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MONGOLEI: Hier plant ein Ebikoner die Zukunft

Ganze Teile der mongolischen Hauptstadt Ulan Bator sollen bis 2030 umgebaut werden. Den grössten Stadtteil plant der Ebikoner Architekt Marco Wey. Die Umsiedlung von Zehn tausenden Bewohnern soll freiwillig passieren, betont er.
Pirmin Bossart
Wo die Einwohner heute in Jurten und Holzhäusern wohnen, werden für sie bis 2030 moderne Siedlungen errichtet - konzipiert von Architekt Marco Wey. (Bild: Visualisierung PD)

Wo die Einwohner heute in Jurten und Holzhäusern wohnen, werden für sie bis 2030 moderne Siedlungen errichtet - konzipiert von Architekt Marco Wey. (Bild: Visualisierung PD)

Der freundliche Herr am Tisch spricht leise und wirkt vergnügt. Kein Wunder: Man bekommt ja nicht jeden Tag einen Auftrag, bei dem man mit aller Kreativität aus dem Vollen schöpfen kann. Marco Wey aus Ebikon, der seit 47 Jahren als selbstständiger Architekt arbeitet, hat dieses Glück. Der 69-Jährige ist daran, in der Mongolei auf über 650 Hektaren – also einer Fläche, die ungefähr so gross ist wie tausend Fussballfelder – eine neue Stadt zu gestalten. «Wir suchten einen verrückten und erfahrenen Schweizer Architekten mit kreativen Ideen, der mit uns in der Mongolei arbeiten wollte. Marco Wey wurde mir empfohlen», sagt Reinhold W. Lueckhardt.

Bentonit-Vorkommen

Lueckhardt ist Präsident des Verwaltungsrates der Anunnaki Minerals Group im aargauischen Menziken. Das Bergbau- und Immobilien-Unternehmen hat die Mongolei als neuen Jagdgrund und neues Betätigungsfeld entdeckt. 2011 reiste Lueckhardt zum ersten Mal in die Mongolei auf der Suche nach dem geologischen Wunderrohstoff Bentonit, aus dem sich über 100 verschiedene Produkte, insbesondere Baumaterialien, herstellen lassen. Der deutsche Unternehmer hatte Glück: «Es ist mir gelungen, an der Grenze zu China eines der weltweit grössten Vorkommen von Bentonit zu entdecken. Vielleicht das grösste überhaupt», sagt er.

Seitdem hat Lueckhardt, der sich als «grosser Fan der Mongolei» bezeichnet und mittlerweile auch mit einer Mongolin verlobt ist, alle Hebel in Bewegung gesetzt, um in diesem ostsibirischen Land tätig zu werden. Dieses Jahr soll eine Fabrik eröffnet werden, in der Bentonit aufbereitet und dann in andere asiatische Länder exportiert wird. Seine Kontakte mit Diplomaten und Staatsmännern, die er rege pflegt, haben dazu geführt, dass er jetzt auch im Immobilienbereich mitmischen und im Südwesten der Hauptstadt Ulan Bator (auch Ulaanbaatar genannt), dem Khan-Uul-Distrikt, einen neuen Stadtteil aufbauen kann.

Inspiration aus Natur und Tradition

Die neue Stadt wird die Handschrift von Architekt Marco Wey tragen. Im betroffenen Gebiet, das rund einem Zehntel der Stadtfläche von Ulan Bator entspricht, leben derzeit rund 70 000 Menschen. Sie wohnen in Jurten, einfachsten Holzhäusern oder sowjetisch geprägten, eng gebauten Betonblöcken. Auf diesem Gelände plant Wey eine moderne Stadt mit verschiedenen Einheiten, die wie ein Mandala angeordnet sind. «Ich habe drei Schwerpunkte», sagt Wey. «Die Stadt muss ökologisch sein. Sie muss in ihrer Architektur die Tradition der mongolischen Wohnweise aufnehmen. Und sie muss eine soziologisch vielfältige Struktur ermöglichen.»

