MENZNAU: «Wir sind keine Richter, sondern Helfer»

Seit der Bluttat vom Mittwoch betreut ein Care-Team Angehörige und Arbeitskollegen. Leiter Hans-Peter Vonarburg weiss, wie es den Betroffenen und auch der Familie des Täters geht.

Interview Aleksandra Mladenovic
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Care-Team-Leiter Hans-Peter Vonarburg und eine Kollegin (beide mit blauer Weste) am Mittwoch am Einsatzort bei der Kronospan in Menznau. (Bild: Urs Flüeler / Keystone)

Care-Team-Leiter Hans-Peter Vonarburg und eine Kollegin (beide mit blauer Weste) am Mittwoch am Einsatzort bei der Kronospan in Menznau. (Bild: Urs Flüeler / Keystone)

Hans-Peter Vonarburg, was haben Sie vorgefunden, als Sie am Mittwoch vor Ort eingetroffen sind?

Hans-Peter Vonarburg: Chaos. Angekommen bin ich etwa eine halbe Stunde nachdem der erste Anruf bei der Notrufzentrale eingegangen war. Während der ersten Stunde mussten wir erst die Fäden aufnehmen und eine Übersicht darüber gewinnen, was bei der Kronospan überhaupt los war. Die Polizei und Mediziner waren im Einsatz, und bald waren auch schon die ersten Journalisten vor Ort.

Waren die Zeugen noch in der Kantine und der Werkstatt?

Vonarburg: Nein, sie wurden bereits von der Sanität in einen separaten Raum geführt. Dort haben wir uns dazugesetzt und versucht, mit ihnen ins Gespräch zu kommen.

Waren die Leute denn überhaupt ansprechbar?

Vonarburg: Die Leute waren natürlich ausser sich. Haben Sie am Mittwoch jemanden getroffen, der nicht schockiert war? Die Leute sind mit der Situation aber unterschiedlich umgegangen – der eine war sehr traurig, der Zweite war sehr wütend, während ein Dritter keinen Laut von sich gab. Die Leute waren auch unterschiedlich stark betroffen: Während einige die Tat aus nächster Nähe miterlebt hatten, befanden sich andere zum Beispiel in anderen Räumen. Man muss sehr behutsam mit den Leuten umgehen, dann sind sie durchaus ansprechbar.

Mauro Capozzo, CEO der Kronospan, verlässt nach dem Gedenkgottesdienst die Kirche. (Bild: Eveline Beerkircher / Neue LZ)
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Blumen erinnern vor der Kirche an das tragische Schicksal. (Bild: Eveline Beerkircher / Neue LZ)
Trauernde beschrifteten in der Kirche Holzspäne mit persönlichen Gedanken. Nach dem Gottesdienst werden diese vor der Kirche verbrannt. (Bild: Eveline Beerkircher / Neue LZ)
Mehrere Hundert Trauernde versammelten sich nach dem Gottesdienst vor der Kirche. (Bild: Eveline Beerkircher / Neue LZ)
Regierungsrat Robert Küng aus Willisau und Kantonsratspräsident Urs Dickerhof verlassen die Kirche St. Peter und Paul. (Bild: Eveline Beerkircher / Neue LZ)
Regierungsrat Guido Graf beantwortet nach dem Trauergottesdienst Fragen der Medien. (Bild: Eveline Beerkircher / Neue LZ)
Die Trauergemeinde vor der Kirche St. Peter und Paul in Willisau. (Bild: Leser Mhill Mirakaj)
Vor dem Gottesdienst werden in der Kirche St. Peter und Paul Blumen aufgestellt. (Bild: Keystone)
Regierungspräsident Guido Graf schreitet zum Gottesdienst. (Bild: Eveline Beerkircher / Neue LZ)
Trauernde auf dem Weg zum Gottesdienst. (Bild: Eveline Beerkircher / Neue LZ)
Mauro Capozzo, CEO der Kronospan, vor der Kirche. (Bild: Eveline Beerkircher / Neue LZ)
Urs Fluder, Konzernleitungsmitglied der Kronospan, auf dem Weg zur Kirche. (Bild: Eveline Beerkircher / Neue LZ)
Blumen vor der Kirche erinnern an die Tat. (Bild: Eveline Beerkircher / Neue LZ)
Vor dem Eingang der Firma Kronospan in Menznau liegen Blumen und Kerzen. Die Fahnen wehen auf Halbmast. (Bild: Eveline Beerkircher / Neue LZ)
Das Dorf Menznau. (Bild: Keystone)

