MEDIZIN: Emmer Hebamme: «Eine Geburt ist jedes Mal etwas Einmaliges»

Heute ist Internationaler Hebammentag. Esther Fischer-Brun aus Emmen übt diesen Beruf seit fast 40 Jahren aus. In dieser Zeit hat sich vieles verändert – aber nicht alles.

Sandra Monika Ziegler
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Esther Fischer-Brun, freiberufliche Hebamme. (Bild: PD)

Esther Fischer-Brun, freiberufliche Hebamme. (Bild: PD)

Bereits mit 16 Jahren habe sie sich für den Beruf entschieden, sagt Esther Fischer-Brun. Die Emmerin ist seit bald 40 Jahren als Hebamme tätig. Doch zuerst zurück zu den Anfängen. Fischer-Brun besuchte 1975 eine Informationsveranstaltung zum Beruf der Krankenschwester. In diesem Rahmen wurde auch über die Arbeit der Hebamme informiert. Und das fand sie faszinierend. Da wusste sie sofort: «Das will ich!» Sie habe Glück gehabt, so Fischer-Brun. Denn von den 20 Frauen, die sich für die Aufnahmeprüfung meldeten, durften schlussendlich nur zwei die Ausbildung machen. «Und eine davon war ich», sagt sie nicht ohne Stolz.

Seit 1980 arbeitet Fischer-Brun als ausgebildete Hebamme. Der Berufsstand habe sich stark verändert, wie sie sagt. Und parallel dazu auch die Ausbildung. So gab es in den 90er-Jahren eine Hebammenschule im Gebäude des Kantonsspitals Luzern. Heute müssen die Frauen – Männer sind in diesem Beruf sehr selten – nach Bern, Lausanne oder in die Ostschweiz zur Schule. Auch braucht man für die Ausbildung heute einen Studienabschluss an einer Fachhochschule. Voraussetzung dafür ist die Matura. «Das gibt dem Berufsstand zwar mehr Gewicht, verhindert aber auch einigen den Zugang zum Beruf», sagt Karin Bachmann, Ansprechperson für freipraktizierende Hebammen im Kanton Luzern. Nach dem vierjährigen Studiengang sind zudem zwei Jahre Praxis in einem Spital nötig. Danach ist der Weg frei für das selbst­ständige Arbeiten. Im Kanton Luzern, so Bachmann, seien aktuell 130 Frauen registriert, die eine Bewilligung als Freiberufliche haben. Diese Bewilligung stellt jeweils der Kantonsarzt oder die Kantonsärztin aus.

Wanne, Bett oder Kaiserschnitt

Esther Fischer-Brun ist eine von ihnen. Mit 25 Jahren hat sie sich entschieden, nicht mehr in den Spitälern, sondern als Freiberufliche zu arbeiten. Sie betont, dass sich zwar vieles geändert habe, aber eines wie eh und je bleibt: «Nämlich die Geburt an sich – die hat sich nicht geändert. Die Geburt ist und bleibt ein körpereigener Prozess und ist individuell.» Die Hebamme ist für den «gesunden» Ablauf der Geburt zuständig. Bei Komplikationen wird ein Arzt beigezogen. Damit haben Hebamme und Arzt ihre eigenen Bereiche.

Früher, in den 90er-Jahren, gab es in der Zentralschweiz an die 100 Hausgeburten pro Jahr, so Fischer-Brun. Heute seien es noch etwa an die zehn. Das hat auch mit den vielfältigen Angeboten der Spitäler zu tun. Heute könne eine Frau auswählen, wie sie ihr Kind zur Welt bringen will: im Bett, in der Wanne, im Stehen oder mit Kaiserschnitt.

Fischer-Brun arbeitet seit 15 Jahren nicht mehr hauptsächlich als Hebamme für Geburten. Im Fokus stehen nun die Geburtsvorbereitung und die Pflege im Wochenbett. «Dafür entschieden habe ich mich, weil ich selber eine Tochter habe und nicht mehr Tag und Nacht auf Pikett sein wollte.» Fischer-Brun wohnt in Emmen und fährt, wenn immer möglich, mit dem Velo zur Hauspflege. Sie betreut Frauen vor und nach der Geburt. Sie unterstützt dabei auch die frischgebackenen Eltern im Alltag. In der eigenen Praxis macht sie unter anderem Behandlungen für die Narbentherapie und die Gewichtsreduktion. Fischer-Brun macht ein Beispiel: «Der Bauch ist nach einem Kaiserschnitt vom Gefühl her fremdbestimmt. Eine Frau beschrieb mir ihren Bauch nach dem Eingriff als Eisblock. Meine Arbeit ist, da wieder ein Körpergefühl herzustellen.» Das geschieht mittels Akupunktur-Massage, Homöopathie oder Taping – Pflaster, die stützend wirken. «Ziel ist es, wieder die Akzeptanz von Geburt und Bauch zu erlangen. Das bringt eine Balance ins Leben und gehört zum Sich-selber-Sein», erklärt sie. Und was ist das Schönste an ihrem Beruf? Da muss die 58-Jährige nicht lange überlegen: «Das ist die Kraft zu spüren, die die Frauen bei der Geburt ausstrahlen. Und dann die enorme Energie, die von einem Neugeborenen ausgeht.» Diese ursprüngliche Kraft sei eben Natur pur. Auch seien Freud und Leid wohl nirgends so nahe beisammen wie in diesem Moment. «Eine Geburt ist jedes Mal etwas Einmaliges. Vergleichbar mit dem Gefühl, wenn man einen Berg erklimmt und endlich oben ankommt», sagt die passionierte Bergsteigerin.

Sandra Monika Ziegler

sandra.ziegler@luzernerzeitung.ch

Hinweis

Der Internationale Hebammentag wird seit 1991 am 5. Mai in mehr als 50 Ländern begangen.