Wey hat bereits ein paar innovative Wohneinheiten konzipiert, die in Ulan Bator zur Anwendung kommen sollen. «Ich habe mich schon länger mit dem amerikanischen Architekten und Philosophen R. Buckminster Fuller beschäftigt und die von ihm entwickelten geodätische Kuppelkonstruktionen studiert.» Jetzt hat Wey ein System entwickelt, wie sich mehrere Jurten nach diesem Prinzip zusammenfügen lassen (siehe Bild). «Dadurch entsteht eine neuartige Wohnform, die aus der nomadischen Wohnweise der Mongolen abgeleitet ist. Neben diesen zusammengekoppelten Jurten sollen im neuen Stadtteil auch Reihenhäuser und sogenannte Tomgers gebaut werden. Tomgers sind dreigeschossige Gebäudeeinheiten, die Wey nach dem veränderten Vorbild der Blockrand-Siedlungen konzipiert hat. Eine solche Wohneinheit wird Platz für 43 Familien bieten. Sie sind wie die Blütenblätter einer Blume im Kreis angeordnet. In der Mitte des Stadtteils werden die Gebäude mit Zentrumsfunktionen (Bank, Shopping, Dienstleistungen) angeordnet sowie wird Wohnraum für das Luxussegment angeboten.

«Qualitätssprung» für die Bewohner

Wey betont, dass sich seine Gebäudeeinheiten nicht nur als sinnvolle soziologische Einheiten mit vielen Begegnungsmöglichkeiten begreifen lassen, sondern auch energieeffizient und mit ökologisch modernsten Technologien gebaut werden. Lueckhardt, der Wey für den Städtebau engagiert hat, geht davon aus, dass die künftigen Bewohner «einen Qualitätssprung» erfahren werden. Von den 1,4 Millionen Menschen in Ulan Bator lebten heute gerade 400 000 in festen Unterkünften. «Die restlichen Bewohner sind in Jurten und einfachen Holzhäusern untergebracht, die weder fliessendes Wasser noch Toiletten im Haus haben.»

Erst Schweigen, dann Begeisterung

Wey freut sich, dass seine Architektur, die traditionelle und moderne Elemente verbindet, bei den verantwortlichen Einheimischen schon mal sehr gut angekommen ist. Als er im Dezember das Projekt präsentierte, habe der mongolische Partnerarchitekt das Ganze zehn Minuten schweigend studiert und nichts gesagt: «Ich fürchtete schon, dass wir damit durchgefallen sind. Dann kam er zu mir, hat mich lange umarmt und gesagt, dass er noch nie so etwas Schönes gesehen habe.» Auch die verschiedenen Amtsstellen, bei denen er vorsprechen musste, hätten sich «ohne Wenn und Aber begeistert gezeigt».

«Tsagaau Uul» soll der neue Stadtteil heissen, was so viel wie «Edelweiss» bedeutet. Das hehre Alpenmythos-Blümchen ist auch in der Mongolei weit verbreitet. Vorerst plant das Konsortium den Stadtteil für eine Kapazität von 100 000 Menschen. «Aber wir rechnen damit, dass nach Ablauf der Bauphase im Jahr 2030 die Bevölkerung in diesem Gebiet auf 180 000 anwachsen wird.» Bis 2030 sollen 10 Milliarden Franken in das Projekt investiert werden. Als Geldgeber rechnet Lueckhardt mit der Weltbank, diversen Kreditgebern sowie staatlichen Stellen und supranationalen Finanzierungsinstituten. «Da sind wir bereits am Verhandeln.»

Kein schlechtes Gewissen

Bleibt die schwierigste Knacknuss: Die Umsiedlung der Bewohner. Wie soll das geschehen? Wollen die Menschen überhaupt ihre traditionellen Unterkünfte gegen diese vergleichsweise futuristischen Behausungen eintauschen? Wey hat kein schlechtes Gewissen. «Wir planen keine Vergewaltigungsszenarien, sondern bauen auf Freiwilligkeit.» Alle Bewohner werden in den nächsten Monaten von mehreren Equipen mit einem persönlichen Besuch und einem Fragebogen um ihre Meinung zu dieser Planung gefragt. Nur wenn 70 Prozent der Bewohner zustimmen, wird das Projekt weitergeführt werden.

