MEDIZIN: Ein Kampf gegen Waage und Klischees

Übergewichtige Personen leiden – unter dem Gewicht und unter den gesellschaftlichen Vorurteilen. Der Leiter des Adipositaszentrums erklärt, warum seine Patienten dick sind, aber nichts dafür können.

Yasmin Kunz
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In der Schweiz gibt es immer mehr Menschen. Auf dem Bild: Jugendliche eines Adipositas-Camp in einem Seilpark (Symbolbild). (Bild: Christian Beutler / Keystone (Zweisimmen, 18. Juli 2013))

In der Schweiz gibt es immer mehr Menschen. Auf dem Bild: Jugendliche eines Adipositas-Camp in einem Seilpark (Symbolbild). (Bild: Christian Beutler / Keystone (Zweisimmen, 18. Juli 2013))

Die Zahl der dicken Menschen nimmt landesweit kontinuierlich zu. In Luzern sind gemäss des letzten Gesundheitsberichts 41,7 Prozent übergewichtig. Das entspricht etwa dem Schnitt der Schweizer Bevölkerung. Zum Vergleich: Im Jahr 1992 war rund ein Drittel der Schweizer Bevölkerung übergewichtig. Männer sind dabei deutlich häufiger betroffen als Frauen, wie ein Blick in die Statistik zeigt.

Eine ähnliche Entwicklung beobachtet Martin Sykora (50), Leiter des Adipositaszentrums Zentralschweiz und Chefarzt am Nidwaldner Kantonsspital. Im Jahr 2003 haben Sykora und sein Team rund eine Handvoll Magenverkleinerungen durchgeführt. Mittlerweile registriert das Luzerner Kantonsspital inklusive Standort Sursee und Nidwaldner Kantonsspital jährlich 300 solche Eingriffe. Die Steigerung hat gemäss Sykora unter anderem damit zu tun, dass die Adipositas-Chirurgie – also das Verkleinern vom Magen bei stark übergewichtigen Personen – von Hausärzten und Diabetesspezialisten zunehmend gutgeheissen wird.

Noch immer aber fehle in der Bevölkerung die Akzeptanz gegenüber dicken Personen, sagt Sykora. Man habe das Bild, dass dicke Menschen dumm und faul seien und ihr Übergewicht selber verschuldet hätten. «Das sind leider die gängigen Vorurteile gegenüber solchen Personen. Dass sie dick sind, weil sie krank sind, glaubt unsereins kaum.» An diesem gefestigten Bild versucht Martin Sykora seit Jahren zu rütteln. Im Jahr 2013 hat er alle beteiligten Fachrichtungen zu einem Zentrum zusammengeführt. Dieses umfasst Physiotherapie, Psychologie, Ernährungsberatung, Internisten (Fachärzte für innere Medizin) und Chirurgen. Sie alle arbeiten Hand in Hand mit dem Ziel, dicken Menschen zu helfen. Aufgrund der wachsenden Nachfrage braucht das Zentrum jetzt neue Räumlichkeiten und wird demnach Anfang Januar in ein anderes Gebäude auf dem Campus ziehen.

Kleineres Risiko für Folgeerkrankungen

Sprechen wir von Übergewicht, dann sind nicht fünf, sondern je nach Grösse 30 bis über 100 Kilos zu viel gemeint. Adipös, also stark übergewichtig, ist gemäss World Health Organisation, kurz WHO, wer einen Body- Mass-Index von über 35 aufweist. Der BMI berechnet sich aus der Grösse und dem Gewicht (siehe Kasten). Bei der Behandlung steht laut Sykora nicht allein die Reduktion des Gewichts im Fokus. «Wenn die Patienten Kilos verlieren, ist das ein schöner Neben­effekt», sagt er. Ziel der Behandlung sei, diesen Menschen mehr Lebensqualität zu geben und die Lebensdauer zu verlängern. Zudem wolle man das Risiko von Folgeerkrankungen wie etwa Diabetes (Zuckerkrankheit) senken oder sie wenn möglich ganz vermeiden. Doch nicht nur die körperliche Komponente spiele bei der Behandlung eine Rolle. Es gehe auch darum, Übergewicht als Krankheit anzuerkennen, betont der Arzt. «Meistens hören die Patienten hier das erste Mal, dass ihr Übergewicht eine Krankheit ist. Jahrelang leben sie mit dem Vorurteil, selbst schuld zu sein. Oft fällt dann die äussere Fassade, und sie weinen über die Verletzungen und die dummen Witze, die sie ertragen müssen.»

