Nordlichter über Island: Dank des Glasdachs der Unterkunft lassen sich diese vom warmen Bett aus beobachten. (Bild: PD)

Nordlichter über Island: Dank des Glasdachs der Unterkunft lassen sich diese vom warmen Bett aus beobachten. (Bild: PD)

Mit Nordlichtern, entspannten Menschen und einer aussergewöhnlichen Geschäftsidee – so lebt eine Luzernerin in Island

Sabrina Dedler aus Ebikon ist nach Island ausgewandert und verwirklicht dort ihren Lebenstraum. Zusammen mit ihrem Mann baut sie eine Ferienhaus-Firma auf –  und als Mama und Hair- und Make-Up-Artistin ist sie ebenfalls gefragt.

Sandra Peter
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«Ich liebe auch den Regen, den Wind und die Stürme.» Sabrina Dedler aus Ebikon ist vor rund zweieinhalb Jahren nach Island ausgewandert. Die 35-Jährige lebt mit ihrem Mann aus Bayern und den beiden gemeinsamen Söhnen in der Hauptstadt Reykjavik. Sabrina und Andreas Dedler führen ihre eigene Firma und vermieten Ferienhäuser für zwei Personen mit Glaswänden und -dächern. Die Lodges stehen inmitten der Natur.

Dieses Ferienhaus mit Aussen-Hotpool steht im Westen Islands mit Blick aufs Wasser. (Bild: PD)

Dieses Ferienhaus mit Aussen-Hotpool steht im Westen Islands mit Blick aufs Wasser. (Bild: PD)

Dass sie in Island leben will, wusste die Luzernerin seit ihrem ersten Besuch auf der Insel 2011. «Als ich kurz darauf meinen Mann kennen lernte, habe ich von Anfang an gesagt, dass ich auswandern werde», sagt Sabrina Dedler. Im April 2017 war es dann so weit: ein paar Wochen nach der Geburt ihres ersten Kindes ist die kleine Familie auf die Insel gezogen, die vom europäischen Nordmeer und der Grönlandsee umgeben ist. «So mutig ist das nicht. Wir haben uns dies genau überlegt und gut vorbereitet», erklärt Dedler. «Und beim ersten Kind ist sowieso ungewiss, was auf einen zukommt, egal wo.» Mittlerweile ist der zweite Sohn bereits ein Jahr alt.

Sabrina Dedler mit ihrem Mann Andreas und den beiden Söhnen im April 2019. (Bild: PD)

Sabrina Dedler mit ihrem Mann Andreas und den beiden Söhnen im April 2019. (Bild: PD)

Vor der Auswanderung hat das Paar die Insel mehrmals besucht, über längere Zeit, im Sommer, im Winter. «Wir haben recherchiert, mit anderen Auswanderern gesprochen und begannen Isländisch zu lernen». Für ihre Firma panoramaglasslodge haben sie einen Businessplan erstellt. Die Idee für die Glas-Lodges kamen der Luzernerin im Schlaf: «Ich habe davon geträumt.»

Das Ferienhaus ist im Schlafbereich mit Glasdach und Glaswänden (sowie Rollos dafür) ausgestattet. (Bild: PD)

Das Ferienhaus ist im Schlafbereich mit Glasdach und Glaswänden (sowie Rollos dafür) ausgestattet. (Bild: PD)

Turbulente Tage erfordern Flexibilität

Seither baut das Ehepaar Dedler die eigene Firma auf und aus. Läuft etwas nicht nach Plan, sind die beiden flexibel. Bis im März dieses Jahres arbeitete Andreas Dedler noch als Ingenieur bei der isländischen Fluggesellschaft Wow Air und Sabrina Dedler kümmerte sich hauptsächlich um die beiden Kinder sowie die Vermarktung und den Betrieb des ersten Ferienhauses. Die Fluggesellschaft ging jedoch Konkurs, weshalb der Familienvater seine Stelle verlor. Seither nahm die seit über 13 Jahren in diesem Beruf tätige Hair- und Make-Up-Artistin mehr Aufträge an, bis zu zehn Hochzeiten pro Woche sind es im Sommer. 

