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MEDIZIN: Ab 90: Neues Hüftgelenk selber zahlen

Der Luzerner Arzt und SVP-Kantonsrat Beat Meister stellt eine brisante Forderung: Der Kanton soll für die Implantation von künstlichen Prothesen bei über 90-Jährigen keine Beiträge mehr leisten. Arztkollegen und Kantonsräte sind empört.
Lukas Nussbaumer
Blick in den Operationssaal während einer Hüftgelenk-Implantation. Der Eingriff kostet im Schnitt rund 8000 Franken. (Bild: Getty)

Blick in den Operationssaal während einer Hüftgelenk-Implantation. Der Eingriff kostet im Schnitt rund 8000 Franken. (Bild: Getty)

Lukas Nussbaumer
lukas.nussbaumer@luzernerzeitung.ch

Beat Meister gehört nicht zu den Lautsprechern in der 29-köpfigen Luzerner SVP-Fraktion. Der Hochdorfer Hausarzt ist auch keiner jener Kantonsräte, die oft und spontan auf Voten von Kollegen reagieren. Und der 58-Jährige ist schon gar nicht dafür bekannt, den Ratsbetrieb und die Verwaltung mit einer Flut von Vorstössen zu lähmen: Beat Meister hat seit seinem Amtsantritt vor zwei Jahren erst zwei Vorstösse eingereicht.

Nun folgt der dritte – und damit wird der zurückhaltend wirkende Vater von zwei erwachsenen Kindern so viel Staub aufwirbeln wie nie zuvor in seiner jungen politischen Karriere. Meister fordert in einem Postulat, der Kanton solle künftig für die Implantation von künstlichen Prothesen bei über 90-Jährigen keine Beiträge mehr leisten (siehe Kasten). Zu den künstlichen Prothesen gehören etwa Hüft- und Kniegelenke, Herzschrittmacher oder Augenlinsen. Diese Medizin der implantierten Prothesen bei Hochbetagten sei «eine Maximalmedizin, die wir nicht der Allgemeinheit aufbürden sollten», argumentiert Meister. Der Staat könne «nicht bis ans Lebensende alles bieten». Ohne den Verzicht auf Leistungen werde die Schweiz die Kosten im Gesundheitsbereich nie in den Griff bekommen, so der SVP-Kantonsrat.

Kanton zahlt 55 Prozent an stationäre Spitalbehandlungen

Zahlen dazu, wie oft bei über 90-Jährigen Prothesen eingesetzt werden, gibt es nicht. Laut dem Luzerner Kantonsarzt Roger Harstall beträgt das landesweite Durchschnittsalter von Patienten, die eine Hüftprothese erhalten, rund 68 Jahre. Der Anteil der über 85-Jährigen liegt bei 6 Prozent. Die Kostenbeteiligung des Kantons an den stationären Spitalbehandlungen in der obligatorischen Krankenversicherung liegt bei 55 Prozent. An zusätzlichen Kosten von Halbprivat- und Privatabteilungen beteiligt sich der Kanton nicht.

Bezogen auf die Bruttokosten, liegen die Revision oder der Ersatz von Hüftgelenken auf Platz 1 aller Eingriffe. Am zweitmeisten Umsatz generiert der Einsatz von künstlichen Kniegelenken. Die Implantation eines künstlichen Hüftgelenks kostet im Durchschnitt rund 8000 Franken. (nus)

Vorschlag: Krankenversicherung für Höchstbetagte

Beat Meister ist sich bewusst, dass er mit seinem Vorstoss für Empörung sorgt. Und er rechnet mit Vorwürfen von Berufskollegen, die seine Forderung als unethisch bezeichnen, wie er auf Anfrage sagt. Doch das nimmt Meister in Kauf – und wird während der Parlamentsdebatte die Gegenfrage formulieren, die er gegenüber unserer Zeitung stellt: «Ist es ethisch verantwortbar, derart hochtechnische Eingriffe bei Höchstbetagten vorzunehmen? Dies vor dem Hintergrund, dass rund 20 Prozent der Leute die Krankenkassenprämien nicht aus dem eigenen Sack bezahlen können?»

Beat Meister hat auch eine Antwort parat auf die Frage, warum er die Altersgrenze ausgerechnet bei 90 Jahren festlegen will. Ab diesem Alter gelte man gemäss der Weltgesundheitsorganisation (WHO) als höchstbetagt. Und der Hausarzt sagt: «Eigentlich läge die richtige Grenze schon bei 85 Jahren. Doch für diese Forderung fehlte mir der Mut.» Wohlwissend, dass er darauf angesprochen werden wird, warum ein fitter 90-Jähriger keine Kantonsbeiträge mehr an ein künstliches Hüftgelenk erhalten soll, macht Meister folgenden Vorschlag: «Wer mit 90 noch ein Gelenk ersetzt haben will, soll das selber zahlen.» Diese Patienten könnten mit einer neuen Krankenversicherung für Höchstbetagte die jüngere Generation entlasten.

Die drei weiteren Ärzte im Kantonsrat distanzieren sich

Wie viel Geld der Kanton Luzern mit der Umsetzung seines Postulats sparen könnte, hat Meister nicht eruiert. Das stehe auch nicht im Vordergrund. Wichtig sei ihm, für ein Umdenken zu sorgen. «Im Gesundheitswesen stimmt die Dosis längst nicht mehr. Wir müssen lernen, den Altersbogen zu akzeptieren und nicht alles umzusetzen, was möglich ist.»

