückschlüsse auf das Aussehen des Täters gemacht werden. «Die DNA gibt keine Aufschlüsse über das Alter oder die Ethnie der Person», erklärt Konrad Basler, Direktor des Instituts für Molekularbiologie an der Universität Zürich. «Einzig das Geschlecht ist anhand des Y-Chromosoms feststellbar.»

«DNA ist handfestes Beweismittel»

Ob sich unter den zum Speicheltest aufgeforderten 372 Männern auch der Täter befindet und ob er überführt werden kann, darüber kann zurzeit nur spekuliert werden. Es könne «Wochen dauern», bis die Erkenntnisse aus allen Tests vorlägen, sagte Simon Kopp, Sprecher der Luzerner Staatsanwaltschaft, gegenüber unserer Zeitung. Ob sich bereits erste Personen einem Wangenschleimabstrich unterzogen haben, gibt die Staatsanwaltschaft auf Anfrage nicht bekannt. Sobald es aber eine Übereinstimmung einer Speichelprobe mit der sichergestellten DNA des Täters gibt, handelt es sich mit «100-prozentiger Sicherheit» um den Täter, sagt Konrad Basler. «Die DNA jedes Menschen ist einzigartig, deshalb ist sie ein handfestes Beweismittel.» Gleichzeitig können deshalb alle Männer eindeutig entlastet werden, deren DNA-Probe nicht mit jener des Täters übereinstimmt.

Vergewaltiger ermittelt

Wie es um Aufklärungsrate bei Vergewaltigungen steht, zeigt der Blick in die Luzerner Kriminalstatistik: Sie lag 2014 bei 75 Prozent. Das sind 15 auf- und 5 ungeklärte Fälle. Sechs der insgesamt 20 Fälle ereigneten sich im öffentlichen Raum, so wie bei der Vergewaltigung in Emmen. Auch in den vergangenen Jahren bewegten sich die Aufklärungsquoten in diesem Rahmen. Ähnlich sieht es bei der schweren Körperverletzung durch Gewalt aus: Im vergangenen Jahr konnten rund 71 Prozent der Fälle aufgeklärt werden (fünf von insgesamt sieben).

Niels Jost