Mensch oder Maschine: Wer kriegt in Zukunft die Jobs? 

Digitalisierung – Automatisierung – Künstliche Intelligenz: Sie gehören zu den derzeit grössten Hype-Themen. Wie aber beobachtet man den technischen Fortschritt in unserer Region? Exponenten aus Forschung, Wirtschaft und Gewerkschaft geben Einblicke.

Ismail Osman
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Digitalisierung der Arbeitswelt: Zu was befähigen wir die Maschinen und wie profitieren wir davon? (Illustration: Lea Siegwart)

Digitalisierung der Arbeitswelt: Zu was befähigen wir die Maschinen und wie profitieren wir davon? (Illustration: Lea Siegwart)

Kein Tag vergeht, an dem nicht eine Studie oder ein Bericht erscheint, der wahlweise das verpixelte Blaue vom Himmel verspricht oder Massenarbeitslosigkeit durch eine imminente Automatisierungsapokalypse prophezeit. Schlagwörter wie Digitalisierung, Industrie 4.0 oder Automatisierung sind in aller Munde – abschliessende Deutungshoheit dieser Begrifflichkeiten hat jedoch noch niemand erlangt. Soviel steht fest: Drehten sich die Diskussionen früher darum, dass Maschinen die Muskelkraft von Arbeitern ersetzten, wird heute vermehrt über die Ersetzbarkeit von Denkarbeit – und die damit verbundenen Veränderungen in Wirtschaft und Gesellschaft – spekuliert. Auch in der Zentralschweiz wird der Strukturwandel aus verschiedensten Blickwinkeln beobachtet. Im Folgenden vier Stimmen aus der Region.

Der Forscher

Was Marc Pouly tut, jagt manchen Menschen Angst ein: Er bringt Maschinen das Lernen bei.

Pouly ist Studiengangleiter Master of Science in Engineering am Departement Informatik der Hochschule Luzern in Rotkreuz. Zusammen mit seiner Forschungsgruppe setzt er sich mit dem Thema «Machine Learning» (zu deutsch: Maschinelles Lernen) auseinander. Vereinfacht heisst das: Ein Computerprogramm lernt aus vorgegebenen Beispielen zu einem x-beliebigen Thema. Im Chaos der eingespeisten Daten beginnt das Programm, Strukturen und Gesetzmässigkeiten zu erkennen. In einem nächsten Schritt kann das Programm aus der «Erfahrung» gewonnenes Wissen nutzen und Dinge reproduzieren.

Ein amüsantes Beispiel aus Poulys «Forschungsküche»: künstlich generierte Horoskope. Werden dem System genug viele typische Tageshoroskope zugetragen, beginnt es, die Muster, die sich in solchen Texten unweigerlich wiederholen, zu erkennen. Hat das Programm mehrere hundert solcher Horoskope «verinnerlicht», kann es pfannenfertige Horoskope generieren, die von jenen aus der Feder der Astrologin kaum zu unterscheiden sind. «Aber kann ein Programm auch kreativ sein?», fragt Pouly und liefert ein Beispiel «maschineller» Kreativität: Nach dem «Betrachten» einer Unmenge von Bildern von Gemüsesorten brachte Poulys Team ein Programm dazu, selbst Bilder von neuen Gemüsesorten zu entwerfen. Die Resultate schmeicheln zwar nicht alle dem Auge, könnten rein optisch betrachtet aber durchaus existieren.

Poulys Forschungsteam fokussiert sich auf industrielle Anwendungen solcher lernfähigen Systeme. Seit rund fünf Jahren arbeiten sie etwa an einem selbstlernenden Computerprogramm zur Erkennung und Quantifizierung von Hautkrankheiten auf Fotos. «Die nächste Generation solcher Systeme wird zur Diagnose gleich den dazugehörigen medizinischen Bericht verfassen», so Pouly. Zum Nachteil des menschlichen Arztes, würden Skeptiker einwenden. «Viele Ärzte würden sich gerne bei der täglichen Berichterstattung entlasten lassen und stattdessen mehr Zeit beim Patienten verbringen», hält Pouly dagegen und fügt an:

«Die Künstliche Intelligenz hat ein grosses Potenzial, uns vor allem die Arbeit abzunehmen, welche wir nicht machen möchten.»