Wie gut die Erfolgschancen eines Vorstosses im 120-köpfigen Luzerner Kantonsrat sind, lässt sich im Vorfeld meist gut an der Zahl der Mitunterzeichner abschätzen. Im Fall von Beat Meisters Postulat umfasst diese Liste bloss acht Namen. Sieben davon sind Parteikollegen, dazu kommt ein FDP-Parlamentarier. Auffällig ist vor allem dies: Die beiden anderen Ärzte in der SVP-Fraktion, Räto Camenisch aus Kriens und Bernhard Steiner aus Entlebuch, haben Meisters Vorstoss nicht unterschrieben. Ganz bewusst, wie sie auf Anfrage betonen.

So sagt Räto Camenisch, mit 72 Jahren der älteste Kantonsrat: «Patienten dürfen auf keinen Fall diskriminiert werden, besonders nicht wegen des Alters.» Diese Generation habe das Gesundheitswesen schliesslich jahrzehntelang getragen. Camenisch kündet an, er werde den Vorstoss seines Parteikollegen im Kantonsrat «aktiv bekämpfen». Das Postulat sei ein Schnellschuss, der medizinisch schwer zu begründen sei. Er frage sich, warum gerade das Alter als Mass der Leistungseinschränkung gewählt worden sei, so Camenisch. Schliesslich könnten auch jüngere Menschen Gesundheitswracks sein und gewisse Eingriffe deshalb fraglich erscheinen. Camenisch befürchtet eine Zweiklassenmedizin, wenn Meisters Vorstoss umgesetzt würde. «Reiche Patienten könnten Eingriffe bezahlen, und das Versicherungsobligatorium verkäme endgültig zur Farce.»

Auch Bernhard Steiner, der dritte Arzt in der SVP-Fraktion, unterstützt Beat Meisters Postulat nicht. Die Frage, ob Hüftimplantate für über 90-Jährige zweckmässig seien, müsse abhängig gemacht werden von der Vitalität und dem Gesundheitszustand des Patienten – und sei «nicht primär eine Frage des Alters. Ausschlaggebend ist die medizinische Ethik des betreuenden Arztes.» Eine generelle Ablehnung der Kosten bei mehr als 90 Jahre alten Personen erscheine ihm «deshalb als ethisch nicht korrekt», sagt der 48-jährige Entlebucher.

Befürchtung: Zweiklassenmedizin und höhere Kosten

Der vierte Arzt im Kantonsrat heisst Herbert Widmer. Der FDP-Parlamentarier wurde von Beat Meister im Gegensatz zu den beiden SVP-Ärzten nicht um eine Unterschrift gebeten. «Er wusste warum. Denn ich hätte versucht, ihn von seinem Vorhaben abzubringen», sagt der mit 22 Dienstjahren amtsälteste Parlamentarier. Widmer sagt auch, der Vorstoss seines Rats- und Berufskollegen habe ihn «erschüttert». Und er beantwortet eine an sich selbst gestellte Frage so: «Wie kann man für die Erhaltung eines möglichst guten Lebens eine bestimmte Altersgrenze festlegen? Das ist unethisch.»

Wie Camenisch befürchtet Widmer eine Zweiklassenmedizin. Und einig sind sich der 72-jährige Camenisch und der um ein Jahr jüngere Widmer auch, dass der Kanton Luzern mit einem Ja zu Meisters Vorstoss nur wenig sparen könnte. Widmer nennt gar Beispiele, die zu Mehrkosten führen würden. Ein Patient ohne Augenlinse würde schlechter sehen und so viel schneller seine Selbstständigkeit verlieren, wäre auf Hilfe angewiesen und müsste früher in ein Heim eintreten. Oder ein Patient ohne Herzschrittmacher könnte eher einen Schlaganfall erleiden, gelähmt sein und wiederum früher Hilfe beanspruchen müssen.

So hart Räto Camenisch, Bernhard Steiner und Herbert Widmer den Vorstoss ihres Arztkollegen Beat Meister kritisieren, so einig sind sie sich in einem Punkt: Ihr Nein zum Postulat sei keinesfalls gleichbedeutend mit einem Ja zu einer unkritischen Implantationskultur. Der Katalog der medizinischen Leistungen müsse regelmässig überprüft werden, ob sie wirksam, zweckmässig und wirtschaftlich seien.

In die gleiche Kerbe schlägt Daniel Scheidegger, Präsident der Schweizerischen Akademie der Medizinischen Wissenschaften. Diese befasst sich unter anderem mit der Klärung von ethischen Fragen im Zusammenhang mit medizinischen Entwicklungen. Scheidegger sagt, die ganze Branche müsse sich überlegen, wie sie ein gutes Gesundheitssystem aufrechterhalten könne, ohne dass es jedes Jahr teurer werde. Er bezeichnet Meisters Vorstoss als eine Provokation, der er aber auch Gutes abgewinnen könne: «Wir müssen über Leistungen diskutieren. Es wird in Zukunft nur gehen, wenn wir auf gewisse Eingriffe verzichten. Ob das gerade künstliche Gelenke bei über 90-Jährigen sind, bezweifle ich allerdings.»

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