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MEDIZIN: Dem Kanton Luzern gehen die Psychiater aus

Nur wenige Ärzte wollen Psychiater werden. Die psychiatrische Versorgung in der Region wird demnach immer schlechter. So kommt es vor, dass Psychologen – ohne Arztdiplom – in die Bresche springen.
Yasmin Kunz
Mehr Menschen brauchen psychiatrische Hilfe – und viele Psychiater stehen ohne Nachfolge kurz vor der Pension. (Bild: Getty)

Mehr Menschen brauchen psychiatrische Hilfe – und viele Psychiater stehen ohne Nachfolge kurz vor der Pension. (Bild: Getty)

Yasmin Kunz

yasmin.kunz@luzernerzeitung.ch

Er müsse jede Woche Personen abweisen, sagt Psychiater Andreas Hirth. «Um die psychiatrische Versorgung in unserer Region steht es von Jahr zu Jahr schlimmer», betont Hirth, der seit 2009 in Luzern für Kinder und Jugendliche sowie für Erwachsene eine psychiatrische Praxis führt. «Es fällt mir schwer, Patienten abzuweisen, aber ich kann schlicht nicht mehr als zehn Stunden täglich Patientenarbeit leisten.» Die Lage dürfte sich künftig noch mehr zuspitzen, denn viele Psychiater stehen kurz vor der Pension, und Nachwuchs ist nicht in Sicht.

Diese Beobachtung macht nicht nur Hirth, sondern auch die Luzerner Psychiatrie (Lups), wie Sprecher Thomas Lemp sagt. «Die Rekrutierung ist sowohl in der Kinder- und Jugendpsychiatrie als auch in der Erwachsenenpsychiatrie äusserst schwierig.» Besonders problematisch sei die Situation aber im kinder- und jugendpsychiatrischen Bereich. Das bestätigt ein Blick auf die Homepage der Vereinigung der Psychiaterinnen und Psychiater des Kantons Luzern. So gibt es im Kanton Luzern aktuell vier Kinder- und Jugendpsychiater, die in einer Praxis arbeiten. Zwei davon können keine Patienten mehr aufnehmen.

Ein erschwerender Faktor bei der Rekrutierung seien unter anderem die sprachlichen und sozialen Kompetenzen, erklärt Lemp. Das zeigt auch ein Blick in eine Erhebung der Schweizerischen Gesellschaft für die Psychiatrie und Psychotherapie und der Schweizerischen Vereinigung Psychiatrischer Chefärzte, die im Jahr 2009 durchgeführt wurde: Nur 33 Prozent der Weiterbildungsstellen werden von Schweizerinnen und Schweizern beziehungsweise von Ärzten, die ihre Ausbildung an einer Schweizer Universität abgeschlossen haben, besetzt. So hat man gemäss Lemp häufig Bewerbungen von ausländischen Psychiatern, welche unsere Sprache nur mangelhaft beherrschen. So könne es vorkommen, dass Psychologen diese Lücken füllen, sagt Lemp. Psychologen haben im Gegensatz zu Psychiatern kein Arztdiplom und können keine Medikamente verschreiben.

Beruf ist unattraktiv und der Lohn wenig lukrativ

Bereits vor Jahren hat man die Notlage der psychiatrischen Versorgung erkannt. Die Erhebung von 2009 kam zum Schluss, dass der Beruf von vielen jungen Ärzten als unattraktiv empfunden wird. Das Image des Berufes ist negativ behaftet. Andreas Hirth sagt dazu: «Es gibt immer noch eine gewisse Tabuisierung von psychischen Krankheiten. Das Stigma, das auf den Patienten lastet, trifft auch die Behandler.» Des Weiteren würde das Vorurteil, dass die Psychiatrie im Unterschied zu anderen Disziplinen therapeutisch nicht viel bewirken kann, anhalten.

Die Befragten der Studie haben ferner angegeben, dass die Kosten und die Länge der Weiterbildung abschreckend wirken. Doch nicht nur die finanziellen Ausgaben für die Weiterbildung sind ein Hindernis, wie Lups-Sprecher Thomas Lemp weiss. «Auch der Lohn spielt eine Rolle. Andere Facharztkarrieren wie etwa Urologie sind wesentlich lukrativer als eine psychiatrische Laufbahn.»

Die Gründe für den Notstand sind heute noch die gleichen. Nur hat sich die Lage weiter zugespitzt. Werner Strik, ärztlicher Direktor der Universitären Psychiatrischen Dienste Bern, führt dies auch auf den allgemeinen Nachwuchsmangel in der Medizin zurück. Nur wirke sich der in der Psychiatrie, im Gegensatz zu anderen Fachgebieten, überproportional aus. «Die Psychiatrie ist das drittgrösste medizinische Fach und hat einen besonders grossen Bedarf an Ärzten.»

Bedarf kann von Unis nicht mehr gedeckt werden

Ein Blick in die Ärztestatistik der FMH zeigt allerdings ein anderes Bild: Im Jahr 2016 wurde die Fachrichtung Psychiatrie und Psychotherapie am zweitmeisten besucht. Wie lässt sich dieser Widerspruch erklären? Strik: «Das ist kein Widerspruch. Es gibt wohl mehr Ärztinnen und Ärzte, aber viele arbeiten Teilzeit.» Und dies wiederum führe zu einer Bedarfszunahme, die von Schweizer Universitäten schon lange nicht mehr gedeckt werden könne. Auch ausländische Kollegen könnten die Lücke nicht füllen, so Strik. «Die Schere zwischen Nachfrage und Angebot vergrössert sich stetig.»

Die Erhöhung der Studienplätze in der Medizin werde man in der Praxis erst in rund 10 Jahren spüren. Strik bemängelt in diesem Zusammenhang den Numerus clausus, die Eintrittsprüfung für das Medizinstudium: «Psychiatrie ist die Brücke zwischen den Geistes- und Naturwissenschaften in der Medizin. Beim Numerus clausus werden psychosoziale Interessen und Kompetenzen deutlich weniger gewichtet als naturwissenschaftliche.» Er weist darauf hin, dass viele am Numerus clausus Gescheiterte mit besonderen Kompetenzen in diesem Bereich in die Psychologie ausweichen würden. «Diese können den Fachärztemangel aber nur bedingt ausgleichen, weil sie nicht über dieselbe Ausbildung verfügen.»

Zahl psychisch kranker Menschen bleibt hoch

Der Mangel an Psychiatern fällt insofern ins Gewicht, als dass die Zahl der Patienten stetig zunimmt. Lups-Sprecher Thomas Lemp: «Beinahe jede zweite Person erleidet einmal im Leben eine psychische Störung.» Daran dürfte sich auch künftig nichts ändern. Wie will man der grossen Nachfrage begegnen? Lemp ist überzeugt, dass der Medizin-Master in Luzern dem Problem etwas Abhilfe schaffen kann – indem die Lups in diesem Zusammenhang als Ausbildungspartner mitwirkt. Ferner betont er, dass die Leistungen der Psychiater besser abgegolten werden sollten. Ähnlich sieht es auch Andreas Hirth, selbstständiger Psychiater in der Stadt Luzern (siehe Interview in der Box).

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