Bei der Demokratiefrage schaltet sich auch Lueckhardt ein. «Das ist uns enorm wichtig. Der neue Stadtteil wird nicht umsonst so konzipiert, dass er demokratische Prozesse fördert und nicht unterbindet, wie das in der post-sowjetischen, anonymen Plattenbaustruktur der Fall ist.» Auch die Mongolen wollten demokratiefreundliche Strukturen: «Nicht zuletzt deshalb haben sie uns aus der Schweiz das Vertrauen gegeben.» Er sei auch daran, die schweizerische Berufsbildung bekannt zu machen und sie punktuell einzuführen – zum Beispiel in der neuen Bentonit-Fabrik. «Wir können hier Vorbilder sein.»

Der Vorsitzende der Anunnaki Minerals AG scheint seine Mission gefunden zu haben: Mitzuwirken an der Entwicklung des Schwellenlandes Mongolei, in dem 3,1 Millionen Menschen und 50 Millionen Huftiere leben. «Die Mongolei ist auf dem Weg, ein zweites Dubai zu werden. Das Land hat unglaubliche Rohstoffreserven. Die Zusammenarbeit mit der Regierung ist sehr positiv. Das Potenzial ist riesig.»

«Pioniere für Schweizer Wirtschaft»

Lueckhardt, der seit seiner Bekanntschaft mit dem Land vor vier Jahren sieben- bis achtmal jährlich in die Mongolei reist, ist Feuer und Flamme: «Wir verstehen uns auch als Pioniere für Schweizer Unternehmen, die eine Chance sehen, sich in Asien zu etablieren. Man kann in der Mongolei eigene Industrien aufbauen und von dort aus die asiatischen Märkte bedienen.» Was sagt Marco Wey? Er lächelt. «Es ist ein wunderbares Erlebnis. In der Schweiz ist der gestalterische Spielraum sehr eng, hier öffnet sich eine andere Welt. Das Projekt hat mir bis jetzt viel Arbeit beschert. Aber auch viel Freude.»

Seit Jahrzehnten im Geschäft

Marco Wey pb. Der gebürtige Luzerner Marco Wey (69) arbeitete früher in Luzern und Kriens, seit 30 Jahren ist er in Ebikon tätig. Er hat zahlreiche Terrassenhäuser und über 30 grössere Überbauungen realisiert. In Luzern konzipierte er unter anderem die Wohnüberbauungen Tribschen 1, 2 und 3 für den Bauherrn Jost Schumacher.
Marco Weys Vater war der Ingenieur Joseph Wey, der unter anderem den «Wey-Schieber» in der Hydromechanik erfunden hat. Auch Marco Wey hat sich in früheren Jahren mit Industrial Design beschäftigt. «Ich habe beispielsweise schon vor 40 Jahren ein Patent für einen Solarziegel angemeldet und den heute erfolgreichsten Deltasegler entwickelt», sagt er.

Pirmin Bossart

Wo die Einwohner heute in Jurten und Holzhäusern wohnen, werden für sie bis 2030 moderne Siedlungen errichtet - konzipiert von Architekt Marco Wey. (Bild: Visualisierung PD)

Wo die Einwohner heute in Jurten und Holzhäusern wohnen, werden für sie bis 2030 moderne Siedlungen errichtet - konzipiert von Architekt Marco Wey. (Bild: Visualisierung PD)

Wo die Einwohner heute in Jurten und Holzhäusern wohnen, werden für sie bis 2030 moderne Siedlungen errichtet - konzipiert von Architekt Marco Wey. (Bild: Visualisierung PD)

Wo die Einwohner heute in Jurten und Holzhäusern wohnen, werden für sie bis 2030 moderne Siedlungen errichtet - konzipiert von Architekt Marco Wey. (Bild: Visualisierung PD)

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