MUSIK: Der König des Mittelmasses

So mancher rümpft beim Namen DJ Bobo die Nase. Das ist dem erfolgreichsten Showstar der Schweiz egal. Der Wahl-Luzerner über seine Macken, seine Vaterrolle und seinen Vater, den er erst mit 33 kennen lernte.

Interview Robert Bossart
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Bald steht er mit seiner neuen Show wieder im Rampenlicht, auf die Konzerte in der Schweiz freut sich DJ Bobo (46) besonders: «Das ist wie ein Klassentreffen mit 12 000 Leuten.» (Bild: Manuela Jans / Neue LZ)

Bald steht er mit seiner neuen Show wieder im Rampenlicht, auf die Konzerte in der Schweiz freut sich DJ Bobo (46) besonders: «Das ist wie ein Klassentreffen mit 12 000 Leuten.» (Bild: Manuela Jans / Neue LZ)

«Circus» heisst Ihre neue Show. Die Bühne ist gigantisch, wie man hört.

DJ Bobo: Es ist ein Clown, der in einer Halle sitzt, das Ganze ist 46 Meter hoch und wird mit Videotechnik bespielt, ähnlich wie die Lichtkunstinstallationen, wie sie etwa beim Bundeshaus in Bern zu sehen sind. Es ist riesengross.

Toppt diese Show alles Bisherige?

DJ Bobo: Eigentlich widerstrebt es mir als Schweizer, zu sagen: Die grösste Tour aller Zeiten – aber es ist leider so, geplant war es eigentlich nicht. Nun brauchen wir einen Sattelschlepper mehr, nämlich neun.

Täuscht der Eindruck, oder enthält die neue CD den einen oder anderen Song mit Hitpotenzial? «Fiesta Loca» zum Beispiel ...

DJ Bobo: Ein spanisch gesungener Song, der die Leichtigkeit und Bescheidenheit hat, den ein Hit haben muss. Ich könnte mir vorstellen, dass wir den im Frühling oder Sommer auskoppeln.

2003 waren wir in Sardinien auf einem Campingplatz bei 40 Grad. Jeden Abend ertönte bei der Kindershow bis zum Abwinken «Chihuahua», meine Tochter wippte mit den italienischen Kindern mit, den Song musste ich gefühlte 1000-mal über mich ergehen lassen. Und Sie wurden reich damit, eigentlich fies, nicht?

DJ Bobo: Nein, das ist schön – für mich (lacht). Die Italiener nannten den Song «Tormentone», Albtraum. Irgendwann wird es zu viel. Ich hatte ja Glück, dass ich kein «One-Hit-Wonder» bin. Wenn man einen derart aussergewöhnlich erfolgreichen Titel hat, kommt man gar nie mehr aus dem Schatten dieses Songs raus. Wir hatten Glück, dass wir uns wieder von «Chihuahua» befreien konnten. Alle Plattenfirmen auf der Welt wollten wieder einen solchen Song. Ich habe mich mit Händen und Füssen dagegen gewehrt.

Andere wären froh, Sie hätten einmal im Leben einen solchen Hit.

DJ Bobo: Schon, aber wenn du einen zweiten oder dritten nachschiebst, dann bist du in dieser Schublade und kommst nicht mehr raus.

Wollen Sie gar keinen Hit mehr?

DJ Bobo: Nein, das ist mir egal. Die Musikbranche ist völlig am Boden.

Jetzt übertreiben Sie aber.

DJ Bobo: Selbst wenn ich einen Hit lande, verdiene ich kaum mehr Geld damit. Der Umsatz in der Musikbranche ist noch ungefähr ein Viertel so gross wie vor zehn Jahren. Hinzu kommt, dass die Leute die Songs gar nicht mehr besitzen wollen – sie wollen sie nur noch konsumieren. Die Kids wollen keine CDs, keine Booklets, sie halten ihre Handys aneinander, und innerhalb von ein paar Minuten lädt der eine vom anderen 2000 Lieder rüber. Das müssen wir akzeptieren.

