MONATSINTERVIEW: «Meine Flanken waren fürchterlich»

Kult-Komiker Emil Steinberger (80) über seine Liebe zum FC Luzern, das Geheimnis seiner ­Gesundheit – und was ihm am Sportbusiness missfällt.

Interview Nicola Berger und Andreas Ineichen
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80 Jahre alt, fit und zufrieden: Emil Steinberger auf dem Balkon «seiner» Suite im Hotel Schweizerhof mit Blick auf die Stadt Luzern. (Bild: Pius Amrein)

80 Jahre alt, fit und zufrieden: Emil Steinberger auf dem Balkon «seiner» Suite im Hotel Schweizerhof mit Blick auf die Stadt Luzern. (Bild: Pius Amrein)

Emil Steinberger, Sie wurden vor wenigen Wochen zum Ehren-«Rüüdige Lozärner» ernannt. Wer so mit Luzern verbunden ist, kommt am FCL doch fast nicht vorbei, oder?

Emil Steinberger: Das ist so. Ich bin als FCL-Fan aufgewachsen und mit meinem Vater oft auf die Allmend gepilgert. Er war immer sehr nervös und hat mit den Füssen gescharrt. Nach dem Spiel war an seinem Platz immer eine kleine Grube auszumachen.

Was verbinden Sie mit dem FCL?

Steinberger: Auf der einen Seite einen peinlichen Stadionbesuch. Vor 30 Jahren war ich an einem ausverkauften Spiel gegen GC. Plötzlich kommt eine Speaker-Durchsage: «Der Besitzer des Autos mit dem Nummernschild 32 437 soll sofort umparken, sonst wird das Fahrzeug abgeschleppt.» Ich habe mir gedacht: Das ist oberpeinlich, wenn ich jetzt einfach gehe, dann weiss ja jeder, dass das mein Auto ist. Also habe ich fünf Minuten gewartet und bin dann gegangen. (schmuzelt) Und auf der anderen Seite verbinde ich mit dem FCL natürlich wunderbare Charakterspieler wie Cervini, Sidler und natürlich Wehrli. Die haben Freude bereitet, weil man sich mit ihnen identifizieren konnte. Heute ist das ja anders, die meisten Spieler wechseln die Klubs wahnsinnig häufig. Für mich ist diese Söldnermentalität fast ein «Bschiss» am Fan.

Was wäre denn Ihre Lösung? Ein FCL, der aus Luzernern besteht?

Steinberger: Das wäre optimal, aber mir ist bewusst, dass das unrealistisch ist. Es spielt auch keine Rolle, ob Luzerner oder Ausländer. Sondern darum, dass die Spieler dem Verein treu bleiben. Aber mit der heutigen Lohnstruktur im internationalen Fussball läuft es eben anders. Für die Millionensummen fehlt mir das Verständnis, und ich denke, dass es nur eine Frage der Zeit ist, bis das ein grosses gesellschaftliches Thema wird. Zwischen den Bonzen der Finanzbranche und den besten Fussballern der Welt gibt es vom Lohn her kaum noch einen Unterschied. Das sind teilweise ungeheuerliche Summen, die für mich kaum zu rechtfertigen sind. Ich mag es den Spielern ja gönnen, wenn sie gut verdienen. Aber man kann ja mit 40 Jahren durchaus auch noch arbeiten, oder?

Gehen Sie heute noch ins Stadion?

Steinberger: Kaum mehr. Aber ich verfolge die Resultate, lese die Zeitungen. Ich habe nicht ganz verstanden, weshalb Yakin entlassen wurde. Beim FCL geht es immer rauf und runter. Auf eine kleine Euphorie folgt stets der nächste Hammer. Aber das sind wir FCL-Fans uns inzwischen gewöhnt, man hat eine gewisse Leidensfähigkeit entwickelt. Insgesamt habe ich aber den Eindruck, dass gut gearbeitet wird. Das neue Stadion gefällt mir prächtig.

