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MEDIZIN: Premiere mit «Mini-Nähmaschine» am Luzerner Kantonsspital

Am Luzerner Kantonsspital kann der Magen neu auch mit Nadel und Faden verkleinert werden. Gastroenterologe Patrick Aepli ist der Erste in der Schweiz, der diese Methode anwendet.
Yasmin Kunz
Als erstes Schweizer Spital wendet das Luzerner Kantonsspital für die Magenverkleinerung auch ein endoskopisches Verfahren an. Im Bild das Team um Patrick Aepli, Co-Chefarzt Gastroenterologie (dritte Person von rechts), bei einem Eingriff. (Bild: Luzerner Kantonsspital)

Als erstes Schweizer Spital wendet das Luzerner Kantonsspital für die Magenverkleinerung auch ein endoskopisches Verfahren an. Im Bild das Team um Patrick Aepli, Co-Chefarzt Gastroenterologie (dritte Person von rechts), bei einem Eingriff. (Bild: Luzerner Kantonsspital)

Yasmin Kunz

yasmin.kunz@luzernerzeitung.ch

Es ist fast wie früher in der Handarbeitsstunde: den Stoff markieren, Faden durch das Nadelöhr ziehen, und dann den gezeichneten Linien entlang nähen. Ähnlich macht es Patrick Aepli (38), Co-Chefarzt Gastroenterologie (Erkrankungen des Magen-Darm-Trakts) und interventioneller ­Endoskopiker am Luzerner Kantonsspital (Luks). Er flickt aber nicht etwa Stoffresten zusammen, sondern verkleinert mit einem endoskopischen Nähsystem den Magen von übergewichtigen Patienten. Aepli ist der Erste, der diese Methode in der Schweiz durchführt. In den USA und in verschiedenen europäischen Ländern wie etwa Spanien ist dieser Eingriff bereits etabliert.

Doch was konkret macht Patrick Aepli? Er schiebt – etwas salopp ausgedrückt – eine auf das Spiegelungsgerät montierte Miniatur-Nähmaschine über den Mund zum Magen. Im Fachjargon nennt man das System Overstitch, der Eingriff selbst trägt den englischen Namen Endoscopic Sleeve Gastroplasty, kurz ESG (zu Deutsch: endoskopische Anlage eines Magenschlauchs).

Weniger Hunger, längeres Sättigungsgefühl

Im Magen beginnt die eigentliche Näharbeit, wobei Nadel und Faden bei jedem Stich durch den Untersucher unter direkter Sicht via Bildschirm gezielt eingesetzt werden. Aepli erklärt: «Während Mageneingang und Ausgang nicht angetastet werden, kann der mittlere und mit Abstand grösste Teil des Magens durch das Setzen von mehreren Nähten in einem dreieckigen Muster sowohl im Durchmesser als auch in der Länge stark zusammengezogen werden.» So lässt sich das Volumen des Magens um rund 70 Prozent reduzieren.

Der übergewichtige Patient hat nach dem Eingriff deutlich weniger Hunger und durch die zusätzlich verlangsamte Magenentleerung ein sehr lang anhaltendes Sättigungsgefühl. Dadurch verliert er stark an Gewicht. Das Ergebnis ist ähnlich wie bei einem operativen Eingriff, wo mittels Schlüssellochmethode (ein kleines Loch im Bauch) ein Teil des Magens entfernt wird. Der Hautvorteil der endoskopischen Variante liege darin, dass sie weniger invasiv, falls nötig wiederholbar und theoretisch reversibel sei, erklärt der Arzt. Diese neue Methode hat weitere positive Auswirkungen: «Die Dauer des Spitalaufenthalts ist wesentlich kürzer als bei den chirurgischen Varianten, und die Patienten sind entsprechend etwas früher wieder arbeitsfähig.» Doch ESG ersetze den chirurgischen Eingriff nicht, sagt Aepli und fügt an: «Wir sehen diese Methode als Ergänzung zu den bisherigen, operativen Möglichkeiten.»