Bilder: Instagram @pinkcolours_makeup

Bilder: Instagram @pinkcolours_makeup

Dies bildet zurzeit die Haupteinnahmequelle der Familie. Er betreut öfter die Kinder und ihm bleibt mehr Zeit, sich dem eigenen Unternehmen zu widmen.

Glas-Unterkunft ist beliebt

Die Nachfrage nach Übernachtungen in einer sogenannten Panorama-Glass-Lodge ist vorhanden. Das im März 2018 eröffnete 23 Quadratmeter grosse Haus in der Bucht Hvalfjörður in West-Island ist bis Mitte April 2020 ausgebucht. Auf dem Bewertungsportal Tripadvisor haben Besucher das Häuschen mit der höchstmöglichen Auszeichnung prämiert, auf Instagram posten sie Bilder und Videos.

Bilder: https://www.instagram.com/explore/tags/panoramaglasslodge/

Nebst dem Bett im verglasten Teil der Lodge erwartet die Besucher eine Küche, ein Bad mit Regendusche sowie ein Aussen-Hotpool.

Küche und Essbereich der Lodge. (Bild: PD)

Küche und Essbereich der Lodge. (Bild: PD)

Vor einem Ende des Tourismus-Booms fürchten sich die Unternehmer nicht. «Unser Konzept ist durchdacht und etwas Besonderes. Vor dem Start haben wir unsere Zielgruppe analysiert und sind überzeugt, dass diese weiterhin reisen wird. Denn wir sind nicht im Billigsegment unterwegs.» Eine Übernachtung in der verglasten Unterkunft ist pro Nacht ab 430 Euro zu haben, Mindestaufenthalt zwei Nächte. Um das Marketing kümmert sich Sabrina Dedler selber. «Social Media sind dabei enorm wichtig», erklärt sie. 

Bild: Instagram @panoramaglasslodge

Bild: Instagram @panoramaglasslodge

Bald stehen weitere Lodges im Süden der Insel

Was das erste Ferienhaus eingebracht hat, haben die beiden wieder investiert. Die Firma ist in Familienhand, weitere Investoren kamen bisher nicht zum Zug. «Das ist ein Langzeitprojekt und wir wollen nicht, dass uns jemand reinredet. Fremde Investoren sind viel zu profitorientiert.» Die Dedlers wollen kein Resort mit vielen Gebäuden aufbauen. «Die Gäste sollen das Gefühl haben, alleine in der Landschaft zu sein und die Natur geniessen zu können.» Die jeweiligen Grundstücke gehören dem Paar.

Standorte der Ferienhäuser

Das zweite Grundstück in Hella im Süden von Island ist rund 45'000 Quadratmeter gross. Zunächst kommen auf dieser Fläche von etwa fünf Fussballfeldern zwei Häuser zu stehen. Die Glashütten produzierte eine Firma in Estland und anschliessend wurden sie nach Island verschifft. Das estnische Unternehmen sei das einzige, das bereit sei, alle Wünsche umzusetzen.

So sehen die neuen Häuschen aus. Bild: Instagram @panoramaglasslodge

So sehen die neuen Häuschen aus. Bild: Instagram @panoramaglasslodge

Auf Lokales setzt das Paar bei anderen Dingen, etwa der Kosmetik. «Handseife, Duschmittel, Shampoo und weitere Artikel beziehen wir von einer isländischen Bio-Firma und nutzen Nachfüllpackungen. Die Flaschen werden nicht nach einmaligem Gebrauch weggeworfen», so die Hair- und Make-Up-Artistin. Zudem würde in Island Strom zu hundert Prozent aus erneuerbaren Energien gewonnen.

