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Zwischen Dorf und Stadt: Darum sind die Ebikoner beim MParc-Projekt skeptisch

Warum polarisiert die Abstimmung zum MParc-Areal so stark? Ist Ebikon mit fast 14'000 Einwohnern wirklich noch Dorf oder schon Stadt? Es geht am 10. Februar auch um Identität, um Wachstumsängste. Das zeigt ein Rundgang in der Gemeinde.
Roman Hodel
Dorfidylle pur: Die Dorfstrasse im Bereich der Pfarrkirche. (Bild: Boris Bürgisser (Ebikon, 18. Januar 2019))

Dorfidylle pur: Die Dorfstrasse im Bereich der Pfarrkirche. (Bild: Boris Bürgisser (Ebikon, 18. Januar 2019))

In die Briefkästen der Ebikoner flatterte kürzlich ein Prospekt. «Ein Quartier für alle» und «ein Gewinn» steht darauf geschrieben. Damit wirbt die Migros für ein Ja am 10. Februar zum Bebauungsplan und zur Umzonung Weichle. Nur dann kann sie auf dem MParc-Areal eine Überbauung mit total 340 Wohnungen unter anderem in einem 55-Meter-Turm realisieren. Auf Fotos im Prospekt sieht man Kinder, die in einem Hochbeet herumstochern oder einen jungen Mann mit Gitarre, offenbar ein WG-Bewohner. Dazu Visualisierungen eines dicht bebauten, städtisch anmutenden Wohnquartiers mit begrünten, grossen Terrassen. Eines, das geradeso gut in Luzern oder Zürich stehen könnte.

Und genau dies stört viele Ebikoner. Sie wollen keine Städter sein. Etwa die zwei Frauen über 50, die in einem Kiosk an der Zentralstrasse zusammensitzen. «Ich bin dagegen», sagt eine. «Allgemein wird alles zugebaut, es gibt daher immer mehr Überschwemmungen – und wir verlieren den Dorfcharakter.» Die andere wirft ein: «Wir haben schon heute zu viele Wohnungen – und jene, die auf dem MParc-Areal geplant sind, können wir uns sowieso nicht leisten.» Nur der einzige Mann am Tisch hält dagegen: «Für mich ist es ein gutes Projekt.»

Mit diesem Prospekt ist die Migros auf Stimmenfang:

Die Stimmung im Kiosk ist bezeichnend für ganz Ebikon: Der MParc polarisiert. In nahezu jeder politischen Partei finden sich Befürworter und Gegner. Hört man sich bei den Gegnern um, befürchten viele ein zu rasantes Wachstum, den Verlust von Identität. Bei den Befürwortern wiederum heisst es, die Ebikoner seien überhaupt wieder konservativer unterwegs als auch schon. Wirklich? Besuch im «Löwen». Der Gasthof galt lange als erstes Haus am Platz, diente zuletzt jedoch als Asylunterkunft. Seit Anfang Jahr ist immerhin die Bar wieder geöffnet (wir berichteten). «Ebikon braucht kein solches Quartier – es wird sowieso viel zu viel gebaut», sagt ein Mann mittleren Alters, der mit zwei Kumpels beim Feierabendbier am Tresen sitzt. Die beiden anderen sagen: Nichts. An einem Tischchen prosten sich eine Mutter und ihre Söhne, beides Mittdreissiger, zu. Sie sagt:

«Ich habe lange im MParc gearbeitet, deshalb werde ich schon Ja stimmen.»

Ihre Söhne würden auch Ja sagen, wenn sie denn könnten. Nur: Die beiden leben nicht mehr hier. Sie loben aber die Verdichtung mit Blick auf das knappe Gut Boden oder auch den Umstand, dass pro Wohnung nur 0,6 Parkplätze geplant sind. «Ungünstig finden wir allerdings, dass solche Überbauungen meist gebaut werden, bevor die Gemeinde die nötige Infrastruktur wie Schulen bereitstellen kann», sagen sie. «Eigentlich müsste es umgekehrt sein.»

Urban statt dörflich: Im Zentrum, rund um das Gemeindehaus (ganz links, leicht angeschnitten) ist Ebikon schon heute dicht bebaut. (Bild: Boris Bürgisser (Ebikon, 18. Januar 2019))

Urban statt dörflich: Im Zentrum, rund um das Gemeindehaus (ganz links, leicht angeschnitten) ist Ebikon schon heute dicht bebaut. (Bild: Boris Bürgisser (Ebikon, 18. Januar 2019))

Szenenwechsel: An den Hängen über Ebikon liegen die attraktiven Wohnlagen. Hier wohnt der obere Mittelstand, vornehmlich im Eigenheim. Eine Frau mittleren Alters öffnet die Türe eines Einfamilienhauses. «Meine Meinung? Ich stimme Nein», sagt sie. Es würde «übertrieben» viel gebaut. Zudem brächten diese Wohnungen kaum die erhofften guten Steuerzahler. Auch wegen der knausrigen Anzahl Parkplätze, wer wolle da schon wohnen? Und weiter:

«Die Leidtragenden sind dann die umliegenden Quartiere, wo ein Parkchaos droht.»