Mauro Capozzo, CEO der Kronospan, verlässt nach dem Gedenkgottesdienst die Kirche. (Bild: Eveline Beerkircher / Neue LZ)

Wie viele Leute mussten betreut werden?

Vonarburg: Zwischen 20 und 25. Es waren immer fünf bis sieben Personen vom Care-Team im Einsatz.

Wie lange sind alle noch auf dem Areal der Kronospan verblieben?

Vonarburg: Nicht lange. Gegen Mittag wurden sie von der Polizei zur Mehrzweckhalle in Menznau gebracht. Es war unser Ziel, die Leute relativ rasch aus dem Bereich herauszubringen, wo die Tat verübt wurde. Denn an diesem Ort werden sie zu stark an das Geschehene erinnert.

Ging es den Leuten besser, nachdem sie das Areal verlassen konnten?

Vonarburg: Die Stimmung war trotzdem noch sehr angespannt. Es war aber wichtig, dass die Leute noch in der Gruppe bleiben und das gemeinsame schreckliche Erlebnis miteinander teilen. Wenn die Leute anfangen, darüber zu reden, löst sich die Anspannung etwas.

Ein Leichenwagen verlässt am Mittwochabend das Firmengelände der Kronospan in Menznau. (Bild: Manuela Jans / Neue LZ)
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Die Einsatzleitung der Luzerner Polizei beim Verlassen der Kronospan. (Bild: Manuela Jans / Neue LZ)
Ein Auto wird vom Kriminaltechnischen Dienst abtransportiert. (Bild: Keystone)
Ein Polizist bei der Spurensicherung. (Bild: Keystone)
Polizeikommandant Beat Hensler (links) und Daniel Bussmann, Chef der Kriminalpolizei Luzern. (Bild: Boris Bürgisser / Neue LZ)
Grosses Medieninteresse im Pfarrsaal in Menznau. (Bild: Boris Bürgisser / Neue LZ)
Urs C. Fluder, Konzernleitungsmitglied: «Wir sind schockiert». (Bild: Keystone)
Mauro Capozzo, CEO der Kronospan: «Logischerweise werden wir jetzt die Produktion herunterfahren. Wir brauchen jetzt Zeit, um das Ganze zu verarbeiten». (Bild: Keystone)
Daniel Bussmann, Chef der Luzerner Kriminalpolizei, erscheint zur Medienkonferenz: «Der Amokläufer richtete seine Waffe, eine Pistole, ganz gezielt auf Personen.» (Bild: Keystone)
Care-Team im Einsatz am mutmasslichen Tatort. (Bild: Keystone)
Vor Ort bei der Kronospan war ein Grossaufgebot der Polizei. (Bild: Boris Bürgisser / Neue LZ)
Bild: Boris Bürgisser / Neue LZ
Bild: Boris Bürgisser / Neue LZ
Bild: Boris Bürgisser / Neue LZ
Bild: Boris Bürgisser / Neue LZ
Bild: Boris Bürgisser / Neue LZ
Bild: Boris Bürgisser / Neue LZ
Bild: Boris Bürgisser / Neue LZ
Bild: Boris Bürgisser / Neue LZ
Bild: Boris Bürgisser / Neue LZ
Bild: Boris Bürgisser / Neue LZ
Die Polizei ist mit einem Grossaufgebot vor Ort im Einsatz. (Bild: Keystone)
Einsatzkräfte der Polizei verlassen das Firmengelände. (Bild: Keystone)
Mehrere Blaulichtorganisationen waren im Einsatz. (Bild: Keystone)
Die Schussabgabe ereignete sich gemäss Polizei kurz nach 9 Uhr auf dem Firmengelände. (Bild: Keystone)
Die Polizei richtete eine Hotline für Angehörige ein (041 248 83 83). (Bild: Keystone)
Die Firma Kronospan in Menznau ist ein grosser Holzverarbeitungsbetrieb in der Region. (Bild: Keystone)
Gemäss Polizei wurden beim Gewaltdelikt sieben Personen verletzt, einige von ihnen schwer. (Bild: Handy Boris Bürgisser / Neue LZ)
Firmenlogo der Kronoswiss in Menznau. (Bild: Keystone)
Die Firma Kronospan in Menznau. (Bild: PD)

