MIGRATION: «Sprache öffnet weitere Türen»

Im Kanton Luzern können Einwanderer zum Deutschkurs verpflichtet werden. Dies geschieht auch oft, gerade bei den Jungen aber reicht das allein nicht.

Niels Jost
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Büffeln im Auftrag des Kantons: Migranten besuchen einen Deutschkurs in Hitzkirch. (Bild: PD)

Büffeln im Auftrag des Kantons: Migranten besuchen einen Deutschkurs in Hitzkirch. (Bild: PD)

Das Thema beschäftigt derzeit landesweit: Migranten in der Schweiz. Vor allem die Flüchtlingskrise heizt die Diskussion und die Gemüter an. Die rund 1800 Asylsuchenden, die der Kanton Luzern letztes Jahr aufgenommen hat, machen aber nur einen kleinen Teil der ausländischen Bevölkerung aus. Nach wie vor den grössten Teil machen im Kanton Luzern unsere deutschen Nachbarn aus, gefolgt von Italienern, Kosovaren und Portugiesen (siehe Grafik). Auf der anderen Seite machen beispielsweise die rund 1100 Eritreer 1,59 Prozent der ausländischen Bevölkerung im Kanton aus.

Die Integration der Migranten ist nicht einfach – vor allem bei migrations­unwilligen Personen. Deshalb forderte Anfang letzter Woche die CVP St. Gallen im Kantonsparlament, schärfere und verbindlichere Vorgaben bei der Integration einzuführen. Eine Lösung ist gemäss der St. Galler CVP eine einheitliche Integrationsvereinbarung zwischen Behörden und Migranten. In Luzern ist das bereits ein bekanntes Mittel. Seit 2008 wird es hier genutzt – und fordert einiges von den Migranten.

150 Migranten müssen zu Kursen

Denn mit der Integrationsvereinbarung kann der Kanton einem Migranten Sprach- oder Integrationskurse à 120 Lektionen vorschreiben. Dies allerdings nur bei Personen aus Drittstaaten mit der Aufenthaltsbewilligung B (siehe Box). Jährlich wird mit rund 150 Migranten eine solche Vereinbarung getroffen. Denn die Sprache ist eine der grössten Barrieren bei der Integration. Entsprechend muss dort der Hebel angesetzt werden.

Laut Hamit Zeqiri, Stellenleiter der Fachstelle für die Beratung und Integration von Ausländern (Fabia), seien die meisten ausländischen Personen gewillt, Deutsch zu lernen und sich zu integrieren. Allerdings gebe es auch integrationsunwillige Personen. Es komme vor, dass etwa wenig oder hoch qualifizierte Personen nur für wenige Jahre in der Schweiz arbeiten und dann wieder zurück in ihre Heimat gehen. «Ihr Ziel ist es nicht, längerfristig hier zu bleiben – entsprechend kleiner ist ihr Integrationswille», so Zeqiri. Das treffe auf Migranten aus dem EU- und Efta-Raum genauso zu wie auf jene aus Drittstaaten.

Einfachste Fragen des Lebens

Bei der Integration von Migranten gebe es neben der Sprache noch weitere Hindernisse, so Zeqiri. «Die Migranten haben existenzielle sowie alltägliche Fragen. Etwa: Wie finde ich eine Arbeitsstelle? Wo finde ich einen Arzt?» Weiter informiert die Fachstelle, die einen Leistungsauftrag vom Kanton hat, etwa über das Schweizer Bildungs- oder Gesundheitssystem.

Dieser Zugang zu Alltagsthemen ist ein zentraler Pfeiler in der Integrationsar­beit des Kantons, so Ruth Bachmann, Leiterin Fachstelle Gesellschaftsfragen. Auch die Bereiche Bildung und Arbeit sowie Verständigung und gesellschaftliche Integration sind Teil des kanto­nalen Integrationsprogramms (KIP) 2014–2017. Darin enthalten sind 33 Massnahmen, die den staatlichen Integrationsauftrag mit klar formulierten Grundsätzen und Konzepten regeln. Genau dies wurde noch in einer 2012 publizierten Studie über die Integration von Migranten im Kanton Luzern stark bemängelt. «Mit dem KIP konnten wir nun bessere Rahmenbedingungen schaffen», so Bachmann. Auch laut dem Schweizerischen Arbeitshilfswerk (SAH) Zentralschweiz habe sich das Vorgehen im Kanton bewährt: «Mit den Massnahmen des Kantons sind wir sehr zufrieden», sagt Mediensprecherin Elisabeth Gebistorf.