Wir treffen Sie im Hotel Schweizerhof, wo es mit dem Zimmer 168 neuerdings eine spezielle «Emil»-Junior-Suite gibt. Was für eine Beziehung haben Sie zum «Schweizerhof»-Chef Mike Hauser?

Steinberger: Wir kennen uns nur flüchtig. Die Sache mit der Suite war eine schöne Geste, das hat mich gefreut. Was Mike und den FCL betrifft: Ich habe Respekt vor seiner Rolle. Für Klubpräsidenten gibt es ja keine Ausbildung. Dabei bräuchte es das vielleicht. Seminare und so weiter. Wie soll man es sonst lernen?

Haben Sie auch selber Fussball gespielt?

Steinberger: Früher, mit meinem Sohn Philipp, ja. Wir haben es jeweils auf der Allmend versucht, aber da wurde man ja stets bloss verscheucht, weil die Allmend eben doch nicht für alle da war. Darüber habe ich später sogar ein Theaterstück geschrieben. Und dann habe ich Fussball gespielt, als ich mit dem Circus Knie auf Tour war. Ich war auf dem Flügel, aber meine Flanken waren fürchterlich. Immerhin konnte ich zwei Halbzeiten durchspielen. Rolf Knie hat mich am nächsten Tag gefragt, warum ich keinen Muskelkater habe. Der Grund ist ganz einfach: Ich habe keine Muskeln.

Und mit 80 Jahren doch fit wie eh und je. Sind Sie so fit, weil Sie konsequent auf Sport verzichtet haben?

Steinberger: Ich habe meine Gelenke geschont, das stimmt. (lacht) Manchmal staune ich, wenn eigentlich sportliche Kollegen in meinem Alter kaum mehr eine Treppe heraufkommen.

Woran liegt das?

Steinberger: Kaputte Gelenke! Das Leben lang Langstrecke und Marathon gelaufen. Für den Körper kann das unmöglich gesund sein, und doch gibt es in der Öffentlichkeit eine riesige Lobby dafür.

Was hält Emil für die richtige Dosis?

Steinberger: Wenn man 20 Minuten pro Tag laufen geht, reicht das dem Körper. Nicht spazieren, nicht rennen, sondern laufen. Ich hatte jedenfalls nie Mühe mit der Ausdauer. Sogar der 100-Kilometer-Marsch im Militär war für mich kein Problem. Ab und zu habe ich sogar noch einen Kollegen gezogen, wenn der wieder eingenickt ist. (grinst)

Also wäre aus Ihnen eher ein Leichtathlet denn ein Fussballer geworden?

Steinberger: Als Läufer habe ich mich nicht so schlecht geschlagen, ja. Auf jeden Fall besser als im Kunstturnen. Barren, Pferd, mein Gott, ich war völlig unbegabt.

Das Talent und die Möglichkeit vorausgesetzt: Hätte Sie eine Sportlerkarriere überhaupt gereizt?

Steinberger: Überhaupt nicht. Das wäre mir zu einfach, zu eintönig gewesen. Im Leben braucht man doch Abwechslung. Ich fände es beispielsweise gut, würden Fussballtrainer mit ihren Teams auch einmal ins Theater gehen.

Sie können die FCL-Fussballer ja mal in eine «Emil»-Vorstellung einladen …

Steinberger: Ach, die sollen einfach vorbeikommen, wenn sie wollen.

Wir fragen doch noch mal nach: Ist Ihre gute Gesundheit wirklich in keinem Geheimnis begründet?

Steinberger: Kein Geheimnis, nein. Ich denke, es hilft, wenn man aktiv und neugierig bleibt. In meinem Leben geschieht immer etwas, ich arbeite viel, und diese Rastlosigkeit hält mich fit. Wenn ich merke, dass eine Grippe im Anmarsch ist, gebe ich eine Vorstellung, sauge die positive Energie eines zufriedenen Publikums auf – und schwupps, weg sind die Symptome. Leute glücklich zu machen, ist für mich die beste Medizin überhaupt.