Sykora erklärt den Patienten, dass ihr Körpergewicht zu 80 Prozent von den Genen abhängt und nur zu 20 Prozent beeinflusst werden kann. Deshalb nutzen bei fast allen Patienten die nicht operativen Therapien auf lange Sicht nichts. In Fachkreisen kenne man die Ursache für Adipositas schon lange. In der Gesellschaft seien die gängigen Klischees jedoch nach wie vor stark verankert. «Aus Unwissenheit», wie Sykora sagt. Die Bevölkerung müsse aufgeklärt werden, dass Übergewicht wie etwa eine Schilddrüsenüberfunktion eine Krankheit sei. Er erklärt, etwas vereinfacht, was bei den Dicken nicht funktioniert: «Wenn unser Körper sagt, wir haben Hunger, essen wir und sind nachher gesättigt. Bei Übergewichtigen bleibt dieses Sättigungsgefühl aufgrund hormoneller Störungen aus.» Seit Jahren wird an Medikamenten geforscht, welche das Hormonungleichgewicht regulieren könnten. Bisher ohne Erfolg. Darum bleibt für die Patienten – nach einem langen Leidensweg – in der Regel nur die Operation.

Bevor ihr Magen aber einen Bypass bekommt oder in einen Schlauch umgewandelt wird, müssen sie von Gesetzes wegen eine zweijährige Therapie zur Gewichtsreduktion vorweisen. Diese Bestimmung vom Bundesamt für Gesundheit ist für Sykora nicht immer sinnvoll: «Übergewicht ist wohl die einzige Krankheit, bei der man sich die adäquate Therapie erst verdienen muss. Ist das nicht etwas absurd?» Die Operation, welche zwischen 16000 und 18000 Franken kostet, wird dann von der Krankenkasse übernommen, wenn die Patienten zwei Jahre Therapie nachweisen können.

Dank Operation Lehrstelle erhalten

Nicht jede Person mit einem BMI über 35 muss operiert werden. Verbesserte Ernährung und sportliche Aktivität können viel bewirken. «Wichtig ist, dass realistische Ziele gesetzt werden.» Nur für etwa die Hälfte der Patienten kommt eine Operation gleich in Frage. Für einige ist dies aber die letzte Chance auf ein besseres Leben. So zum Beispiel für einen Teenager: Er hat sich bei einem Grossbetrieb um eine Lehrstelle beworben, diese jedoch nicht erhalten: Grund: sein Körpergewicht. Nach einer Operation hat der junge Mann über 40 Kilos abgenommen und sich ein Jahr später im selben Betrieb erneut vorgestellt – und den Lehrvertrag unterzeichnet.

Insbesondere würden Patienten operiert, die bereits Folgeerkrankungen wie Diabetes oder Bluthochdruck aufweisen. Sy­kora macht ein Beispiel: «Einem Mann drohte aufgrund seiner Zuckerkrankheit die Amputation des Beines.» Um das zu verhindern, hat der Arzt dem 150-Kilo-Mann den Magen verkleinert. Fazit: «Der Diabetes war anschliessend geheilt, und das Bein konnte er behalten.»

Yasmin Kunz

yasmin.kunz@luzernerzeitung.ch

Verschiedene

Verschiedene Operationsmethoden

Bei den Operationen für Adipositaspatienten gibt es mehrere Varianten. Der Magen-Bypass und der Magenschlauch sind jene zwei Eingriffe, die Martin Sykora, Leiter des Adipositaszentrums Zentralschweiz und Chefarzt am Nidwaldner Kantonsspital, am meisten durchführt. Gar nicht mehr angewendet wird beispielsweise das Magenband. Die beiden gängigen Operationen sind wenig risikoreich und dauern im Schnitt etwa eine Stunde. Kostenpunkt: zwischen 16 000 und 18 000 Franken. Martin Sykora wendet bei beiden chirurgischen Eingriffen die Schlüssellochmethode an. Heisst: Es entsteht ein kleiner Schnitt in den Bauch – bestmöglich beim Bauchnabel – und hinterlässt keine grosse Narbe.

Für die Operationen in Frage kommen nur Patienten mit einem Body-Mass-Index (BMI) von über 35. Obwohl der BMI als Richtwert umstritten ist, wird bei stark Übergewichtigen anhand dieses Werts ermittelt, ob sie eine Operation benötigen oder nicht. Der BMI zeigt die Körperfettmasse an. Er wird berechnet, indem man das Körpergewicht mit der Körpergrösse in Metern im Quadrat dividiert. Ein Wert zwischen 18,5 und 24,9 zeigt Normalgewicht an. (kuy)