Junge sollen rasch arbeiten können

Die aktuell grössten Herausforderungen seien, besonders den jungen Migranten längerfristige Perspektiven zu bieten, sagt Ruth Bachmann. «Es ist wichtig, ihnen möglichst schnell eine Ausbildung zu ermöglichen, damit sie in die Berufsbildung einsteigen können.»

Eine Anlaufstelle dafür ist das SAH Zentralschweiz. Auch diese Organisation hat einen Leistungsauftrag vom Kanton und berät und unterstützt anerkannte Flüchtlinge sowie vorläufig aufgenommene Personen – insbesondere Jugendliche und junge Erwachsene. «Wir begleiten derzeit 812 Personen im Integrationsprozess», sagt Elisabeth Gebistorf. Die Schwierigkeiten, um anerkannte Flüchtlinge oder vorläufig Aufgenommene in den Arbeitsprozess zu integrieren, liegen laut Gebistorf bei den hohen Anforderungen der Wirtschaft: Meist würden der Zielgruppe die notwendigen Deutschkenntnisse fehlen, oder die Flüchtlinge strebten bei der Arbeitsvermittlung einen Beruf an, für den ein in der Schweiz erworbenes Zertifikat notwendig sei. Deshalb vermittelt das SAH Zentralschweiz die jungen Erwachsenen in Brückenangebote, Berufskurse oder Praktika und begleitet sie eng auf ihrer Stellensuche. «Unser Ziel ist dann vollständig erreicht, wenn sich die Personen selbstständig und wirtschaftlich unabhängig in der Schweiz bewegen können.»

Krise sorgt für Schub

Verantwortlich für eine erfolgreiche Integration sind nicht bloss die Migranten selber, sondern auch die Gesellschaft. Verschiedenste Institutionen, Vereine, Organisationen, die Kirche wie auch Private engagieren sich dafür – und arbeiten auch wegen der aktuellen Flüchtlingsströme auf Hochtouren. Dass sich der Integrationswille der Bevölkerung seit der Flüchtlingskrise verschlechtert hat, bezweifelt Ruth Bachmann aber. «Viele befassen sich wegen der Flüchtlingskrise wieder mit der Thematik und informieren sich darüber – das sensibilisiert sie.»

Vereinbarung nicht nur für Flüchtlinge

jon. Die individuellen Integrationsvereinbarungen zwischen Kanton und Migranten werden während des obligatorischen Begrüssungsgesprächs abgeschlossen. Beim Gespräch, das Mitarbeiter des Amts für Migration führen, wird abgeschätzt, wer noch sprachliche Defizite hat und sich zu einem Kurs verpflichten muss. Ein Gespräch dauert im Schnitt 20 bis 30 Minuten. Die Migranten müssen im Sprachkurs ein Zertifikat erlangen, welches sie nach Bestehen dem Amt für Migration zusenden. Zudem muss das Diplom dann vorgelegt werden, wenn die Aufenthaltsbewilligung verlängert werden soll. Sich durchzumogeln, ist somit nicht möglich. «Bisher mussten wir nur einzelnen Personen die Frist, um das Zertifikat zu erreichen, verlängern», sagt Walter Haas, Abteilungsleiter Aufenthalt beim Amt für Migration.

Migranten tragen Kosten selbst

Die Kosten für die Kurse tragen die Teilnehmer selber, der Kanton subventioniert jedoch die Angebote. Dass sich jemand gegen eine Integrationsvereinbarung weigerte, kam laut Walter Haas noch nie vor. «Wir haben gute Erfahrungen gemacht, die Migranten begrüssen dieses Angebot mehrheitlich», so Haas. «Das System funktioniert.» Das bestätigt auch Ruth Bachmann, Leiterin Fachstelle Gesellschaftsfragen. Denn die Beherrschung der Landessprache sei die wichtigste Grundvoraussetzung für die Integration. «Durch die Sprache öffnen sich weitere Türen.»

EU-Bürger sind ausgenommen

Die Integrationsvereinbarung darf wegen des Freizügigkeitsabkommens nicht mit EU- oder Efta-Bürgern getroffen werden. Stellt der Kanton dennoch fest, dass sich die Integration für Migranten aus diesen Ländern, etwa wegen sprachlicher Defizite, erschweren wird, spricht er Empfehlungen für Sprachkurse aus. Von den Vereinbarungen ebenso ausgenommen sind Flüchtlinge oder vorübergehend aufgenommene Personen. Diese besuchen Sprach- und Integrationskurse in den Asylzentren.