Also hilft Ihnen die Bühnenpräsenz dabei, fit zu bleiben?

Steinberger: In meinem aktuellen Programm sitze ich von 100 Minuten exakt 100. Körperlich also nicht, aber was den Geist angeht auf jeden Fall, ja.

Gibt es Dinge, die Sie am Sport stören?

Steinberger: Ja. Der Sport besetzt einen ganzen TV-Kanal.

Nämlich?

Steinberger: Als SF 2 geboren wurde, habe ich mir gewünscht, dass es dort auch Platz für kulturelle Gefässe gibt. Für TV-Experimente auch. Aber es läuft ja nichts anderes als Sport und Serien.

Was irritiert Sie sonst?

Steinberger: Das Extreme gefällt mir nicht. Wenn Nationen gegeneinander antreten und die Spiele dann teilweise schon fast mit Kriegsrhetorik angefeuert werden. Was ich übertrieben finde, ist, dass es nur Schwarz oder Weiss gibt. Wenn einer den Penalty versenkt, ist er am nächsten Tag in der Zeitung der Held, wenn er verschiesst, ist er der Depp. Manchmal empfinde ich fast Mitleid mit den Sportlern. Im Ski alpin oder in der Leichtathletik etwa, wenn manchmal Tausendstel über Sieg oder Niederlage entscheiden. Das ist doch purer Zufall und für mich kein Massstab für eine Leistung.

Sie kommen aus dem Kulturbereich, waren Theaterbetreiber. Gibt es aus der Kulturecke auch einen gewissen Neid auf den Sport? Weil dieser viel stärker kommerzialisiert ist?

Steinberger: Neid nicht, aber es wird schon mit zwei verschiedenen Ellen gemessen. Der Sport hat es diesbezüglich sicher einfacher. Jedes Detail wird in die Zeitungsspalten gerückt. Als ich das Kleintheater Luzern geführt habe, musste ich auf den Redaktionen um jeden Beitrag betteln. Das hat sich glücklicherweise geändert, heute gibt es ja wirklich tolle Kulturbeilagen. Es gibt aber auch Dinge, die gleich geblieben sind. Die Sportler geben ihre Interviews vor einer Videowand mit 20 Firmenlogos. Bei uns dagegen ist es schon verpönt, wenn wir einmal eine Schallplatte in die Kamera halten.

Hinweis

Die im Text erwähnte «Emil»-Junior-Suite im Hotel Schweizerhof ist in der Nebensaison ab 500 Franken pro Nacht buchbar.

Emil Steinberger gilt als einer der wichtigsten und populärsten Schweizer Kabarettisten des letzten Jahrhunderts. Mit seiner Kultfigur «Emil» schaffte er es in der Schweiz zum Volksgut – und den Durchbruch auch in Deutschland. Auch mit 80 Jahren tourt Steinberger munter durch die Lande. Die Termine für seine praktisch immer weit im voraus ausverkauften Vorstellungen finden sich auf der Internetseite www.emil.ch

Persönlichkeiten reden über Sport

ain. In losen Abständen redet eine prominente Persönlichkeit aus Wirtschaft, Politik, Kultur oder Gesellschaft über ihren persönlichen Bezug zur Welt des Sports. Dabei geht es darum, Analogien und Anknüpfungspunkte zwischen Sport und Wirkungskreis des Interviewpartners aufzuzeigen. Aber auch sein ganz persönliches Verhältnis zum Sport. Bereits erschienen sind die Monatsinterviews mit Daniel Vasella, Peter Bichsel, Heinz Karrer, Filippo Leutenegger, Anatole Taubman, Franz Julen, Carla Del Ponte, Endo Anaconda, Adolf Ogi, Hans Saner, Dominique Mentha, Kurt Koch, Roger Köppel, Georg Portmann und Chris von Rohr.