Vielen Dank für Ihre Registrierung. Sie haben den Aktivierungslink für Ihr Benutzerkonto per E-Mail erhalten.

Vielen Dank für Ihre Anmeldung.

MIGRATION: «Ich werde bis zu meinem Tod studieren»

Vier Flüchtlinge haben Schnupperkurse an der Uni Luzern besucht. Einer von ihnen wird im Herbst ein Studium beginnen – als erster Flüchtling an dieser Uni. Für den Sri Lanker wäre es aber nicht das erste Diplom.
Chamira Nilanga Samarasinghe (45) im Treppenhaus der Uni Luzern. (Bild: Jakob Ineichen (Luzern, 28. Juli 2017))

Chamira Nilanga Samarasinghe (45) im Treppenhaus der Uni Luzern. (Bild: Jakob Ineichen (Luzern, 28. Juli 2017))

Noch während Chamira Nilanga Samarasinghe beim Treffen auf seinen Cappuccino wartet, beginnt er von seiner Vergangenheit und der Flucht aus seinem Heimatland Sri Lanka zu erzählen. Was er erzählt, hört sich wie ein filmreifer Krimi an: In Colombo, Sri Lankas Hauptstadt, führte der 45-jährige Arzt mit seiner Ehefrau Thushara und ihren gemeinsamen drei Kindern zunächst ein sicheres, privilegiertes Leben.

Doch das änderte sich, als Samarasinghe zum Geschäftsleiter der nationalen Aufsichtsbehörde für Drogen wurde: «Plötzlich war ich dem Zorn der mächtigen Drogenbarone Sri Lankas ausgeliefert, die alles daran setzten, meiner Tätigkeit schnell ein Ende zu setzen», sagt er.

Vom Arzt zum Student

Es folgten Morddrohungen und ein Entführungsversuch seiner halbwüchsigen Kinder. «Als ich begriff, dass selbst meine Kinder in Gefahr waren, entschied ich mich, Sri Lanka mit meiner Familie zu verlassen.» Rasch schrieb er mehrere Botschaften in Colombo an und bat sie um politisches Asyl. Die Schweizer Botschaft antwortete als Erste. «Knapp zwei Wochen später waren wir schon hier. Dass wir nicht nach Sri Lanka zurückgehen würden, wussten meine Kinder zuerst nicht.» Seit Februar 2016 lebt die Familie Samarasinghe im Kanton Luzern. Thushara, die in Sri Lanka Apothekerin war, widmet sich im Moment ganz ihren Kindern, die in Kriens inzwischen zur Schule gehen.

Chamira Samarasinghe, der sehr ausschweifend erzählt, muss während des Gesprächs daran erinnert werden, dass es dabei auch um sein Studium an der Universität Luzern gehen soll. Der Arzt ist einer von vier Flüchtlingen, die im Frühling an einem Schnupperstudium der Universität Luzern teilgenommen haben (siehe Kasten). Im Herbstsemester wird er sein Masterstudium in Health Sciences beginnen, ein Studiengang, der das Thema Gesundheit aus einer interdisziplinären ­Perspektive beleuchtet. Samara­singhe ist damit der erste Flüchtling, der an der Universität Luzern studieren wird.

Er nickt und sagt: «I will study until my death.» Zu Deutsch: «Ich werde bis zu meinem Tod studieren.» Das Studium, erklärt er, sei für ihn nicht bloss ein notwendiger Schritt, um später eine Arbeit zu finden, sondern eine lebenslange Aufgabe, die ihm Spass mache. So habe er im Frühling auch Kurse in ganz anderen Bereichen besucht, zum Beispiel Rechtswissenschaften. «Bevor ich richtig mit den Kursen angefangen habe, hatte ich aber keine Ahnung, wie schwierig die deutsche Sprache wirklich ist», sagt er und lacht. Momentan bereite er sich auf die Prüfung für das Niveau B2 vor. Seine Kinder, fügt er an, beherrschten Deutsch schon viel besser als er.

Zufällig habe er das Studium Health Sciences allerdings nicht gewählt. «Ich könnte jetzt als Assistenzarzt arbeiten, aber um hier als Arzt zugelassen zu werden, müsste ich noch einmal mehrere Jahre Medizin studieren», erklärt er. In Sri Lanka war er zuletzt als forensischer Pathologe tätig, davor eine Weile als Gynäkologe. «Um finanziell bald wieder selber für meine Kinder sorgen zu können, habe ich mich gegen das längere Medizinstudium entschieden.» Da er im Gesundheitsbereich bleibt, erhofft er sich, so schneller eine Arbeit zu finden.

Ein wenig Wehmut, dass er nicht mehr als Arzt arbeiten wird, verspüre er zwar schon. Doch er sagt: «Ich will für dieses Land keine Last sein, sondern mich so schnell wie möglich nützlich machen.» Als sich Samarasinghe nach fast zwei Stunden verabschiedet, fällt sein Blick auf die Tasse mit dem kalten Kaffee auf dem Tisch. Durch das Erzählen hat er ihn zu trinken vergessen.

Gabriela Jordan

gabriela.jordan@luzernerzeitung.ch

Merkliste

Hier speichern Sie interessante Artikel, um sie später zu lesen.

  • Legen Sie Ihr persönliches Archiv an.
  • Finden Sie gespeicherte Artikel schnell und einfach.
  • Lesen Sie Ihre Artikel auf allen Geräten.