Missbrauchsvorwurf zweier Mädchen in Luzern: Beschuldigter will einen Freispruch – Staatsanwältin 7 Jahre

Ein heute 49-Jähriger ist wegen sexuellen Missbrauchs zweier Mädchen, die damals 13 Jahre alt waren, angeklagt. Die Staatsanwaltschaft verschärft die Strafe auf sieben Jahre Haft, die Verteidigung will einen Freispruch.

Sandra Monika Ziegler
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Dem deutschen Lastwagenfahrer werden Pornografie, Vergewaltigung und über Jahre dauernde sexuelle Handlungen mit seiner Stieftochter und ihrer damals besten Freundin vorgeworfen. Die Verhandlung vor Kriminalgericht Ende 2019 endete mit einer Strafe von 62 Monaten Haft und einem Landesverweis von 10 Jahren. Dagegen haben der Beschuldigte und später die Staatsanwaltschaft Berufung eingelegt. Der Beschuldigte fordert einen vollumfänglichen Freispruch.

Am Donnerstag hat das Luzerner Kantonsgericht erneut verhandelt. Die Staatsanwaltschaft erhöht den Strafantrag auf sieben Jahre. Die Verteidigung blieb beim geforderten Freispruch. Es zeigte sich ein ähnliches Bild wie bereits im November vor dem Luzerner Kriminalgericht: Eine Familie steht hinter dem Täter und spricht vom ‹grössten Justizirrtum›, der Beschuldigte streitet alle Taten ab und die Stieftochter gibt ihm Recht.

Die Vorwürfe der sexuellen Handlungen kamen 2015 auf, als die Eltern der besten Freundin einen Chatverlauf entdeckten, der darauf hindeute. Unter Ausschluss der Öffentlichkeit und der Presse wurden am Donnerstag die beiden jungen Frauen befragt. Die Stieftochter ist vor Kantonsgericht nicht mehr als Privatklägerin aufgetreten, sondern wurde als Zeugin befragt.

Auf Wunsch der Verteidigung wurde auch die Mutter der Stieftochter als Auskunftsperson vorgeladen. Die Richterin sagt gleich zu Beginn:

«Es geht nicht darum, wie sie etwas subjektiv einschätzen, sondern sie werden nach den vorliegenden Fakten befragt.»

Auf die Frage, ob ihr bei den beiden Mädchen damals etwas aufgefallen sei, antwortete sie mit nein. Die Mutter wolle mit diesen Aussagen den Schein wahren und das eigene Unvermögen kaschieren, so die Staatsanwältin. Sie spricht von 325 Übergriffen im Zeitraum von 2013 bis 2017.

Die Mutter erzählt weiter von der jahrelangen und engen Beziehung zwischen den beiden Familien. «Als wir dann beide in der Schweiz lebten, dachte ich, es entwickle sich zwischen den beiden Mädchen eine Freundschaft. Das freute mich, denn meine Tochter hatte eh und je Schwierigkeiten mit Mädchen.» Von den Übergriffen will sie aber nichts gewusst haben, bis die Familie der besten Freundin sich bei ihr telefonisch meldete. Das war 2017.

Auch der Beschuldigte hat wie bereits beim erstinstanzlichen Prozess alle Schuld von sich gewiesen. Warum denn die beste Freundin so etwas erzähle, wollte der Richter wissen. Der Beschuldigte: «Sie war verliebt und erfolglos. Sie hat mich nicht bekommen. Ihr Verhalten ist pure Rache.» An den Chatverlauf hat der Beschuldigte keine Erinnerung mehr. Er vermute, den habe die Mutter der besten Freundin gestartet.

Weitere Beweisanträge gefordert

Für die Staatsanwaltschaft bleibt der Beschuldigte unglaubwürdig, für sie fanden die sexuellen Handlungen mit den beiden Mädchen statt. Es habe nicht nur ein erheblicher Altersunterschied bestanden, sondern auch ein körperlicher. Die Mädchen hätten sich gar nicht wehren können. Bei der Stieftochter kam zu Verletzungen im Intimbereich, laut Arztbericht zu einer massiven Genitalverletzung. Hier sieht die Staatsanwaltschaft den Straftatbestand der einfachen Körperverletzung.

Nicht so der Verteidiger. Die Verletzung sei durch das Spielen der beiden Mädchen mit dem Vibrator entstanden. Die treibende Kraft dahinter sei die beste Freundin gewesen. Der Verteidiger zerpflückte deren Aussage. Details würden fehlen, wie auch Anhaltspunkte. Solche Geschichten könne jeder erzählen - ohne es erlebt zu haben, das reiche nicht für einen Schuldspruch. Er fordert eine Aussageanalyse bei der besten Freundin und ein Glaubhaftigkeitsgutachten von einem Spezialisten für ADS bei der Stieftochter. Die Staatsanwaltschaft lehnt die Beweisanträge ab.

Brauche keine Therapie

«Der Psychiater bezeichnet Sie als Pädophiler», sagt der Richter, «was sagen Sie dazu? » Das sei absoluter Schwachsinn, so der Beklagte, er brauche keine Therapie, er stehe nicht auf junge Mädchen. Er sei glücklich verheiratet. Im Schlusswort betont er nochmals seine Unschuld.

Die Sicherheitshaft - der Angeklagte sitzt seit November 2017 - wird bis zum Abschluss des Verfahrens am Kantonsgericht aufrecht gehalten. Das könnte noch Monate dauern. Zuerst befindet das Gericht über die gestellten Beweisanträge und eröffnet zu einem späteren Zeitpunkt dem Beschuldigten auf dessen Wunsch das Urteil mündlich.

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