Mitgefühl von den USA bis nach Japan

Über den Brand der Kapellbrücke ist weltweit berichtet worden. Die Anteilnahme war so gross, dass Luzern von Spenden überschwemmt wurde.

Christian Hodel
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Nach dem Brand: Viele Einheimische und Touristen besuchen die Kapellbrücke um das Ausmass der Tragödie mit eigenen Augen zu sehen. (KEYSTONE/Str)

Nach dem Brand: Viele Einheimische und Touristen besuchen die Kapellbrücke um das Ausmass der Tragödie mit eigenen Augen zu sehen. (KEYSTONE/Str)

Am 19. August lief bei Verkehrsdirektor Kurt H. Illi das Telefon heiss. Radiostationen aus der ganzen Welt forderten telefonisch Informationen und Interviews an. Illi beantwortete die Fragen so gut wie möglich.

Radiostationen der BBC in London bis zum Sender ABC in Tokio meldeten sich. «France Inter rief an, Radio Dubai, Radio Hongkong, Radio Johannesburg und ABC New York», schrieb damals die «Luzerner Zeitung». Deutsche Radiostationen berichteten bereits nach 5 Uhr morgens über die Katastrophe. Das Schweizer Fernsehen war ab 8 Uhr live vor Ort, und auch CNN widmete der brennenden Kapellbrücke einen Beitrag zur Primetime.

Titelseite: «Luzern weint»

Das Ereignis schaffte es auch auf die Titelseiten der internationalen Presse. Die italienische Zeitung «Corriere della Sera» schrieb etwa: «Luzern – die historische Brücke in Asche». Die «USA Today» verwies darauf, dass die für USTouristen wichtige Brücke wieder aufgebaut werde. Die «Frankfurter Allgemeine Zeitung» meinte, dass die zerstörte Brücke neben dem Matterhorn der zweitwichtigste Werbeträger der Schweiz sei. Eine der grossen Tageszeitungen in Japan, «Ashai», zeigte auf der Titelseite das Flammeninferno riesig im Bild. Darunter stand: «Ein Stück Schweizer Geschichte in Flammen.» Und auf der «Blick»-Frontseite hiess es schlicht und ergreifend: «Luzern weint».

Wie Kondolenzschreiben

Das weltweite Interesse liess auch in den darauffolgenden Tagen nicht nach, nachdem der Stadtrat bekannt gegeben hatte, die Brücke unverzüglich wieder aufzubauen. Werner Schnieper war damals Baudirektor. Heute, 20 Jahre später, sagt er: «Es gab Anrufe und Schreiben von überall. Privatpersonen aus den USA oder Südafrika schickten Checks nach Luzern, um den Wiederaufbau zu unterstützen. » 10 Dollar oder gar 50 lagen den Briefen bei, die sich wie Kondolenzschreiben lesen.

Eine Flut der Anteilnahme brach über Luzern herein. Künstler, Sportler und gar Bundesräte zeigten sich schockiert. Der Kunstmaler Hans Erni sprach von einem «Todesfall für Luzern», und Bundesrat Adolf Ogi beschloss kurzerhand, mit einer Sondermarke der PTT den brandgeschädigten Luzernern zu helfen. Der Kunde zahlte 80 Rappen und zusätzlich 20 Rappen für den Aufbau der Brücke. Zehn Millionen Stück wurden gefertigt, letztlich aber wurde nur etwa ein Fünftel davon verkauft. Immerhin: Über 350 000 Franken an Spendengeldern kamen zusammen.

«Es darf nicht wahr sein»

Bei den Redaktionen der beiden Luzerner Zeitungen, den «Luzerner Neusten Nachrichten» und der «Luzerner Zeitung», meldeten sich Leute aus aller Welt. Am 18. August etwa erreichte die Redaktion der «LZ» ein Fax von Pio Eggstein aus Johannesburg. «Am Spätnachmittag ist die Nachricht vom Brand der Kapellbrücke unter der Luzerner Gemeinde in Südafrika durchgesickert», schrieb er. «Wir alle fühlen uns zutiefst betroffen, sind wir doch mit dieser Brücke aufgewachsen. Die besinnliche Wanderung über die Kapellbrücke gehörte zum Ritual jedes Heimaturlaubes. Und all dies soll nun in Flammen aufgegangen sein? Es ist schwer zu fassen.» Aus Australien erreichte die Redaktion folgendes Schreiben: «Es darf nicht wahr sein, so lauteten die Reaktionen aller Schweizer, die sich gestern Abend im Schweizerclub von Melbourne zum Nachtessen mit anschliessendem Jass eingefunden haben.» In Melbourne werde der Verlust als eine Tragödie betrachtet. Bestimmt werde ein Komitee für den Wiederaufbau gegründet, das Gaben, auch aus dem Ausland, entgegennehme. «Auch wir hier in Melbourne sind bereit, einen Beitrag zu leisten.»

Auch die Luzerner selber unterstützten den Aufbau der neuen Kapellbrücke. Der Hotelverein Luzern etwa spendete spontan 50 000 Franken. Der Quartierverein Obergrund organisierte für den Samstag, 21. August, ein Quartierfest im Lindengarten. Der Erlös floss in den Aufbau der Kapellbrücke. Total gingen an Spendengeldern fast eine halbe Million Franken auf verschiedene Konti ein. Die Wiederherstellung der Brücke und die Reparaturen am Wasserturm kosteten rund 3 Millionen Franken. Versichert waren sie für rund 2,6 Millionen.

Am 14. April 1994 wiedereröffnet

Finanziell war der Aufbau kein Problem, auch technisch ging es rasch vorwärts. Nur acht Monate nach dem Brand, am 14. April 1994, wurde die neue Kapellbrücke eröffnet. Mit tosendem Applaus und einem Airbus der Swissair, der über die Köpfe der 15 000 Zuschauer flog und Blumen regnen liess. Luzern war wieder Thema Nummer eins: rund um die Welt. 200 Journalisten berichteten live und forderten Informationen an. Bei Verkehrsdirektor Kurt H. Illi, der 17 Jahre später, im November 2010, starb, lief das Telefon heiss. Und diesmal freute sich die ganze Welt mit ihm.

Erstmals publiziert in der Ausgabe zum 20. Jahrestag des Brandes am 16. August 2013.