Mit langem Atem zum grössten Alphorn

Aus einem Zufall heraus begann Josef Stocker Alphörner zu bauen. Aus Zufall wurde Ehrgeiz – und dann sogar ein Weltrekord.

Rahel Schnüriger
Drucken
Teilen
Der ehemalige Schreiner Josef Stocker baut seit 30 Jahren Alphörner in seiner Werkstatt. (Bild: Manuela Jans / Neue LZ)

Der ehemalige Schreiner Josef Stocker baut seit 30 Jahren Alphörner in seiner Werkstatt. (Bild: Manuela Jans / Neue LZ)

In der Werkstatt von Josef Stocker, hoch ob Kriens, riecht es nach Holz. Stocker ist ein kleiner, älterer Mann, der zwischendurch eine längere Pause einlegt, bevor er spricht. Und gepflegt ist er. So gepflegt, dass man meinen könnte, er hätte ein Leben lang auf einer Bank gearbeitet. Doch seine rauen Hände verraten, dass dem nicht so ist. Josef Stocker arbeitete jahrelang als Schreiner in Kriens. Bis eines Tages ein anderer Krienser – «Herr Fuchs» – zu ihm kam, um ihn um hölzerne Röhren für Souvenir-Alphörner zu bitten. Diese wollte Fuchs an amerikanische Touristen verkaufen, von denen es beim Pilatus schon damals wimmelte. Irgendwann merkte der «Herr Fuchs» aber, dass sich mit echten Alphörnern das Zehnfache verdienen liesse, also ersuchte er wiederum Stocker um Rat. Stocker stellte ihn kurzerhand ein, schaffte die nötigen Maschinen an und begann fortan in seiner Schreinerei Alphörner zu bauen. Das war 1973. Viele Schreinerkollegen belächelten Stocker ob dem als brotlos geltenden Alphornbau: «Damals wurden alle Alphörner von Hand produziert.» Doch ihm war das zu mühselig. Also nahm er alte Maschinen auseinander und setzte sie neu zusammen, um sie für den Alphornbau zu nutzen.

Wetteifer um Weltrekorde

Bald erzählte man sich Geschichten von einem riesigen Alphorn aus Deutschland, das zehn Meter lang sein soll. Stockers Ehrgeiz war geweckt. Er baute eines von 13 Metern 40 Länge und erreichte damit den Weltrekord. Was ihm zu diesem Zeitpunkt nicht bewusst war: Damit löste er einen jahrzehntelangen Wetteifer aus, wurde immer wieder herausgefordert, bis er einen weiteren Rekord schliesslich zusammen mit einem Amerikaner errang und bis heute teilt. Im Jahr 1989 führten beide auf der Krienseregg ein 47 Meter langes Alphorn vor. «Wir haben einfach immer wieder Röhren angebaut», sagt Josef Stocker mit einem verschmitzten Lächeln. «Es war eine verrückte Zeit.»

Höchste Präzision ist gefragt: Josef Stocker stellt die Fräsmaschine in seiner Krienser Werkstatt ein. (Bild: Manuela Jans/Neue LZ)
22 Bilder
Der Test am Schluss: Klingt alles richtig? (Bild: Manuela Jans/Neue LZ)
Das Messingstück muss glänzen. (Bild: Manuela Jans/Neue LZ)
Stocker schleift das innere Rohr. (Bild: Manuela Jans/Neue LZ)
Innen geschliffen, aussen rund gefräst. (Bild: Manuela Jans/Neue LZ)
Das fast fertige Alphorn muss nochmals geschliffen werden. (Bild: Manuela Jans/Neue LZ)
Der letzte Schliff ist ein Natronspritzer. (Bild: Manuela Jans/Neue LZ)
Das Resultat lässt sich zeigen! (Bild: Manuela Jans/Neue LZ)
Bild: Manuela Jans/Neue LZ
Bild: Manuela Jans/Neue LZ
Bild: Manuela Jans/Neue LZ
Bild: Manuela Jans/Neue LZ
Bild: Manuela Jans/Neue LZ
Bild: Manuela Jans/Neue LZ
Bild: Manuela Jans/Neue LZ
Bild: Manuela Jans/Neue LZ
Bild: Manuela Jans/Neue LZ
Bild: Manuela Jans/Neue LZ
Bild: Manuela Jans/Neue LZ
Bild: Manuela Jans/Neue LZ
Bild: Manuela Jans/Neue LZ
Bild: Manuela Jans/Neue LZ

Höchste Präzision ist gefragt: Josef Stocker stellt die Fräsmaschine in seiner Krienser Werkstatt ein. (Bild: Manuela Jans/Neue LZ)

An die Präsentation seiner Rekord-Hörner lud Stocker jeweils auch die Presse ein und war bald nicht mehr auf das Schreinergeschäft angewiesen. Vor zwanzig Jahren stellte er ganz um auf Alphornbau. Seine Hörner verkaufte er in alle Welt, zum Unmut des Alphorn-Verbandes, der die Instrumente nur in der Schweiz gespielt haben wollte.

Doch das ist lange her, mittlerweile ist der 71-Jährige pensioniert und hat seine Werkstatt nach Hause gezügelt. Er sei niemandem mehr Rechenschaft schuldig, produziere rund 70 Alphörner im Jahr und verkaufe diese für 2850 Franken pro Stück. An einem Horn arbeitet Stocker zwanzig bis dreissig Stunden. Das Fichtenholz erhält er von einem Schreiner. Dann schleift er die Öffnung heraus und fräst das eckige Stück Holz aussen so weg, dass es rund wird. Umwickelt wird das Stück mit Peddigrohr – einem Bambusähnlichen Material – und schliesslich wird es aussen gespritzt und innen geölt. «Das Wichtigste ist die Präzision», sagt Josef Stocker. Eine Abweichung von einem halben Millimeter höre man dem gespielten Ton bereits an.
Der Krienser ist nicht nur Experte beim Alphornbau, sondern hat sich nach dem Bauen auch das Spielen angeeignet. Hat begonnen, einfache Melodien zu schreiben. Weil es ihm nicht gefiel, dass gewisse Spieler im Keller ein halbes Jahr die Tonleiter lernen mussten, bevor sie im Freien spielen durften.

Musikstunden für jedermann

Mittwochs lädt er deshalb zur Musikstunde, jeder der spielen lernen will, kann kommen. Einzige Bedingung: Das Alphorn muss von Stocker stammen – bei Bedarf auch gemietet. «Es sind die Naturtöne, die mich faszinieren», erklärt Stocker. Im Sommer spielt er diese auf dem Pilatus mit seinen Schülern – «für die Touristen». Noch heute baut Josef Stocker die Alphörner anders als dies die etwa zehn Berufskollegen tun, die ihm in der Schweiz noch geblieben sind. Auch wenn diese längst ebenfalls auf Maschinen umgestellt haben. Er erzählt von Problemen, die Kollegen beispielsweise mit den Mundstücken hätten. Diese kenne er nicht, er produziert die Mundstücke normiert und baut die Maschinen heute noch so um, dass sie für seine Arbeit stimmen: «Das ist mein Hobby», sagt Josef Stocker.

Wird da ein über 70-Jähriger nicht irgendwann müde? «Ich mach das noch, solange ich kann», sagt Josef Stocker. Staubsaugen könne er schliesslich noch früh genug.