Die Skepsis vieler Ebikoner gegenüber dem geplanten MParc-Quartier erstaunt Politgeograf Michael Hermann nicht: «Ebikon ist zwar kein Dorf mehr, aber eben auch keine Stadt und genau dies macht es für die Gemeinde schwierig, sich zu definieren.» Dazu komme: Viele Bewohner solcher Orte sähen sich als Landbewohner und nähmen Urbanisierung als Bedrohung wahr. «Natürlich verändert sich der Charakter eines Dorfes mit solchen Überbauungen, aber diese Veränderung hat in Ebikon schon längst eingesetzt», sagt Hermann und nennt auch gleich den Grund dafür: «Die Gemeinde liegt stadtnah an einer wichtigen Verkehrsachse, das setzt sie punkto Wachstum unter Druck.»

So könnte es auf dem MParc-Areal dereinst aussehen. Blick in die Weichlenstrasse, links ist die Glashalle des ehemaligen Migros-Gartencenters erkennbar. Diese soll bestehen bleiben. So könnte es auf dem MParc-Areal dereinst aussehen. Blick in die Weichlenstrasse, links ist die Glashalle des ehemaligen Migros-Gartencenters erkennbar. Diese soll bestehen bleiben.
Geplant sind diverse Wohnhäuser mit grossen Fensterflächen und viel Grün drumherum. Geplant sind diverse Wohnhäuser mit grossen Fensterflächen und viel Grün drumherum.
Zwischen den Gebäuden sind Begegnungszonen geplant.Zwischen den Gebäuden sind Begegnungszonen geplant.
Das Quartier soll laut laut der Migros ökologisch vorbildlich werden und Platz haben für die unterschiedlichsten Wohnformen.Das Quartier soll laut laut der Migros ökologisch vorbildlich werden und Platz haben für die unterschiedlichsten Wohnformen.
Das waren noch Zeiten: Geburtstagstorte zum 5-Jahr-Jubiläum des MParcs Ebikon. (Archivbild LZ (12. April 2002)Das waren noch Zeiten: Geburtstagstorte zum 5-Jahr-Jubiläum des MParcs Ebikon. (Archivbild LZ (12. April 2002)
Nach 20 Jahren Betrieb wurde das Zentrum im November 2017 geschlossen. Mit Ausnahme der Migrol-Tankstelle sind alle Migros-Formate in die Mall of Switzerland gezogen. (Bild: PD/Genossenschaft Migros Luzern)Nach 20 Jahren Betrieb wurde das Zentrum im November 2017 geschlossen. Mit Ausnahme der Migrol-Tankstelle sind alle Migros-Formate in die Mall of Switzerland gezogen. (Bild: PD/Genossenschaft Migros Luzern)
Auf dem Areal plant die Migros nun ein neues Quartier. Unter anderem ist ein 55 Meter hohes Hochhaus vorgesehen. (Visualisierungen: PD/Genossenschaft Migros Luzern)Auf dem Areal plant die Migros nun ein neues Quartier. Unter anderem ist ein 55 Meter hohes Hochhaus vorgesehen. (Visualisierungen: PD/Genossenschaft Migros Luzern)
Besucherinnen eines Infoanlasses zum Projekt beäugen das Modell des geplanten Quartiers. (Bild: hor (Ebikon, 27. November 2018))Besucherinnen eines Infoanlasses zum Projekt beäugen das Modell des geplanten Quartiers. (Bild: hor (Ebikon, 27. November 2018))
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Der alte MParc soll zum hippen Quartier werden

Ebikon ist laut Hermann kein Einzelfall: «In der Region Bern oder auch am Zürichsee wehrt sich die Bevölkerung mehrerer Gemeinden gegen Verdichtung.» Dass es auch anders gehe, zeigten grosse Agglomerationsgemeinden wie beispielsweise Emmen: «Sie sind bereits einen Schritt weiter und nutzen die Urbanisierung für ein besseres Image und haben damit Erfolg – etwa mit städtischen Quartieren auf Industriebrachen oder mit dem ÖV-Ausbau.»

Paradox am Ganzen ist gemäss Hermann nicht zuletzt der Umstand, dass die Weichen für die Zukunft oft von älteren Einwohnern gestellt werden, die davon wenig hätten. «Die Jüngeren sind politisch weniger aktiv – dabei sind sie es, die später von diesen Entscheidungen profitieren, oder darunter leiden.» Als Beispiel nennt der Politgeograf den Wohnungsbau:

«Mehr Wohnraum schaffen bedeutet unter anderem, dass die Mieten dadurch unter Druck geraten und sinken werden.»

Wobei: Es gibt auch viele ältere Ebikoner, die dem MParc-Vorhaben wohlgesinnt sind. Von einem Senioren-Trio, das in der Ladengasse Kaffeepause macht, wollen zwei ein Ja in die Urne legen. Ebenso eine Seniorin, die beim Pfarreiheim ihren Hund Gassi führt: «Sonst droht uns nur eine weitere Ruine, wie dieses unsägliche Gebäude über der Unterführung Richtung Buchrain.» Und das Hochhaus ist kein Störfaktor? «Wissen Sie», sagt die Frau, «ich wohne seit 50 Jahren hier und habe Ebikon gern – aber das Dorf gewinnt keinen Schönheitspreis, also kommt es auf dieses Hochhaus auch nicht mehr drauf an.»

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