MEDIZIN: «Nur ein Spital für 15 Millionen Menschen»

Der Chirurg Urs Hug ist im Luzerner Kantonsspital und in Krisengebieten tätig. Dabei muss er mit riesigen Gegensätzen umgehen.

Stefan Dähler
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Urs Hug (links), der beim Luzerner Kantonsspital angestellt ist, während einer Operation in Äthiopien. (Bild: PD)

Urs Hug (links), der beim Luzerner Kantonsspital angestellt ist, während einer Operation in Äthiopien. (Bild: PD)

Urs Hug bewegt sich als Chirurg in zwei verschiedenen Welten: «In Äthiopien beispielsweise gibt es für eine riesige Region mit 15 Millionen Menschen nur gerade ein öffentliches Spital. In der Schweiz dagegen können sich Leute einer Schönheitsoperation unterziehen, weil ihnen die Nase etwas zu krumm ist.» Der 45-Jährige arbeitet als Spezialist für Handchirurgie und für Plastisch-Rekonstruktive Chirurgie am Luzerner Kantonsspital – aber nicht nur. Jeweils zwei Wochen pro Jahr verbringt er in Entwicklungsländern, um vor Ort Leute zu operieren. Hug war bereits im Gazastreifen und in Äthiopien.

Kaum Zugang zu Medikamenten

«Ausserhalb der reichen Hauptstadt ist die medizinische Versorgung teils rudimentär oder gar nicht vorhanden. Die Leute haben kaum Zugang zu Medikamenten und können sich eine Behandlung nicht leisten, obwohl sie weniger als einen Franken pro Tag kostet. Die Spitäler sind oft baufällig, die notwendige Hygiene und Sterilität ist kaum aufrechtzuerhalten», sagt Hug, der Gründungsmitglied des Vereins Interplast Switzerland ist. Dieser existiert seit 2008 und ist vor allem in Afrika tätig.

Interplast Switzerland ist ein kleiner Verein mit ehrenamtlich tätigen Mitgliedern. «Es handelt sich ausschliesslich um medizinisches Fachpersonal. Alle Einsätze finden während der persönlichen Urlaubszeit statt.» Die Mitglieder betreiben Chirurgie in Entwicklungsländern, dafür kooperieren sie mit lokalen Spitälern und anderen Hilfsorganisationen. Weiter bilden die Vereinsmitglieder medizinisches Personal vor Ort aus. Der Verein finanziert sich durch Spendengelder, das Budget beträgt «einige zehntausend Franken» pro Jahr.

Das Geld zu sammeln, sei nicht einfach. «Die Konkurrenz ist gross, humanitäre Hilfe ist heute auch zu einem Geschäft geworden. Unsere Spenden fliessen zu 100 Prozent in die Hilfsaktionen, Aufwände wie beispielsweise ein Sekretariat oder ein Stiftungsrat existieren nicht», sagt Hug. Das Ziel sei, mittelfristig rund 100 000 Franken pro Jahr zu generieren.

Die Motivation für seine Arbeit in Entwicklungsländern sei nicht aufgrund eines «Helfersyndroms» oder eines speziellen Bezugs zu den betroffenen Ländern entstanden. Entscheidend seien persönliche Kontakte gewesen, sagt Hug. Weil dort bereits ein Bekannter von ihm tätig war, reiste er 2006 erstmals nach Gaza. Danach folgte Äthiopien.

Was sind dort die häufigsten Probleme der Patienten? «Die Leute haben oft Brandverletzungen, da sie auf dem offenen Feuer kochen. Die Eltern haben viele Kinder und können nicht alle beaufsichtigen.» Ein weiteres Problem sei die Mangelernährung, welche zu Infektionen und schliesslich zu Entstellungen im Gesicht führen könne. «Als Chirurg hat man die Möglichkeit, die Betroffenen mit einer Magensonde zu retten und die Entstellung zu korrigieren. So können wir eine soziale Isolation des Patienten ohne Arbeit und ohne Partner verhindern», sagt Hug. Generell müsse man sich auch von der Situation vor Ort distanzieren können. «Sonst leidet man zu sehr. Das Ziel ist nicht, die Welt zu retten, sondern im kleinen Rahmen zu helfen.»

Risiko zu gross

In Guinea Bissau und in Burkina Faso sei Interplast Switzerland in Zusammenarbeit mit anderen Institutionen erfolgreich aktiv. In Gaza sowie in Äthiopien lernte Hug aber auch die Schwierigkeiten kennen, die bei der Arbeit in Entwicklungsländern entstehen können. «In Gaza ist das Risiko aufgrund des dortigen Konflikts für mich als Familienvater zu gross geworden.» Auch in Äthiopien ist er nicht mehr tätig. «Wir konnten dort zu wenig bewirken.» Dies hatte laut Hug mehrere Gründe. «Es sind bereits viele Hilfsorganisationen vor Ort. Viele Einheimische haben aber keine Perspektive für die Zukunft und leisten selber wenig, um ihre Situation zu verbessern. Zudem wandern Ärzte schnell in reichere Länder wie Ägypten ab. So konnten wir nichts aufbauen.» Nun prüft Interplast Switzerland neue Standorte in Tadschikistan und Tansania.

Es gebe aber auch sehr aufbauende Momente. «Bevor man abreist, stehen die Patienten eine Art Spalier und bedanken sich strahlend. Schön ist auch, wenn man ehemalige Patienten wieder trifft und es ihnen gut geht. Das gibt einem sehr viel zurück.»

Stefan Dähler

Hinweis

Am kommenden Sonntag findet ab 14.30 Uhr im Hotel Schweizerhof ein Benefizkonzert des Vereins Interplast statt. Ticketverkauf über hug@interplast-switzerland.ch. Details zum Konzert www.interplast-switzerland.ch