Sie haben im Mai ein Monsterprogramm und treten 19-mal in Deutschland und 3-mal in der Schweiz auf – ist das die Antwort auf den veränderten Musikmarkt?

DJ Bobo: Ja, in der gleichen Zeit haben sich nämlich die Umsätze in der Konzertbranche verdoppelt. Auch unsere Eintrittspreise haben sich massiv erhöht, ein normales Ticket kostet 100 Franken. So probiere ich, in diesem veränderten Markt zu bestehen.

In Luzern treten Sie nicht auf?

DJ Bobo: Es fehlt eine Halle, die gross genug ist für diese Bühne. Und Open-Air-tauglich ist sie leider nicht.

Wenn man rumfragt, wer Fan von DJ Bobo ist, rümpfen zwar viele die Nase, aber dennoch sind Sie der erfolgreichste Schweizer Showstar und füllen auch heute noch überall grosse Hallen. Wie machen Sie das?

DJ Bobo: Das Schwierigste ist die Konstanz über alle die Jahre. Am Anfang der Karriere bist du in, dann bist du out, das ist dann die nächste Phase.

Sind Sie out?

DJ Bobo: Ich bin bereits einen Schritt weiter. Wenn du die Zeit, in der du als out giltst, überstehst und erfolgreich bleiben kannst, dann wirst du Kult. Wir kommen in ein paar Jahren an den Punkt, wo diejenigen, die mit meiner Musik aufgewachsen sind, sich plötzlich wieder trauen, sich dazu zu bekennen. Die 25- bis 35-Jährigen fehlen uns zurzeit. Wenn du diese Leute wieder für dich gewinnen kannst, dann ist es perfekt. Man muss sie dazu bringen, ihre Jugend nicht mehr als schlecht zu empfinden, sondern sie zu glorifizieren. Das müssen wir schaffen.

Wer sind in der Schweiz Ihre Fans?

DJ Bobo: Das weiss ich ziemlich genau, dazu machen wir sogar Studien. In Deutschland haben wir nur 8 Prozent, die unter zwanzig sind, hier sind es aber 22 Prozent. Es gibt viele Familien, die an unsere Konzerte kommen, das ist aber nur hier so. Im Ausland sind es eher die 30- bis 50-Jährigen, in der Schweiz die 10- bis 20- und die 30- bis 60-Jährigen.

160 000 Zuschauer in Brasilien, 150 000 in der Ukraine, 150 000 in Albanien, das ist zwar schon eine Weile her, aber dennoch eindrücklich – gibt es auch Momente, in denen Sie sprachlos sind?

DJ Bobo: Das ist einmalig, vor allem auch die Emotionen. In Albanien zum Beispiel war das ein völlig anderes emotionales Gewitter, das auf mich zukam, als wenn in der Schweiz ein paar tausend brav auf ihren Stühlen sitzen.

Ist Ihnen das Schweizer Publikum zu unterkühlt?

DJ Bobo: Es ist nicht kühl. Der Schweizer – jetzt muss ich aufpassen, was ich sage – weiss, dass ich von seinem Stamm bin. Jeder in diesem Land hat irgendeine Geschichte mit mir, ein Gotti, das einen Freund hat, der ein Schulkollege war von mir, oder was auch immer. Dieses Land ist so klein und ich bin ein Teil davon. Ob man mich mag oder nicht – irgendwie bin ich da, in der Nähe. So sind auch die Konzerte: Wie ein Klassentreffen mit 12 000 Leuten. In Albanien ist es eher eine Hysterie, da bin ich eine Kunstfigur.

Können Sie in der Schweiz mehr Sie selber sein?

DJ Bobo: Definitiv, das erwarten die Leute sogar. Wehe ich spiele hier eine Rolle.

Sind Sie nervöser, wenn Sie vor heimischem Publikum auftreten?

