Mehr Kommerz statt Filmkunst im Bourbaki? Das Stattkino fühlt sich bedrängt

Das Bourbaki Kino erhält einen fünften Saal – auf Kosten des Stattkinos, das eine Kommerzialisierung fürchtet und nun weniger Filme zeigen kann.

Simon Mathis
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Die neue Vereinbarung zwischen Stattkino und dem Bourbaki Kino löst nicht nur Begeisterungsstürme aus. Im Bild: Die Plakatierung an der Wand des Bourbaki beim Löwenplatz.

Die neue Vereinbarung zwischen Stattkino und dem Bourbaki Kino löst nicht nur Begeisterungsstürme aus. Im Bild: Die Plakatierung an der Wand des Bourbaki beim Löwenplatz.

Bild: Jakob Ineichen (Luzern, 12. Februar 2020)

Ab dem 5. März hat das Bourbaki Kino einen Saal mehr. Die Neugass Kino AG mietet sich in den Saal des Vereins Stattkino ein, der sich Arthouse-Filmen verschrieben hat. Die entsprechende Medienmitteilung klingt sehr einträchtig: «Das Bourbaki Kino und das Stattkino spannen zusammen», heisst es da. Und: «Luzern darf sich auf mehr Filmkultur freuen.» Peter Leimgruber, Leiter des Stattkinos Luzern, sieht das neue Arrangement nicht so rosig. «In meinen Augen stimmt es nicht, dass sich die Neugass AG vermehrt den speziellen Filmen widmen will», sagt er auf Anfrage.

«Das Bourbaki Kino will noch mehr Kommerz machen mit Filmen, die das Stattkino nicht bekommt und auch nicht zeigen will.»

Das gehe klar auf Kosten des Arthouse-Programms: Ab März müsse das Stattkino auf sieben Abend-Aufführungen pro Woche verzichten. Das ist ein happiger Einschnitt: Zurzeit zeigt das Stattkino pro Abend im Schnitt zwei Filme.

Das Stattkino befände sich seit eineinhalb Jahren in Verhandlungen mit der Neugass Kino AG. «Ursprünglich habe ich mich mit Händen und Füssen gegen diese Idee gewehrt», so Leimgruber. «Mittlerweile habe ich eingelenkt.» Dies aber nicht ganz freiwillig: Die Neugass AG habe damit gedroht, dem Bourbaki Panorama als Aufführungsort den Rücken zu kehren. So habe das Unternehmen auch Druck auf die Bourbaki-Stiftung ausgeübt.

«Hätte ich nicht nachgegeben, gäbe es das Stattkino ab März nicht mehr», hält Leimgruber fest. Er betont allerdings, dass er sich nicht im Streit mit der Neugass AG befinde. «Wir haben uns mittlerweile gefunden, auch wenn ich die Vereinbarung nur zähneknirschend unterschrieben habe», so Leimgruber. «Ich bin zuversichtlich, dass wir aneinander vorbei kommen werden.» Er habe auch Verständnis dafür, dass die Neugass Kino AG als Unternehmen einer anderen Logik folgen müsse als der subventionierte Verein Stattkino.

Zu viele Filme für zu wenig Leinwände

Am Stattkino-Saal selbst soll sich nichts ändern, auch nicht an der charakteristischen Kasse im Untergeschoss. «Ein Bourbaki 5 wird es nicht geben», sagt der 71-jährige Leimgruber, der das Kino seit über 20 Jahren prägt. Ihm sei es in den Verhandlungen wichtig gewesen, den Charakter und das Ideal des Stattkinos aufrecht zu erhalten. Das sei im gelungen, deshalb habe er sich mit der Situation anfreunden könne.

«Wir mussten uns zusammenraufen. Ich bin nicht glücklich mit dieser Lösung, aber ich kann mit ihr leben.»

Dass bei den Verhandlungen mit harten Bandagen gekämpft wurde, will neben Leimgruber niemand so recht sagen. Es bestreitet aber auch niemand. Frank Braun, Programmleiter der Neugass Kino AG, sagt dazu: «Wir haben mit der Bourbaki-Stiftung diskutiert, wie wir im Bourbaki besser mit dem Überangebot an Arthouse-Filmen umgehen können. Die Stiftung hat das Anliegen aufgenommen und sowohl uns als auch das Stattkino motiviert, eine Zusammenarbeit zu finden.» Da viele Programmslots im Stattkino bisher nicht bespielt würden, habe sich diese Lösung für sämtliche Beteiligte als vorteilhaft erwiesen.