Pouly habe auch grosses Verständnis dafür, dass Ängste gegenüber Themen wie Künstlicher Intelligenz bestehen: «Als Gesellschaft tendieren wir dazu, höher zu gewichten, was sich verändert hat und was verschwunden ist, statt was entstanden ist.» Pouly macht ein Beispiel: «Als Mitte der 90er-Jahre die E-Mail sich zunehmend als Kommunikationsweg etablierte, sah man schon das Ende des Berufs des Postboten voraus. Den Pöstler gibt es heute noch – wahrscheinlich tatsächlich nicht mehr in gleicher Anzahl – das Berufsbild des Web-Designers konnte man vor der Geburt des Internets jedoch kaum voraussehen. Und ich würde behaupten, dass es heute mehr Web-Designer gibt als arbeitslose Pöstler», so Pouly. Die Künstliche Intelligenz werde unsere Berufsbilder nachhaltig verändern. «Daraus jedoch auf eine Massenarbeitslosigkeit zu schliessen, empfinde ich als sehr pessimistisches Weltbild.» Der Begriff «Künstliche Intelligenz» werde teilweise aber auch unnötig mystifiziert. «Auch die Rechtschreibhilfe Ihres Texterfassungsprogramms ist ein Produkt früher KI-Forschung: Es erkennt anhand von statistischen Mustern, welches Wort Sie wahrscheinlich eigentlich gemeint haben.» Lösungen mittels Künstlicher Intelligenz können sehr niederschwellig sein, sagt Pouly. Gerade KMUs rät er, schnell Bekanntschaft mit dem Thema KI zu machen. «Wer die Chancen darin erkennt, kann heute mit geringem Budget und Risiko enorm viel erreichen.»

Der Wirtschaftsförderer

In diese Richtung geht etwa die Plattform «Digital Zentralschweiz» in der Region Sursee-Mittelland. «Diese soll die Innovationskraft der KMUs im digitalen Kontext fördern», erklärt Andreas Zettel von der Wirtschaftsförderung Luzern, welche sich an der Plattform beteiligt. Mittels Workshops und Informationsveranstaltungen wird versucht, bei Unternehmen und Gewerbevereinen in der Region Aufklärungsarbeit zu leisten. Die Pilotphase startete vergangenes Jahr und wurde noch bis mindestens Ende dieses Jahres verlängert. «Aus unserer Sicht ist das Pilotprojekt gelungen, weil es auf die konkrete Handlungsebene abzielt und den Unternehmen anhand von ersten – manchmal einfachen – Umsetzungsprojekten aufzeigt, dass die neuen digitalen Möglichkeiten eben auch Chancen bieten, welche es zu nutzen gilt», sagt Zettel. «Der Strukturwandel ist im generellen Bild nicht revolutionär, sondern evolutionär. Auch wenn er voraussichtlich noch an Tempo und Dynamik zunehmen wird, kommt er in der Regel nicht überraschend. Das bringt den Unternehmen die Gelegenheit, sich aktiv fit zu machen, um die Chancen und Potenziale zu nutzen.» Jede Unternehmung sei strategisch und operativ gefordert, ihr Geschäftsmodell und ihre Prozesse zu hinterfragen und in Richtung Zukunftsfähigkeit weiterzuentwickeln. «Die Formen der Organisationen und somit der Arbeitsplätze folgen diesen strategischen und operativen Anpassungen, sagt Zettel und ergänzt:

«Auch die Arbeitskräfte sind gefordert, sich an die neuen Bedürfnisse anzupassen.»

Der Gewerkschafter

«Wir müssen die Arbeitnehmerinnen und Arbeitnehmer im Zusammenhang mit Industrie 4.0 befähigen, auch in neuen Bereichen arbeiten zu können», sagt Giuseppe Reo von der Gewerkschaft Unia.

