Misshandelt, bedroht, verzweifelt

Ella* flüchtet 2007 vor der Gewalt ihres Ehemanns ins Frauenhaus. Bei ihrem Neustart mit ihren Kindern half auch die LZ-Weihnachtsaktion. Ella hat wieder Fuss gefasst – trotz Geldsorgen.

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Wenn die Lage aussichtslos erscheint, kann schon eine kleine Hife viel bewirken (gestellte Szene). (Bild: Neue LZ)

Wenn die Lage aussichtslos erscheint, kann schon eine kleine Hife viel bewirken (gestellte Szene). (Bild: Neue LZ)

«Ich bringe euch alle um», droht Urs* im Herbst 2007 seiner heute 41-jährigen Frau und seinen zwei Kindern (8- und 10-jährig) immer öfter. Kommt er von der Arbeit nach Hause, müssen Tochter und Sohn still sein, sonst rastet er aus. Urs zieht Ella heftig an den Haaren, bindet ihr die Arme auf dem Rücken fest, bemüht sich jedoch stets, ihr keine sichtbaren Verletzungen zuzufügen. «Er war dauernd wütend, gab mir fast kein Geld, und ich hatte ständig Angst», erzählt Ella. «Denn im Schrank stand sein Gewehr. Ich musste damit rechnen, dass er seine Drohung wahr machte.»

Zuerst die grosse Liebe

Am Anfang dieser traurigen Geschichte steht eine grosse Liebe. Ella ist in einem südamerikanischen Land in einer grossen Familie aufgewachsen. Schon mit knapp über 20 Jahren verdient sie in ihrem Beruf gut und kann ihre Familie unterstützen. Sie lernt den Innerschweizer Urs kennen, der an ihrem Wohnort Ferien macht. Nach gut einem Jahr wird geheiratet. «Die ersten paar Jahre waren sehr schön», erzählt Ella. Sie leben in der Innerschweiz, Ella lernt Deutsch und arbeitet Teilzeit, um von ihrem Mann, der sie zunehmend kontrolliert, nicht abhängig zu sein. Später leben die beiden einige Jahre im Ausland. Nach der Geburt von Tochter und Sohn fängt es an zu kriseln. Urs kontrolliert Ella auf Schritt und Tritt, sie muss um Geld betteln, ist mit den Kindern oft sehr allein. «Dann hat es angefangen mit seiner Wut, wenn die Kinder beim Spielen mal laut waren. Er wollte nur seine Ruhe und fing an, sie zu bedrohen und dann auch zu schlagen. Ich wusste nicht mehr, was ich tun sollte, wollte von ihm weg.»

Hoffnung, dann Todesangst

Urs zieht zurück in die Schweiz und fleht Ella nach kurzer Zeit an, ihm nachzukommen. Er liebe sie und die Kinder, sie könnten neu anfangen. Doch schon nach wenigen Monaten beginnen die Probleme von neuem. Urs droht seiner Frau mit der Faust vor dem Gesicht, sie zu verprügeln, ist immer öfter aggressiv zu den Kindern. Immer häufiger denkt Ella ans Weggehen, «aber dann hoffte ich wieder, es würde besser». Vergeblich. Als die Situation eines Tages eskaliert und Urs wieder massiv droht, die ganze Familie zu töten, kann und will Ella nicht mehr. Sie hat Angst, nackte Angst um das eigene Leben und das ihrer Kinder.

Allein und verloren

Ella nimmt ihre beiden Kinder an der Hand und geht mit ihnen auf den Polizeiposten. Die Polizei bringt sie ins Frauenhaus nach Luzern. Dort findet sie mit ihren Kindern Schutz, Beratung und die Ruhe, zu sich zu kommen. «Ich stand vor dem Nichts», erinnert sich Ella. «Ich wusste nicht mehr, wer ich bin und was ich mache.» Sie fühlte sich unsäglich allein, verloren, überlegte, ob sie in ihre Heimat zurückkehren oder hier bleiben solle. «Die Teamfrauen vom Frauenhaus haben mich beraten und mir Schritt für Schritt geholfen, wieder auf eigenen Füssen zu stehen», blickt Ella dankbar zurück. Sie entschied sich, nicht zu ihrem Mann zurückzukehren. Eine vom Frauenhaus vermittelte Anwältin leitete die Schritte für die Scheidung ein.

