Bildstrecke

Menznauer Schuhmacherin:
Nach 111 Jahren hat es sich ausgelaufen

Im Februar schliesst Frieda Fölmli ihre Schuhmacherwerkstatt in Menznau. Diesen hat sie in dritter Generation über 30 Jahre geführt.

Sasa Rasic
Drucken
Teilen

Der wohlige Geruch des gegerbten Leders, eine Vielzahl von Geräten diversen Alters und bestens unterhaltene Werkzeuge, die deutlich neuer aussehen, als sie sind. Alles so arrangiert und mit handbeschriebenen Etiketten versehen, dass aus dem knappen Platz in der Schuhwerkstatt das Maximum herausgeholt wird.

Bereits in Sekunden bemerken auch Laien: Dieser Raum strotzt vor fachmännischem Können, das über Jahrzehnte verfeinert wurde – dem Hämmern, Nähen, Spannen. Eine Handwerkstradition, die nun nach 111 Jahren und drei Generationen zu Ende geht. Frieda Fölmli schliesst im Februar ihren Schuhladen «gangart» in Menznau inklusive ihrer dazugehörigen Werkstatt.

«Vielleicht holt mich die Traurigkeit doch noch ein»

«Ist es das?», antwortet Frieda Fölmli lächelnd auf den traurigen Anlass der Geschäftsschliessung angesprochen, und lässt ihren Blick in die Weite schweifen, wie sie es im Gespräch einige Male macht, wenn sie in sich geht. Die 63-Jährige erzählt, dass ihr Entscheid das Ergebnis eines gut zweijährigen Prozesses ist. Seit über 30 Jahren führt sie ihren Kleinbetrieb und bereits zuvor hat sie bei ihrem Vater mitgearbeitet, in der Werkstatt, die ihr Grossvater 1909 gegründet hatte. Nun sei sie schon etwas müde und sie spüre das langsame Nachlassen der Kräfte bei der Bewältigung von Arbeiten im und ums Haus. Das bewegt sie dazu, das Haus zu verkaufen, in welchem sie arbeitet und wohnt. «Vielleicht holt mich die Traurigkeit ja doch noch ein», sagt sie nachdenklich. Fehlen werden ihr sicher ihre Kunden: «Meine Schuhe sind nicht etwas, was man einfach in fünf Minuten kauft. Ich gehe auf die Kunden ein und so haben sich im Lauf der Jahre freundschaftliche Beziehungen ergeben.»

Frieda Fölmli in ihrer Werkstatt. Bild: Jakob Ineichen (Menznau, 20. November 2019)
7 Bilder
Eindrücke aus Frieda Fölmlis Werkstatt. Bild: Jakob Ineichen (Menznau, 20. November 2019)
Eindrücke aus Frieda Fölmlis Werkstatt. Bild: Jakob Ineichen (Menznau, 20. November 2019)
Eindrücke aus Frieda Fölmlis Werkstatt. Bild: Jakob Ineichen (Menznau, 20. November 2019)
Eindrücke aus Frieda Fölmlis Werkstatt. Bild: Jakob Ineichen (Menznau, 20. November 2019)
Eindrücke aus Frieda Fölmlis Werkstatt. Bild: Jakob Ineichen (Menznau, 20. November 2019)
Frieda Fölmli  in ihrer Werkstatt. Bild: Jakob Ineichen (Menznau, 20. November 2019)

Frieda Fölmli in ihrer Werkstatt. Bild: Jakob Ineichen (Menznau, 20. November 2019)

Doch sie sieht keine langfristige Zukunft für ihr Geschäft und dem Finden einer Nachfolgerin oder eines Nachfolgers: «Von sechs Geschwistern habe nur ich diesen Weg eingeschlagen. Und ich bin alleine.» Dabei liegt der Familie das Handwerk faktisch in den Genen. Beide Grossväter waren Schuhmacher in Menznau. Und bevor die Fölmlis in Menznau sesshaft wurden, waren sie bereits, wie es früher üblich war, von Hof zu Hof unterwegs, um ihre Fertigkeiten bei Landwirten anzubieten. Damals gab es noch keinen Leim – alles wurde genäht oder genagelt. Den Original-Hammer des Grossvaters benutzt sie übrigens noch immer und schätzt ihn besonders. «Einmal habe ich ihn verlegt – das war gar nicht gut.»

Das Paradox der Nachhaltigkeit

Das Berufsbild ist schon seit Jahrzehnten im Wandel. «Mein Vater hatte von Kinderfinken bis zum Skischuh alles im Angebot», sagt Frieda Fölmli. Früher wurde halt erwartet, dass der lokale Schuhladen alle Bedürfnisse der Bevölkerung abdeckt. Und es wird zunehmend schwieriger, den Betrieb am Leben zu erhalten. «Man kann eigentlich sagen, dass meine Hauptkundschaft zusammen mit mir gealtert ist», sagt sie leicht wehmütig. Es sei eigentlich paradox, führt sie aus: «Alles spricht von Nachhaltigkeit, aber Schuhe sind für viele zu billigen Wegwerfprodukten geworden.» Es passiere auch, dass jemand mit bestem Wille den Absatz auf solchen Schuhen ersetzt haben will, aber das lohne sich kaum. «Wenn ich ihn dreimal umdrehe, kostet das mehr als der Schuh», sagt sie. Aus ihrer Sicht werden Schuhe und ihre Bedeutung für die Gesundheit kaum beachtet: «Die Füsse sind leider einfach zu weit vom Kopf weg.»

Manchmal erwischt sie sich selbst, wie sie als Fussgängerin auf die Schuhe ihrer Mitmenschen blickt. «So viele könnten Schmerzen und Fehlstellungen vermeiden. Oder bedenklich finde ich auch Geschäftsmänner mit teuren Anzügen – aber abgelaufenen Schuhen», erzählt sie. Es schmerzt sie sogar so sehr, dass sie jeweils den Kopf wegdrehen muss, wenn jemand in ihrem Geschäft seine Füsse in die Schuhe «reinwürgt». «Ein Schuhlöffel bedeutet auch Respekt», sagt Frieda Fölmli überzeugt.

Auch Kultur wurde in ihrer «gangart» mit Ausstellungen und weiteren Anlässen grossgeschrieben. Zur Schliessung am 29. Februar soll in diesem Rahmen zuletzt auch noch ein neues Buch namens «friedas gangarten» vorgestellt werden. Auf dem Klappentext steht: «111 Jahre lang haben die Fölmlis im Napfbergland Schuhe repariert. 111 Jahre, nachdem ihr Grossvater seine eigene Schuhmacherwerkstatt in Menznau eröffnet hat, legt Frieda Fölmli die Leisten für immer weg.» Das Buch hat 111 Seiten mit je 111 Wörtern.

Von Schuhen kann sie doch nicht ganz die Finger lassen

Das Thema Schuhe bleibt in Frieda Fölmlis Leben jedoch erhalten. Ab März nimmt sie eine Aufgabe im neuaufgehenden Schuhcafé Caspar ihrer Kollegin Christina Büchi ennet der Kantonsgrenze in Huttwil an. Wie der Name schon sagt, soll das Lokal mehr als ein Schuhgeschäft werden – es soll ein Treffpunkt werden, der etwas den Flair eines Wiener Kaffeehauses versprüht.

Die Schuhe hängt Frieda Fölmli also doch nicht ganz an den sprichwörtlichen Nagel.