«Das braucht auch bei den Arbeitgebern ein Umdenken, damit frühzeitig erkannt wird, dass solche Massnahmen notwendig sind und ergriffen werden müssen.»

Die Digitalisierung in den Unternehmungen müsse sozialgerecht und arbeitnehmerfreundlich gestaltet werden. Es müsse das Interesse aller beteiligten Sozialpartner und der Kantone sein, die Arbeitnehmerinnen und Arbeitnehmer auf die Digitalisierung vorzubereiten und zu schulen und weiterzubilden sagt Reo. «Nur so können wir diese Herausforderung meistern und Arbeitsplätze in der Schweiz sichern.»

Die Regierung

Auch die Luzerner Regierung musste schon Stellung dazu nehmen, wie sie die fortschreitende Digitalisierung beobachtet. In einer Anfrage wollte der Grüne Kantonsrat Urban Frye unter anderem wissen, wie die Regierung der «möglichen grossen Zunahme an Menschen ohne Erwerbsarbeit» begegnen will. Diese zeigt sich optimistisch: «Wir gehen nicht davon aus, dass langfristig eine grosse Zunahme an Menschen ohne Erwerbsarbeit zu verzeichnen sein wird.» Es werde jedoch eine noch stärkere Verlagerung der Erwerbsarbeit in den Dienstleistungssektor stattfinden, weil die Digitalisierung den Menschen die Möglichkeit eröffnet, mehr Dienstleistungen in Anspruch zu nehmen. Die Regierung kommt zu folgendem Schluss: «Wir glauben, dass damit einerseits Wirtschaftskraft und Wohlstand steigen wird. Andererseits müssen die Erwerbstätigen in Zukunft – um das gleiche Einkommen zu erzeugen – langfristig weniger Arbeit aufwenden. Beides wird die Nachfrage nach Dienstleistungen steigern und damit neue Arbeitsplätze schaffen.»

Studie löste Debatte aus

(io) Die Sorge von Maschinen abgelöst zu werden reicht zwar schon bis ins frühe 19. Jahrhundert zurück. Die aktuellen Diskussionen nahmen aber im Jahr 2013 Fahrt auf. Damals erschien die erste Fassung einer Oxford-Studie, welche 47 Prozent aller Jobs in den USA durch die Digitalisierung in Gefahr sah. Die Methodik, die zu dieser Zahl führte, ist mittlerweile höchst umstritten. Die Diskussion über die Beschäftigungswirkungen der Digitalisierung, welche die Studie losgetreten hatte, war aber dennoch legitim.
Seither ist eine Flut von Studien mit unterschiedlichsten Prognosen erschienen. Zuletzt machte jene des Institutes zur Zukunft der Arbeit (IZA) Schlagzeilen: Diese befindet, dass die Automatisierung in Europa zwischen 1999 und 2010 zwar rund 1,6 Millionen Jobs kostete – jedoch gleichzeitig rund 3 Millionen neue Jobs generierte. Bereits 2017 erschien ein Bericht des Bundesrates, wonach der Strukturwandels in den vergangenen 20 Jahren in der Schweiz rund 350 000 Stellen kostete, während 860 000 neue Stellen geschaffen wurden. Der Bund rechnet damit, dass in den nächsten Jahrzehnten etwa 11 Prozent der Stellen wegfallen könnten. Gleichzeitig geht man davon aus, dass die Digitalisierung wiederum neue Beschäftigungsmöglichkeiten und zu einem «gesamtwirtschaftlichen Beschäftigungsanstieg» führen wird.  

Die Zukunft der Zentralschweiz ist digital

Zug und Luzern machen derzeit in Sachen Digitalisierung – in all ihren Formen – gehörig vorwärts. Möglicherweise hat man das lang ersehnte wirtschaftliche Standbein gefunden, auf das die gesamte Region bauen kann.
Ismail Osman

Wie emotional sollen Roboter werden?

Meia Chita-Tegmark (33) ist Mitgründerin des Future of Life Institutes in Boston. Als Psychologin und Philosophin forscht sie, wie sich Technologie und künstliche Intelligenz auf die Menschheit und ihren Alltag auswirken.
Interview: Edith Arnold