Viele haben geholfen

«Es ist damals ein Wunder passiert, nein, es sind viele Wunder passiert», sagt Ella mit einem Lächeln im Gesicht. «Innert kurzer Zeit habe ich durch das Frauenhaus eine günstige Wohnung gefunden. Auch bei den Behördengängen und bei der Anmeldung auf dem Sozialamt wurde ich gut begleitet.» Die LZ-Weihnachtsaktion unterstützte Ellas Neustart mit einem Überbrückungsbeitrag – sie konnte zusammen mit einer Frauenhaus-Teamfrau im Brockenhaus Möbel kaufen. Das Plüsch-Sofa in ihrem Wohnzimmer ist alt und altmodisch, «aber gemütlich, und für uns ist das völlig in Ordnung», wie Ella schmunzelnd sagt. «Ich bin allen, die mir damals geholfen haben, von Herzen dankbar.»

Beharrlich Arbeit gesucht

Schwierig wurde es für Ella auf der Suche nach Arbeit. Sie besuchte Deutschkurse, war sich nicht zu schade für Putzarbeit und bewarb sich immer wieder, zum Beispiel als Küchenhilfe, erfolglos. «Ein Restaurantbesitzer war ehrlich und sagte mir, warum er mich nicht einstelle. Wenn die Kinder von alleinerziehenden Müttern krank seien, könne die Mutter zu Hause bleiben und erhalte trotzdem Lohn, das wolle er nicht.» Ella gab nicht auf, fand schliesslich eine Stelle, sogar in ihrem ursprünglichen Beruf, schaute sich nach einer Weiterbildung in diesem Berufsfeld um und sparte eisern dafür. Ihr Durchhalten hat sich gelohnt. Das erste Jahr ihrer berufsbegleitenden Weiterbildung hat sie selber finanziert, «und jetzt ist nochmals ein Wunder passiert»: Ihr Arbeitgeber ist so zufrieden mit ihr, dass er ihr den Rest der Weiterbildung bezahlt. «Ich bin überglücklich », sagt Ella. «Reich bin ich nicht, aber zufrieden.» Der Vater ihrer Kinder zahlt die gerichtlich festgelegten Alimente, und die Kinder besuchen ihn regelmässig.

Alle Rechnungen zahlen

Ella ist stolz, dass sie heute dank ihrer Arbeitsstelle nicht mehr vom Sozialamt abhängig ist. Allerdings gibt es da einen Wermutstropfen: Sie hat nun am Monatsende weniger Geld zur Verfügung, als wenn sie Sozialhilfe beziehen würde, denn sie muss zum Beispiel Steuern bezahlen. Was ihr wehtut: Das Geld reicht nicht mehr für den geliebten Musikunterricht ihrer Kinder. Auf ihren Weihnachtswunsch angesprochen, seufzt sie und sagt dann mit einem scheuen Lächeln: «Ach wissen Sie, ich hoffe einfach, dass ich bis zum Jahresende alle Rechnungen bezahlen kann.» Am Schluss des langen Gesprächs sagt Ella mit grossem Ernst: «Ich habe allen Grund, zufrieden zu sein. Am meisten freut mich, dass ich gesund bin und hier mit meinen Kindern gut leben kann. Meine Kinder geben mir so viel Freude und Kraft. Und allen, die mir geholfen haben, möchte ich ein grosses Dankeschön sagen.»

Kein Einzelfall

Ella ist kein Einzelfall. Jedes Jahr reicht das Frauenhaus Luzern mehrere Gesuche bei der LZ-Weihnachtsaktion ein zu Gunsten von Frauen aus der ganzen Zentralschweiz. Frauen, die sich entscheiden, den gewalttätigen Partner zu verlassen, stehen mit ihren Kindern in der ersten Zeit oft vor grossen finanziellen Problemen. Unsere Leserinnen und Leser können mithelfen, den Neustart dieser Frauen und Kinder wenigstens finanziell zu erleichtern. Wir danken herzlich für jede Spende.

Ruth Schneider

HINWEIS
* Namen und einige Lebensumstände zum Schutz der betroffenen Familie geändert.