Ein Leichenwagen verlässt am Mittwochabend das Firmengelände der Kronospan in Menznau. (Bild: Manuela Jans / Neue LZ)

Wann konnten Sie die Betroffenen nach Hause schicken?

Vonarburg: Wir schicken niemanden weg. Irgendwann kommt der Punkt, an dem die Leute wieder allein sein wollen. Dann lässt man sie gehen. Wir sind am Mittwoch bis zirka 21.30 Uhr in der Mehrzweckhalle verblieben. Gestern waren wir seit 7.30 Uhr wieder vor Ort, und heute sind wir ebenfalls wieder in Menznau. Die Leute kommen immer wieder her, um zu reden.

Bis wann werden Sie vor Ort im Einsatz sein?

Vonarburg: Solange der Bedarf besteht.

Wie geht es den Betroffenen denn inzwischen?

Vonarburg: Man kann nicht sagen, dass es ihnen tatsächlich besser geht als am Mittwoch. Es ist ein Wechselbad der Gefühle. Die Betroffenen werden durch die Medien und Gespräche immer wieder an den Amoklauf erinnert und erfahren auch Neues, das starke Emotionen auslösen kann.

Der Täter hinterlässt eine Frau, zwei Töchter und einen Sohn. Wie geht es der Familie?

Vonarburg: Das können Sie sich ja wahrscheinlich vorstellen.

Sie werden also auch von Ihnen betreut?

Vonarburg: Selbstverständlich. Wir sind keine Richter, sondern helfen den Menschen, die Hilfe brauchen. Die Hinterbliebenen des Täters brauchen jetzt genauso unseren Beistand wie die Mitarbeiter, die während des Amoklaufs vor Ort waren.

In welcher Form wird die Familie vom Care-Team betreut?

Vonarburg: Die Situation ist natürlich heikel. Wir können die Familie ja nicht mit den betroffenen Mitarbeitern zusammenbringen. Leute aus dem Care-Team waren dabei, als der Familie die Todesnachricht von der Polizei überbracht wurde. Seither stehen wir mit der Familie in Kontakt und helfen bei Bedarf. Mehr kann ich Ihnen zur Familie des Täters nicht sagen.

Was raten Sie den Betroffenen?

Vonarburg: Sie müssen sich auf das Er­eignis, die Wut, die Trauer und die Sprachlosigkeit einlassen, um lernen zu können, damit umzugehen. Es gibt aber kein Rezept, wie man mit so etwas umgeht.

Wie haben Sie die letzten Tage persönlich erlebt?

Vonarburg: Es war ein Chrampf – eine Bergtour. Wir waren mit allen Fasern unseres Körpers im Einsatz. Es ist sehr traurig, was passiert ist. Aber ich war auch beeindruckt von der Solidarität und etwa davon, wie viele Leute von der Kronospan dem Gottesdienst in Willisau beigewohnt haben.

Hinweis

Hans-Peter Vonarburg ist Gemeindeleiter der Pfarrei Bruder Klaus in Emmen und leitet das Care-Team, das seit dem Amoklauf in Menznau von Mittwochmorgen die Betroffenen betreut.