Nur: Weshalb braucht es überhaupt einen fünften Saal? «Die Entwicklung im Kinomarkt erfordert eine zusätzliche Leinwand», erläutert Frank Braun. «Immer mehr Filme drängen auf den Markt.» Das Kino Bourbaki könne sich teils vor Angeboten von Verleihern nicht retten. Denn: Es gibt viele Filme, die in Luzern nur vom Bourbaki abgedeckt werden können – weil sie bei Pathé oder Kitag deplatziert wären. Ziel sei es, nicht nur mehr Filme, sondern generell Filme länger zu zeigen. Dieser Wunsch werde von vielen Besuchern geäussert. «Das Publikum lobt unser Programm», so Braun. «Aber viele Zuschauer monieren, dass sie aufgrund kurzer Spieldauer Filme verpassen.»

Luzerner sind «Hype-resistenter»

Der Horrorfilm «The Lighthouse» etwa lief nur eine Woche lang täglich im Bourbaki; danach landete er in den Mitternachtsvorführungen. «Unser Publikum soll Filme über Wochen, und – wo angebracht – gar über Monate schauen können», wünscht sich Frank Braun. Die Mitbenutzung eines fünften Saals bringe in dieser Hinsicht Verbesserungen. 

«Viel mehr Filme können wir auch mit den zusätzlichen Vorführungen nicht zeigen. Es hilft in erster Linie, Filme weniger schnell abzuklemmen.» Das sei besonders in Luzern wichtig. Denn die Luzerner seien im Vergleich zu den Zürchern Hype-resistenter: «Hier rennt man nicht gleich ins Kino, wenn alle über einen Film reden.» Deshalb brauche es hier eine längere Anlaufzeit. Das neue Arrangement löse nicht alle Probleme, sei aber pragmatisch und nötig, findet Braun.

«Dass unser Programm aus der Perspektive des Stattkinos eher kommerziell anmutet, kann ich nachvollziehen», sagt Braun.

«Im Geiste ist das Bourbaki Kino mit dem Stattkino verwandt, als Unternehmen müssen wir aber anderen Spielregeln gehorchen.»

Die Neugass Kino AG sei bemüht, unter marktwirtschaftlichen Bedingungen die bestmögliche Qualität zu bringen. Was Peter Leimgruber als «Kommerz» bezeichne, sei für die Neugass Kino AG «anspruchsvoller Mainstream». Diese Öffnung zum Mainstream habe auch Vorteile: Sie ermögliche Besuchern, auch erfolgreichere Filme im Originalton zu sehen.

Bourbaki-Stiftung spricht von «Win-Win-Situation»

Die Kinoräume im Bourbaki Panorama sind im Besitz der Stiftung Bourbaki Panorama Luzern. «Wir sind überzeugt, dass diese Vereinbarung eine zukunftsorientierte Lösung für das gesamte Haus ist», sagt Stiftungsratspräsidentin Beatrice Richard-Ruf, die auch FDP-Landrätin in Nidwalden ist. «Unserer Meinung nach handelt es sich um eine Win-Win-Situation für alle: für die Betreiber und die Zuschauer.» Wie es zur jetzigen Vereinbarung kam, kann Richard nicht näher ausführen; das sei eine Sache gewesen zwischen der Neugass AG und dem Stattkino.

Der Mietvertrag mit dem Stattkino laufe per April 2020 aus und soll verlängert werden, so Richard-Ruf. Der Stiftungsrat habe mit dem Ziel, die räumlichen Bedürfnisse beider Kinos zu befriedigen, den Dialog der beiden Kinobetreiber angestossen. «An den Gesprächen zur Nutzung gemeinsamer Synergien und der Kooperation war die Stiftung nicht beteiligt», so Richard-Ruf.

Die Vereinbarung zwischen den beiden Kinos dauert drei Jahre. In zwei Jahren will man die Entwicklung analysieren und allenfalls Anpassungen vornehmen.

Blick ins Kino Bourbaki.

Blick ins Kino Bourbaki. 

Bild: Pius Amrein, Luzern, 17. März 2017
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