Meggen
Die Kunst, mit Material zu malen

Die Luzernerin Barbara Davi führt in Meggen mit Bildern und Installationen in imaginäre Räume.

Regina Grüter
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«Abstraktion ist mir wichtig», sagt Barbara Davi.

«Abstraktion ist mir wichtig», sagt Barbara Davi.

Bild: Boris Bürgisser (Meggen, 06. Mai 2021)

Ein beschauliches Haus, direkt am See gelegen. Eine 150 Jahre alte frühere Wasch- und Brennhütte im denkmalgeschützten Fischerdorf. Die Umgebung mit Villen und Sommersitzen idyllisch. Bequem machen kann man es sich nicht auf der Liege in dieser Wohlfühloase. Dafür ist sie zu klein. Die Ausstellung «Der Raum als Feld» der Luzernerin Barbara Davi im Benzeholz, Meggen, beginnt bereits im Aussenraum mit Blick auf Vierwaldstättersee und Berge. Das Wetter beeinflusst die Stimmung.

«Es hat zugleich etwas Verlassenes; es geht auch um Einsamkeit», erklärt Davi. Die Liege ist hart. Sie benutzte dazu die halbrunden Betonbausteine zur Abgrenzung in einem Gemüsebeet. Die setzt sie statt vertikal horizontal ein, legt sie mit der Wölbung nach oben nebeneinander; das Stück für die runde Ecke im Beet wird zum Kopfteil. Material wird zweckentfremdet. Davi bewegt sich in ihrem Schaffen weitgehend in räumlichen Dimensionen. Nach «Fluidum» vor vierzehn Jahren stellt die 49-Jährige zum zweiten Mal im Benzeholz aus, kreiert Rauminstallationen und Bildräume in den drei Innenräumen.

Objekte werden verunklärt

Das Fluidum des Wassers bezieht sie im Erdgeschoss mit ein, wo ein einziges kleines Fenster den Blick auf See und Berge freigibt. Der Raum ist durch klare Linien bestimmt. Von drei Ecken aus ragen horizontal angeordnete Bruchstücke in den Raum. Die weissen Ebenen sind nicht exakt auf der gleichen Höhe platziert und scheinen darin zu schweben, das Auf und Ab des Wassers mitzumachen. Innen- und Aussenraum werden miteinander verbunden – oder der Innenraum durch die Aussenperspektive auf das Licht reflektierende Wasser erweitert.

Die untere Fläche ist jeweils farbig – gelbe, pinke und grüne fluoreszierende Tagesleuchtfarbe – und wird von weissem Licht angestrahlt. Weisses Licht kommt auch von Röhren an der Decke, die die überhängende Fläche strukturieren. Mit klaren Linien schafft Davi eine schwebend-leichte Atmosphäre, aber auch eine Assoziation von Leere. Über eine steile Holztreppe geht es in den mittleren Stock, zum White Cube. Im fensterlosen Raum bieten die Fotografien an den weissen Wänden Orientierung. Steht man aber vor ihnen, kann man sich darin verlieren. In der Mitte des Holzbodens ist eine violette Ecke aus Holz ein Fixpunkt, eine objektartige Markierung im Feld – Davi muss «Angle», wie die Arbeit heisst, noch schnell richtig platzieren.

Assoziation mit sinkendem Schiff

Die Bilder sind auf den ersten Blick und aus einer gewissen Distanz nicht sofort als Fotografien identifizierbar, sehen aus wie gemalt. Sie sei eigentlich keine Fotografin, sagt Davi fast ein bisschen entschuldigend. Was sie macht, ist das Gegenteil von Objektfotografie:

«Abstraktion ist mir wichtig. Ich suche die Verunklärung von Objekten.»

Dies erreicht sie durch Collagentechnik, Grössenverschiebungen – und Farbe, was relativ neu ist in ihrer Arbeit. Das Material wird derart abstrahiert, dass aus einer kleinen Scherbe ein Raum wird oder aus den Flächen und Linien von Holzleisten- und -platten. In einem Innenraum entstehen auf kleinster Fläche – in der Form eines Bildes – imaginäre Räume von grosser Tiefenschärfe. «Du malst mit Material», sagt die Kuratorin Annamira Jochim zur Künstlerin. Ein schönes Bild, das man gerne so stehenlässt.

Die Spiegel, die im Dachstock das Licht reflektieren, seien exemplarisch für Barbara Davis Arbeit, erklärt die Kuratorin weiter. Der dritte und letzte Ausstellungsbereich hat etwas Spielerisches, man spürt eine Art Bewegung. Durch das teils verdeckte Fenster ist der See zu erkennen, und es dringt Licht in den dreieckigen Raum. Er erinnert Davi an ein sinkendes Schiff. Der Dachstock sieht in der Tat aus wie ein umgedrehtes Schiff.

Verschmelzung zu einem atmosphärischen Ort

Aus dem Zusammenspiel von Spiegelungen, Lichtreflexen und Schattenspielen werden Reflexe der Fantasie, der Erinnerung. Man möchte durch die Ringe, die aussehen wie Hula-Hoop-Reifen, durch die «Tür» (eine Schublade vom Grossvater) und die Fenster (Holzrahmen) an geheime Orte vordringen; durch den Ring auf den violetten Kreis gelangen, der nur an einem Punkt Bodenhaftung hat wie ein modernes Spielgerät.

«Allzu erzählerisch soll die Installation nicht sein» sagt ­Barbara Davi mit einem Lächeln. «Man muss es nicht entschlüsseln können.» Der Gedankenraum solle anregen, ohne den Besuchenden eine Lesart aufzuzwingen. In ihm kommen verschiedene Elemente zusammen und schlagen den Bogen zu den anderen Räumen, werden zu einem atmosphärischen Ort. Das Haus, direkt am See gelegen: Was von aussen beschaulich wirkt, birgt im Innern irreale Räume und imaginäre Welten.

Hinweis: Barbara Davi: «Der Raum als Feld», bis 13. Juni im Benzeholz, Meggen. Öffnungszeiten: Do/Sa/So 14 bis 18 Uhr.

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