Die Patienten müssen bestimmte Indikatoren aufweisen, damit ein endoskopischer Eingriff diskutiert werden kann – ähnlich wie bei einer Operation. Aepli weist zudem darauf hin, dass auch bei dieser Methode nach wie vor alle Patienten über das Adipositaszentrum Zentralschweiz laufen. Das Zentrum vereint alle Experten unter einem Dach. So arbeiten im Zentrum neben Chirurgen und Internisten auch Physiotherapeuten, Ernährungsberaterinnen, Psychologen und Psychiater. Aepli spielt dabei eine kurze Rolle im Prozess: Er führt lediglich den endoskopischen Eingriff durch. Die diversen Abklärungen vor dem Eingriff sowie die Nachsorge werden von den Fachpersonen im Adipositaszentrum übernommen.

Eingriff muss selber bezahlt werden

So haben denn auch die Leiter des Adipositaszentrums, Martin Sykora und Markus Gass, gemeinsam mit Patrick Aepli Indikatoren vereinbart für diesen neuen endoskopischen Eingriff. Klare Kriterien bestehen auch für die chirurgischen Interventionen: Von Gesetzes wegen übernimmt die Krankenkasse Operationen wie etwa Magenbypass oder Magenschlauch erst, wenn Übergewichtige einen Body-Mass-Index (BMI) von mehr als 35 aufweisen (siehe Kasten) und eine zweijährige Therapie zur Gewichtsreduktion nachweisen können. Diese Bestimmungen stammen vom Bundesamt für Gesundheit.

Fakt ist aber: Folgeerkrankungen von Übergewicht wie etwa Diabetes oder Bluthochdruck können schon bei einem BMI von 30 auftreten. Und genau da setzt Aeplis Methode an. Er will die ESG auch für Übergewichtige ab einem BMI von 30 zugänglich machen. Die Methode ist in der Schweiz allerdings noch nicht anerkannt. Will heissen: Die Krankenkassen zahlen den Eingriff nicht. Eine ESG kostet ge­mäss Aepli rund 10 000 Franken, 4000 Franken betragen allein die Materialkosten. Zum Vergleich: Die Kosten für einen Magenbypass oder Magenschlauch belaufen sich auf zirka18 000 Franken. «Nur weil die Patienten Selbstzahler sind, heisst das aber nicht, dass sie selber bestimmen können, ob und wann eine ESG durchgeführt wird.»

Patient kann Therapie nicht wählen

Verschiedene Faktoren müssen erfüllt sein, damit die endoskopische Variante zum Zug kommt. So müssen die Patienten die Vorabklärungen nach anerkannten Standards im Adipositaszentrum durchlaufen haben. «Ein endoskopischer Eingriff steht unter ­anderem dann zur Diskussion, wenn eine Operation nicht möglich ist oder aber von der Krankenkasse nicht übernommen wird», erklärt Aepli. Ersteres sei etwa dann der Fall, wenn ein Patient zu krank ist für eine Operation. Bis dato hat Aepli drei solche Eingriffe durchgeführt. Dafür benötigte er jeweils zirka eine Stunde «in etwa gleich lang wie bei einer regulären Operation».

Mit mehr Erfahrung dürfte der Eingriff künftig allerdings weniger lang dauern. Patrick ­Aepli kennt das endoskopische Nähsystem trotz nur drei Eingriffen bestens, weil er es auch anderweitig regelmässig einsetzt, beispielsweise zur Raffung von Nähten nach Voroperationen «Das Gerät ist intuitiv bedienbar», sagt er. Gestartet hat der Arzt mit der «Miniatur-Nähmaschine» vor drei Jahren – zuerst an einer Bananenschale.

Ziel ist Kostenübernahme durch Krankenkassen

Aepli sagt, dass die neue Technik «zumindest vorerst nur an einem vom Bundesamt für Gesundheit anerkannten Referenzzentrum wie etwa dem Luks und durch Experten, welche mit dem endoskopischen Nähsystem vertraut sind, durchgeführt werden sollte». Dies ist nötig, um die Methode zu etablieren und dereinst eine Kostenübernahme durch die Krankenkasse zu erreichen.

Aepli will den Chirurgen mit seiner neuen Praxis keine Patienten wegnehmen. Er sieht den ESG als Ergänzung: «Auf der einen Seite gibt es die konservativen Therapien mit Diäten und Medikamenten, auf der anderen Seite die Operationen.» Mit ­Nadel und Faden will Aepli die Lücke zwischen diesen beiden Extremen schliessen.

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