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MEGGEN/ENTLEBUCH: Er brachte rund 2000 Kinder zur Welt

Eduard Kloter, der frühere «Hasli-Tockter», wird heute 90. Fürs Internationale Rote Kreuz hat er einst in Krisengebieten gearbeitet. Solche Erlebnisse hat er in Literatur umgemünzt.
Evelyne Fischer
Seine Schriftzeugnisse füllen einen ganzen Tisch: Eduard Kloter (90) beim Signieren eines Buchs in seinem Zuhause in Meggen. (Bild Nadia Schärli)

Seine Schriftzeugnisse füllen einen ganzen Tisch: Eduard Kloter (90) beim Signieren eines Buchs in seinem Zuhause in Meggen. (Bild Nadia Schärli)

Evelyne Fischer

Am Hang ob Meggen dürfte es heute weniger ruhig sein als sonst. Grund dafür ist ein Pensionär am Kreuzbühlweg. Eduard Kloter. Der frühere Landarzt und Geburtshelfer zwischen Rothorn, Napf und Mittagsgüpfi feiert seinen 90. Geburtstag. Noch immer fährt er Auto, gönnt sich morgens einen Brunch, mittags trotz Altersdiabetes ein Stück Kuchen («davon darf mein Hausarzt aber nichts wissen») und abends ein Znacht mit Aperitif. Abgesehen von der Putzfrau, die alle zwei Wochen die Wohnung reinigt und die Wäsche erledigt, braucht er keine Hilfe. «Dafür bin ich dankbar», sagt Kloter, tief im Sessel sitzend. Schlohweiss ist sein Haar, die Hornbrille sitzt etwas schief.

über alle kontinente flieg ich hin, bin überall und nirgends zuhause, bekämpfe die angst vor dem feind, den groll, die tortur, verbinde wunden, die kriege schlagen ... («Le Délégué médecin CICR» in «mit den menschen sein», Eduard Kloter)

Die Regale hinter ihm zeichnen die Wege eines Weitgereisten nach. Bildbände zu afrikanischer Kunst stehen da, Skulpturen aus aller Welt. Der Blick durch das Fenster zeigt den Garten. Dass hohe Hecken die Sicht auf den See versperren, dürfte Kloter heute gerade recht sein: Eben hat er sein Segelschiff verschenkt. Dass ihm dies nicht leicht fiel, sieht man ihm an. Das Alter fordert seinen Tribut.

Immer «frontnah» im Einsatz

Eduard Kloter wird am 21. Juli 1926 in Basel geboren, als einziges Kind eines Stationsvorstands, die Mutter eine Nidwaldnerin. Während des Zweiten Weltkriegs wird er sich der Ortswehr zur Verfügung stellen, mit dem Langgewehr Treffsicherheit und Häuserkampf üben. Später studiert er Medizin, unter anderem in Basel, Wien und London. Arbeitet als Schiffsarzt, stellt Diagnosen vom Panamakanal bis nach Chile. Im Militär bringt er es bis zum Oberleutnant, ist Kursarzt in Gebirgs-WKs und Arzt im Platzkommando Napf. Immer «frontnah, admini­strationsfern», schreibt Kloter in einer Alumni-Schrift der Universität Basel.

Sechs Ärzte für 18 000 Entlebucher

1956 bewirbt sich der junge Arzt für eine Stelle in Hasle. «Die Praxis lag finanziell in Reichweite, zudem kannte ich die Region aus früheren Ferien bei meiner Tante, die in Schüpfheim eine Bäckerei führte», sagt Kloter. Seine 2012 verstorbene Gattin Cornelia übernimmt den Telefondienst, assistiert in der Praxis. Die Tage des «Hasli-Tockters» sind lang, zählen 60 bis 70 Konsultationen. Gegen 50 Geburten erwarten ihn pro Jahr.

Sechs Ärzte gibts für die 18 000 Einwohner. «Bis in die 70er-Jahre waren 80 bis 90 Wochenstunden keine Seltenheit», so Kloter. Etwas mehr Freizeit bringt das 1972 eröffnete Kreisspital Wolhusen sowie neue Praxen in Flühli und Marbach. «Als Landarzt war ich ein Generalist, kleine Operationen wie Wundversorgungen machte man gleich selbst.» Mit dem technischen Fortschritt und der Zeitnot habe der Allgemeinmediziner an Attraktivität verloren. «Heute gibts für alles einen Superspezialisten.» Bei den jetzigen «Stoppuhr-Konsultationen» verwundere es ihn nicht, dass es an Hausärzten mangle.

Über 20 Auslandeinsätze

Rund 2000 Kinder bringt Kloter in 30 Jahren zur Welt – darunter seine fünf eigenen und viele auch ausserhalb des Entlebuchs. Denn 1961 braucht das Schweizerische Rote Kreuz Ärzte für ein UNO-Spital im Kongo. Mangels einsatzwilliger FMH-Gynäkologen engagiert man Kloter. Fünf Jahre später klopft das Internationale Rote Kreuz (IKRK) an. Gesucht sind Arztdelegierte für Gefangenenbesuche und kriegschirurgische Eingriffe. 1966 folgt sein erster Einsatz in Vietnam. Nebst Tropenkrankheiten trifft er auf Typhus, Cholera und die Beulenpest. Darauf folgen Engagements in Ruanda, Bolivien, Libanon, Argentinien oder Ghana bis nach Afghanistan. Zwei bis zehn Wochen lang. Algerien macht 1992 den Abschluss.

warum darf ich nur trockne tränen weinen, die man nicht sieht, wenn ich die wunden pflege, die menschen schlugen mit granaten, peinigung und zwang, mit isolation? ... («Tränen?»)

«Egal, ob er in der Praxis oder auf einem anderen Kontinent arbeitete: Als Vater war er nicht sehr präsent» sagt Tochter Barbara Kloter Kuhn heute. Um etwas von ihm zu haben, ging sie als Primarschülerin mit auf Hausbesuch. «Bei schönem Wetter im VW Cabriolet.» War Eduard Kloter als IKRK-Delegierter unterwegs, erhielt er Zeichnungen seiner Kinder zugeschickt. «Mueti hielt daheim währenddessen die Stellung», erinnert sich die 55-Jährige, die in Obernau wohnt. «Arztvertretung, Praxisassistentin, Haushaltshilfe – alle waren bei uns untergebracht.» In der Küche reihte sich Rechaud an Rechaud. «Denn die in der Praxis kamen nie pünktlich zum Zmittag.»

Zur Feder gegriffen

Mit blutigen Erinnerungen reist Kloter von seinen Einsätzen ins Entlebuch zurück. Er behält sie für sich. Geheimhaltungspflicht des IKRK. Von 1978 an schreibt er lyrische Texte, veröffentlicht sie in Zeitschriften und Büchern. «Mein Weg, das Erlebte zu verarbeiten. Auszudrücken, was ich nicht frei sagen konnte.»

das wort nur stemmt sich gegen gewehre und macht, hilft ertragen tortur, die schwere der trennung, wenig licht in der nacht. ... («Macht der Ohnmacht»)

Mit Kniffen meistert er auch die Tücken des Alters. Neue Gesichter werden fotografiert. «Die Digitalkamera ist mein zweites Gehirn.» Und da das Hörvermögen nachgelassen hat, leitet er Telefonate auf den Anrufbeantworter um, hört diesen mehrmals ab, ruft dann zurück. Hoffentlich gibts darauf genug Speicherplatz. Am 90. Geburtstag dürfte es nicht nur an der Türe einige Male klingeln.

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