DJ Bobo: Nervöser nicht, aber seriöser. Politische Witze oder Scherze über Randgruppen würde ich mir nie erlauben. Hier wird dir alles dreimal im Mund herumgedreht.

Sie sagen selbst über sich: «Ich bin ein mittelmässiger Komponist, ein mittelmässiger Tänzer, Rapper, Sänger – alles mittelmässig.» Ausser der Erfolg, der ist saumässig gut.

DJ Bobo: Das ist eine unserer grossen Stärken als Schweizer: Wir überschätzen uns nicht und wissen ziemlich genau, wo wir hingehören. Meine Kinder fragen mich: Papa, bin ich ein guter Goalie? Ja, antworte ich. Bin ich der Beste? Nein, sage ich dann, es gibt immer einen, der besser ist. Das ist bei mir auch so: Ich bin in meinem Genre ein guter Komponist, aber es gibt viel bessere.

Aber warum hat es ausgerechnet der René Baumann geschafft?

DJ Bobo: Weil man mit Fleiss viel weiter kommt als mit Talent. Talent allein reicht nicht, es gibt Leute, die begnadet sind – wenn sie keinen Biss haben, bringen sie es zu nichts. Mittelmässig Talentierte, die mit Fleiss dranbleiben, kommen viel weiter. Davon bin ich überzeugt. Ganz selten kommt es vor, dass Fleiss und Talent zusammenkommen, dann haben wir einen Michael Jackson oder einen Prince. Aber die haben oft menschliche Defizite und kommen im normalen Leben nicht zurecht.

Sie sind auf dem Boden geblieben.

DJ Bobo: Als Schweizer abheben? Unmöglich! Jedes Mal, wenn ich zurück in die Schweiz komme, muss ich umdenken. In Deutschland muss ich Gas geben, da ist alles «mega», und ich bin unheimlich super für die Leute. Der Schweizer will nicht hören, dass ich der Tollste bin. Es wird immer grundsätzlich alles hinterfragt: Warum er, warum nicht ich?

Sind wir neidisch auf alle, die Erfolg haben?

DJ Bobo: Ich weiss nicht, aber es darf niemand zu hoch hinaus. Selbst unsere Götter wie Roger Federer werden kritisch beäugt. Wenn er dreimal verliert, heisst es, dass er langsam zurücktreten sollte.

1990 haben Sie in Luzern als DJ gearbeitet. Heute wohnen Sie in Kastanienbaum. Fühlen Sie sich heimisch hier?

DJ Bobo: Sehr. Was mir gefällt, ist, dass Luzern wegen der vielen Touristen viel offener ist als andere Orte in diesem Land. Wir sind uns gewohnt, Ausländer hier zu haben, es sind unsere Gäste, sie tun dieser Stadt gut, und sie sind uns wichtig.

Sie waren seit vielen Jahren nicht mehr in einem Lebensmittelladen und fahren auch nie Bus oder Zug. Haben Sie Angst vor den Leuten?

DJ Bobo: Nein, ich habe mir ein Umfeld geschaffen, in dem ich das alles nicht tun muss. Ich verschanze mich nicht, ich mache einfach nur das, was mir Spass macht. Ich spiele Fussball und Hockey mit Kollegen – ich habe mir halt eine eigene Welt erschaffen, in der ich mich bewege. Aber ich gehe natürlich auch auf die Strasse, wo ich übrigens stets sehr freundlich behandelt und begrüsst werde.

Wenn Sie nicht auf Tour sind, wie sieht da Ihr Alltag aus?

DJ Bobo: Wir sind ein KMU mit neun Mitarbeitern in Stans, dort wird alles gemacht und geplant.

Zeit für Ihre Familie haben Sie auch?

DJ Bobo: Ja, aber ich muss sehr aktiv planen. Ich schaue, wann die Kinder frei haben, und richte mich wenn möglich nach den Schulferien.

Sehen Sie Ihre Kinder weniger als ein Vater mit Bürojob?