Am Sonntag sind die neuen Häuser in Island eingetroffen und wenn alles nach Plan läuft, werden sie Ende 2019 eröffnet. Auf dem Gelände mussten Strom- und Wasserleitungen sowie ein Parkplatz gebaut und ein Gehweg zu den Gebäuden erstellt werden. Um alle Bewilligungen und Lizenzen zu erhalten, war der Aufwand gross. Die Pläne müssen beispielsweise alle von einem isländischen Architekten stammen, obwohl die Dokumente bereits von der Herstellerfirma der Lodges bereitgestellt wurden. Auflagen gibt es auch hinsichtlich der Bauplanung: Gebäude dürfen nicht höher als 5 Meter sein und müssen sich optisch in die Landschaft einfügen. Der Mindestabstand zum Wasser beträgt 50 Meter. Bis in ein paar Jahren sollen auf dem zweiten Grundstück sechs Häuser stehen. Dazu wird das Gelände teilweise aufgeschüttet und zwecks Sichtschutz hügeliger gestaltet. Dies ist der Ausblick vom Grundstück im Süden auf einen Vulkan und einen Fluss:

Bild: Instagram @panoramaglasslodge

Bild: Instagram @panoramaglasslodge

In das Projekt investierte die Familie ihr gesamtes Erspartes. «In der Schweiz hätten wir unser Business mit demselben Budget nicht aufziehen können, vor allem wegen des Landkaufes», sagt Dedler.

Familienfreundliche Lebensweise begeistert

An Island mag die Luzernerin nebst Klima und Natur die entspannte Lebensweise. «Hier sind alle Duzis, die Menschen sind sehr offen und spontan. Sie sind überhaupt nicht konservativ und es geht nicht immer nur um Karriere», beschreibt Dedler die Isländer. Und sie seien extrem familienfreundlich. «Man kann bei der Arbeit sagen ‘Mein Kind ist krank’, ohne dass mit den Augen gerollt wird oder bei geschlossenem Kindergarten die Kinder sogar mit zur Arbeit nehmen.»

Dafür benötigen die beiden Unternehmer mehr Geduld, beispielsweise um Handwerker zu organisieren. Manchmal dauere es Tage, bis Firmen ein E-Mail beantworten würden oder Kunden müssten erst anrufen. «Dies bremst einen natürlich», so Dedler. «Manchmal ist dies aber gar nicht so schlecht», befindet sie. «Ich zähle die Arbeitsstunden nicht, aber ich spüre weniger Druck. Ich war viel gestresster in der Schweiz. Obwohl ich viel erledige, bleibt genügend Zeit für Familie und Freunde.»

In Island vermisst Sabrina Dedler «nur Magenbrot und Rösti.» Die erhältlichen Kartoffeln seien dafür nicht geeignet. Besucht die Familie die Schweiz, deckt sie sich mit Kleidern und Medikamenten ein, die in Island teurer sind. Der Winter auf der Insel kann ihr aber nichts anhaben. «Er ist milder als in der Schweiz und wunderschön, vor allem, wenn Nordlichter zu sehen sind.»

Nordlichter zeigen sich am Himmel über der Panorama-Glass-Lodge. (Bild: PD)

Nordlichter zeigen sich am Himmel über der Panorama-Glass-Lodge. (Bild: PD)

Hinweis: Mehr zu den Ferienhäusern auf panoramaglasslodge.com, Hair- und Make-Up-Artist pinkcolour.is

Einwohner und Tourismus in Island

Bevölkerung: Anfang 2019 zählte Island knapp 357'000 Einwohner, davon sind über 11'500 Männer und Frauen (3,2 Prozent) erst 2018 eingewandert. Etwa zwei Drittel aller Einwohner leben im Grossraum Reykjavik. Das Nationale Institut für Statistik schätzt, dass im Jahr 2025 rund 370'000 bis 400'000 Menschen in Island leben werden.

Wirtschaft: Der Tourismus ist für Island mittlerweile ein wichtiger Faktor. Die Branche ist in den letzten Jahren rasant gewachsen. 2010 besuchten noch weniger als 500'000 Touristen die Insel. 2017 waren es bereits 2,23 Millionen Menschen gemäss Zahlen der World Tourist Organisation. Es waren also etwa sechsmal mehr Touristen als Einwohner in Island unterwegs. Mit 103'000 Quadratkilometern ist die Insel etwa zweieinhalb Mal so gross wie die Schweiz und trotz Bevölkerungswachstum eines der am dünnsten besiedelten Länder Europas. Der Tourismus sorgte in Island 2017 für über 12 Prozent des Bruttoinlandproduktes (BIP). In der Schweiz lag der BIP-Anteil der Branche im selben Jahr bei rund drei Prozent.