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MISSBRAUCH: Barbara war eines von rund 300 Verdingkindern aus dem Kanton Luzern

Knapp 9000 Verdingkinder haben beim Bund ein Gesuch um einen Solidaritätsbeitrag eingereicht. Rund 300 dieser Personen stammen aus dem Kanton Luzern. Eine davon ist Barbara. Sie erzählt über ihre verlorene Kindheit.
Sandra Monika Ziegler
Barbara als Achtjährige in einem Kinderheim in der Ostschweiz. Aufgenommen im Dezember 1953. (Bild: PD)

Barbara als Achtjährige in einem Kinderheim in der Ostschweiz. Aufgenommen im Dezember 1953. (Bild: PD)

Barbara* wohnt heute alleine in einer Agglomerationsgemeinde und ist 73 Jahre alt. Es fällt ihr nicht leicht, von ihrer Kindheit zu erzählen. Doch sie sieht es als Pflicht. Sie will erzählen vom dunklen Kapitel der Schweizer Sozialfürsorge, sie will, dass es nicht vergessen geht.

Als sie im Juli 2015 erstmals vom Solidaritätsbeitrag des Bundes erfährt, will sie sich melden. Der Beitrag steht Opfern von früheren fürsorgerischen Zwangsmassnahmen und Fremdplatzierungen zu. Doch so einfach sei das Prozedere nicht gewesen, die Formulare kompliziert. Dank der Unterstützung durch die Opferhilfe reichte sie das Gesuch im Mai 2017 ein.

Wunden werden wieder aufgerissen

Barbara wird in ihrer Kindheit vom Vater geschlagen und von der Mutter vernachlässigt. In den uns vorliegenden Akten steht über ihren Vater, dass er nicht seriös sei, unbeherrscht strafend und «bis blutig schlagend». Die Ehe der Eltern wird als «nicht gut» bezeichnet, die Mutter als grob und herzlos und lieber in Romanwelten als in der Realität lebend. Weiter ist zu lesen, dass Barbara bereits als Baby fremdplatziert wird und mit drei Jahren in eine Pflegefamilie kommt. Die Pflegeeltern sind glücklich mit ihr und gewinnen sie lieb. Doch mit dem Eintritt in den Kindergarten reissen sie die Eltern aus der Pflegefamilie heraus. Zu Hause wird es aber zunehmend schwieriger, immer öfter kommt es zu «wüsten gewalttätigen Szenen».

Mit sieben oder acht Jahren wird Barbara das erste Mal sexuell missbraucht, und zwar vom Hausabwart. Der Missbrauch dauert über ein Jahr. Lange glaubt man ihr nicht, dass der Mann «nicht gut» zu ihr ist und sie im Keller «quält». Die Eltern wollen nichts bemerkt haben und sprechen von Hirngespinsten. Erst als sie in der Schule nicht mehr sitzen kann und deshalb zum Schularzt muss, wird ihr Glauben geschenkt. Die Untersuchungen weisen eindeutig auf mehrfachen sexuellen Missbrauch hin. Auch die Schläge des Vaters werden erkannt.

Der damals 77-jährige Hausabwart wird zu 18 Monaten Gefängnis wegen Kindsmissbrauch verurteilt. Ebenso wird der Vater wegen Kindsmisshandlung schuldig gesprochen. Barbara kommt in ein «Beobachtungsheim» und zwischendurch immer wieder mal nach Hause. Für sie beginnt eine Odyssee von Heim zu Heim. Laut den Akten hat sie zu viel «Fantasie», ist frech und aufmüpfig, misstrauisch und abweisend. Gelernt habe sie in dieser Zeit einzig zu arbeiten. Mit knapp 14 Jahren ist sie die Jüngste in der Wäscherei.