DJ Bobo: Ich glaube, ich habe mehr Zeit, aber nicht so regelmässig.

Sind Sie ein guter Papa?

DJ Bobo: Ja! Bewusst, engagiert – die Kinder finden, ich sei sehr streng. Sie mögen klare Leitlinien.

Kürzlich sah man Sie in der Sendung bei Schawinski, da liessen Sie sich alles andere als auseinandernehmen. Sie lassen sich nicht so rasch aus dem Konzept bringen, wie es scheint.

DJ Bobo: Das braucht man in diesem Business, vor allem darf man nichts verstecken. Man muss ehrlich sein und die Hosen runterlassen.

Sie scheinen auch absolut affären- und skandalfrei zu sein.

DJ Bobo: Es gibt immer wieder Versuche, mir was anzuhängen, gerade eben wollte man mir eine Affäre mit dem Schlagerstar Andrea Berg andichten. Das kann mühsam sein, weil damit dann meine Frau konfrontiert wird. Wenn ihre Freundinnen fragen, ob sie ihren Mann nicht mehr im Griff habe, dann hört der Spass auf.

Ist denn nichts dran?

DJ Bobo: Nein, wir arbeiten sehr intensiv mit Andrea zusammen, eine ganz intime Zusammenarbeit, aber da ist auch meine Frau und ihr Mann dabei. Aber es ist klar: Einem, der so lange so sauber ist, dem würde man gerne mal einen Skandal andichten. Ich bin immer transparent, wenn ich tatsächlich mal eine Affäre hätte, würde ich es wohl nicht verheimlichen. Wenn man einen «Seich» macht, muss man einfach dazu stehen, fertig.

Sie sind ein Star ohne Ablaufdatum: Vor zwanzig Jahren standen Sie schon auf der Bühne, werden Sie in zwanzig Jahren immer noch auftreten?

DJ Bobo: Warum nicht, das wäre doch schön.

Was bedeutet Ihnen Musik, was hören Sie zu Hause – DJ Bobo?

DJ Bobo: Meine eigene Musik nicht. Ich bin ein poppiger Konsument, ich liebe Backstreet Boys, Bruno Mars, Lady Gaga und auch Sachen aus meiner Jugend.

Sie sind 46, haben Sie Mühe mit dem Altern?

DJ Bobo: Seit ein paar Jahren habe ich eine dauernde Midlife-Crisis. Wenn ich auf der Bühne stehe mit meinen 25-jährigen Tänzern, die frisch aus New York von der Tanzschule kommen, stählerne Muskeln haben und jede Pirouette perfekt sitzt und ich mit denen tanzen muss, bekomme ich jedes Mal eine Midlife-Crisis (lacht). Darum tanze ich weniger und entertaine dafür mehr. Ich gehe proaktiv mit dem Altern um, schaue mich auf Video an und analysiere, was noch drinliegt und was nicht. Es soll einfach nie peinlich aussehen.

Sie haben einen Vater, den Sie erst mit 33 kennen lernten. Wie ist das Verhältnis heute zu ihm?

DJ Bobo: Speziell. Ich weiss, dass es mein Vater ist, aber es ist letztlich ein Fremder. Und das bleibt auch so, es fehlen uns halt 33 Jahre. Aber er hat jetzt zwei Enkel und damit eine Art zweite Chance erhalten. Das macht er sehr gut, und dadurch bin ich ihm auch ein wenig nähergerückt. Sonst wäre er einfach ein älterer italienischer Herr. Die Kinder nehmen ihn als Nonno wahr, das freut mich. Aber ich selber werde wohl nie ein Sohn-Vater-Gefühl haben, dafür ist es nach all den Jahren für beide zu spät.

Hinweis

Tourdaten Schweiz: 29. 5. 2014 (Auffahrt) in Basel (St.-Jakobs-Halle), 30. 5. 2014 in Bern (Postfinance-Arena), 31. 5. 2014 in Zürich (Hallenstadion)