Im gleichen Alter kommt sie nach St. Urban in die damalige kantonale Heil- und Pflegeanstalt. Zuvor haute sie aus einem katholischen Mädchenerziehungsheim ab. «Man fing mich ein, gab mir eine Spritze, und ich erwachte in St. Urban», erzählt sie. Auch dort kommt die Arbeit vor der Schule, sie muss Beipackzettel falzen. «Wir wurden nicht geschult. Das war schade, denn mein Traumberuf war Köchin.»

Ist sie im St. Urban nicht «zugänglich oder fügsam», werden ihr Medikamente verabreicht. Wird sie dadurch apathisch, werden sie durch andere ersetzt. Über drei Monate wird sie mit solchen Nervenmedikamenten voll gestopft, dagegen wehren kann sie sich nicht. Ihre Teenagerzeit fasst Barbara heute so zusammen: «Ich wurde mehr geschlagen, als dass man mit mir gesprochen hätte. Ich hatte keine Chance auf ein positives Etikett.»

Erst durch die Opferhilfe kommt Barbara zu schriftlichen Unterlagen über ihr Leben. Diese zu lesen, sei schmerzhaft gewesen. Doch nur so konnte sie Lücken in ihren Erinnerungen schliessen und Erklärungen für ihre «Ausfälle» erhalten. Denn plötzlich geht damals gar nichts mehr. Und anstatt dass ihr geholfen wird, wird sie ruhiggestellt. Sie kann keine Lehre oder Ausbildung machen. Sie muss sich alles selber beibringen.

Trotz Schlägen hat sie das Lachen nicht verlernt

Für eine Weile kommt sie später an eine Privatstelle, um das Haushalten zu erlernen. Dort schläft sie neben der Küche, muss Kohle schaufeln, den Herrschaften das Frühstück machen. Mit an den Tisch darf sie nicht. «Ich musste alleine in der Küche essen und schuften bis in die Nacht.» Sie hält es nicht aus, will sich das Leben nehmen. Sie kommt in eine Klinik und braucht über ein Jahr, um sich zu erholen. «Es ist nichts vergessen, einfach verdrängt. Zwischendurch kommt es wieder hoch, macht mich traurig und wütend zugleich.» Irgendwie habe sie überlebt, trotz Schlägen das Lachen nicht verlernt. Sie sei eben eine Kämpfernatur, eine Art Teleboy, und stehe immer wieder auf.

Als sie 18 wird, bekommt sie eine Tochter – und die Tochter automatisch einen Vormund. Kaum ist das Kind da, will man es ihr wegnehmen. Immer wieder muss sie hören: «Es gibt so viele, die ein Kind wollen, dich macht es ja nur unglücklich.» – «Aber ich wollte unser Kind», sagt sie. Erst als sie mit 20 Jahren heiratet und mit ihrem Mann in eine eigene Wohnung zieht, kommt familiäre Ruhe auf. Ihr Familienglück zerbricht 20 Jahre später. Mit der eigenen Tochter hat sie heute keinen Kontakt mehr, dafür mit der Enkelin und deren Familie.

Sie sei eine Rebellin, und zwar bis heute: «Werde ich ungerecht behandelt, setze ich mich zur Wehr. Ich lass mir nicht alles gefallen.» Dass sie mit ihrer Verdingvergangenheit beruflich keine Chancen bekam, lässt Wehmut aufkommen, reisse alte Wunden auf. Mehr aber nicht. «Heute habe ich, was ich brauche, und bin zufrieden. Ich habe Hobbys und meine Urenkel.»

Barbara hatte nie Abstürze, kennt keine Süchte. Sie versteht diejenigen Verdingkinder, die sich beim Bund nicht gemeldet haben, und ist selbst wütend über die «Hinhaltetaktik»: «Bis es endlich zu den Auszahlungen kommt, sind die meisten gestorben. Doch den Gefallen mache ich denen nicht.»

Sandra Monika Ziegler

sandra.ziegler@luzernerzeitung.ch

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* Name der Redaktion bekannt.

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